Stipendiaten der Heinz-Kühn-Stiftung bloggen ihre Recherchen und Erlebnisse.

Reden wir über Geld.

„Soll ich Dir eine Frau besorgen?“ fragt mich ein Jugendlicher in knielangen Hosen aus der Nachbarschaft. Er sieht aus wie ein 16-Jähriger, könnte aber auch 14 oder 18 sein.

„Wie bitte?“ frage ich – halb aus Überraschung, halb, weil ich tatsächlich nicht sicher bin, ob ich das liberianische Englisch richtig verstanden habe.

„Eine Frau“, sagt er. Dann steckt er den Zeigefinger seiner rechten Hand in die linke Faust, zieht ihn rein und wieder raus – um mir zu zeigen, was man mit einer Frau so alles machen kann.

„Nein, danke“, sage ich.

Er macht einen gedehnten „Ah“-Laut, lacht und sagt: „Ach so, ich soll Dir lieber einen Typen besorgen.“

„Nein, danke“, sage ich noch einmal. Er blickt mich mit einer Mischung aus großer Überraschung und noch größerem Unverständnis an. Da kommt dieser weiße Typ von soweit hierher – und dann will er sich von all seinem Geld noch nicht mal einen Menschen kaufen, mit dem er im Bett oder sonst wo machen kann, was er will! Zur Hölle, wie seltsam ist der denn drauf!

Liberia ist eine archaische Gesellschaft. Es läuft nach dem Willen des Stärkeren – und der Stärkere ist derjenige, der das Geld hat. Dieses Muster hat Geschichte. Liberia wurde von freigelassenen Sklaven aus den Vereinigten Staaten gegründet, die dann die eigentlich einheimischen Stämme unterdrückten. Irgendwann gab es einen Putsch, dann noch einen Umsturz, jahrelangen Bürgerkrieg – und heute regiert wieder das Geld. Ob das der reichen afrikanischen Oberschicht oder auch das von Weißen, die in den Augen vieler Liberianer alle Millionäre sein müssen. Und aus ihrer Sicht haben sie damit ja gar nicht mal Unrecht.

Ich bin 34 Jahre alt. Ich bin in einem westdeutschen Reihenhaus aufgewachsen, mit einem hübsch gepflegten Garten, in dem ich unbehelligt spielen konnte – auch wenn Fußball im Garagenhof attraktiver war. Ich habe das Gymnasium besucht, danach gebührenfrei studiert und war auch (weniger gebührenfrei) ein Semester lang in den Vereinigten Staaten. Heute habe ich einen Job, von dem ich gut leben kann. 34 Jahre Wohlstandsgesellschaft. Wer sieht, womit viele hier auskommen müssen, weiß: Ich könnte mich über mein Leben nicht beschweren, wenn ich morgen tot umfallen würde.

Als auf einen Blick erkennbarer Erste-Welt-Mensch komme ich mir hier allerdings gelegentlich vor wie jemand, der angezogen in der Sauna herumläuft – was auch deshalb treffend ist, weil mich die hohen Temperaturen hier ganz schön ins Schwitzen bringen. Die Angst, man könnte überfallen werden, kommt ja auch letztlich vor allem daher, dass das eigene Handy mehr Wert ist als das, was viele hier im Lauf des Monats an Geld zur Verfügung haben. Wer über Geld verfügt, hat die Macht – aber eben auch die Angst, dass sie ihm jemand wegnimmt.

Ein Indiana-Jones-ähnlicher Amerikaner, der hier mit allerlei Geschäften sein Geld verdient, sagte mir, er sei überhaupt nicht reich. Er sei auch deshalb hier, weil hier 30.000 Dollar die Welt bedeuten könnten. Wie also gehe ich mit meinem neuen Dasein als Superreicher um? Ich gebe gute Trinkgelder, ich zahle gern etwas mehr als die anderen, wenn ich mit den Liberianer Sammeltaxi fahre. Aber ich laufe auch an denen, die mich um Geld anbetteln, einfach vorbei. Nicht, weil ich ihnen nichts gönnen würde. Sondern, weil ich ahne, dass ich mich vor lauter Bettlern nicht mehr bewegen könnte, wenn sich rumspricht, dass ich etwas gebe.

Vor kurzem war ein anderer Junge aus der Nachbarschaft bei mir. Ob ich ihm nicht ein Handy kaufen könne, hat er gefragt. Das ginge nicht, habe ich gesagt. Das war natürlich gelogen.

Ich habe mir sein Gesicht bemerkt. Ich denke, er bekommt eins – aber erst kurz vor meiner Abreise.

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