Stipendiaten der Heinz-Kühn-Stiftung bloggen ihre Recherchen und Erlebnisse.

„Stell‘ dich auf harte Verhandlungen mit Taxifahrern ein“, haben mir Freunde gesagt, bevor ich nach Beirut geflogen bin. Anders als anderswo in der arabischen Welt gibt es in libanesischen Taxen nämlich kein Adat, kein Taxameter. Wer neu nach Beirut kommt, sollte die Preise also kennen und aushandeln, bevor er in ein Taxi steigt. Hinzukommt, dass es zwei Arten von Taxifahrten gibt: Bei der herkömmlichen reist man allein und zahlt den vollen Preis, in der Regel umgerechnet fünf Euro. Nimmt man jedoch ein Service, ein Sammeltaxi, dürfen unterwegs andere Leute zusteigen. Dafür kostet es dann nur noch zwischen ein oder zwei Euro. Soweit die Theorie. In der Praxis heißt es: Einmal auf dem Rücksitz ist jeder Reisende Gefangener des Taxifahrers.

Taxifahren in Beirut geht nur mit starken Nerven

Taxifahren in Beirut geht nur mit starken Nerven

Das gilt für Ausländer noch mehr als für Einheimische. „Falls es dich tröstet“, sagte mir ein libanesischer Bekannter, „sie ziehen auch uns ab.“ Aber es geht nicht ums Abziehen, es geht ums Prinzip! Also stehe ich morgens an der Straße, innerlich gewappnet auf den verbalen Verhandlungstamtam. „Ten dollars, good price!“, lacht der Taxifahrer, „Für weniger fahre ich nicht.“ Ich winke ab, und er fährt weiter.

Ich wohne in einem Stadtviertel auf einem kleinen Hügel. Zu Fuß würde ich wohl eine knappe Stunde bis in die Innenstadt und ans Meer brauchen. Also laufen?! Weit komme ich nicht. Hinter mir hupt ein Taxifahrer, nächster Versuch.

Hupen heißt "Willst du mitfahren?"

Hupen heißt „Willst du mitfahren?“

Recht schnell schaffe ich es, den Fahrer auf die Preise für Einheimische festzunageln. Aber Vertrag ist für ihn nicht Vertrag. Ich buche Taxi und trotzdem hält er an und lässt eine ältere, gut gekleidete libanesische Dame auf dem Beifahrersitz Platz nehmen. „Entschuldigung“, sage ich, „Madame kann gerne mitfahren, aber dann zahle ich weniger.“ Doch der Taxifahrer bleibt uneinsichtig. Wo denn das Problem sei, will er wissen, schließlich sei ich Ausländerin. Ausländerin wohl, antworte ich, „aber das heißt noch lange nicht, dass ich mich für dumm verkaufen lasse“. Auch meine libanesische Mitfahrerin hält nichts mehr auf ihrem Sitz. Wohin der Libanon nur gekommen sei, empört sie sich. Überall auf der Welt seien die Menschen ehrlich und aufrichtig – sogar in den arabischen Nachbarländern. „Aber hier im Libanon? Eine Schande!“

Normalerweise helfen Gezeter und wüste Worte, um einen Taxifahrer zu bändigen, aber dieser ist von der seltenen ganz sturen Sorte. Er versucht, die Madame davon zu überzeugen, dass ich im Unrecht sei, dass ich für einen überhöhten Preis einem Sammeltaxi zugestimmt habe. „Entschuldigung“, sage ich, „so nicht. Sie lügen. Ich steige sofort aus!“

„Ich komme mit“, ruft die ältere Dame und greift bei voller Fahrt zum Türgriff. Aussteigen ist das letzte Druckmittel, und es wirkt. „Bitte, bitte, meine Damen. Alles nur nicht aussteigen!“ Der Taxifahrer fährt mich bis vor meine Haustür. Für Madame wird er jetzt wohl auch einen Umweg fahren. Ich bedanke mich bei ihr. „Es tut mir leid“, sagt sie, „wir sind nicht alle so.“

„Ich weiß“, antworte ich und füge in Gedanken hinzu, „nur die Taxifahrer sind so“. Deshalb steht für mich fest: Ich ziehe um. In die Innenstadt. Bye, bye Taxi!

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