Stipendiaten der Heinz-Kühn-Stiftung bloggen ihre Recherchen und Erlebnisse.

„Mit einem Taxi nach Paris, nur für einen Tag. Mit einem Taxi nach Paris, weil ich Paris nun mal so mag.“ Wenn ich auf längeren Auslandsaufenthalten bin und damit auch die eigene Sprache ein Stück weit hinter mir lasse, meldet sie sich meist irgendwann zwischendurch auf eine bizarre Art und Weise zurück.

Nein, ich bin nicht auf dem Weg nach Paris. Aber als ich in Sinkor ins Taxi steige – in dem recht gehobenen Stadtteil, wo ich wohne, aber auch viele Hilfsorganisationen residieren –, um in die laute, schmutzige, belebte Innenstadt von Monrovia zu fahren, meldet sich plötzlich dieser Song in meinen Kopf. Vielleicht, weil er ja auch den Traum von der schnellen und bequemen Mobilität erzählt. Von der ist in der liberianischen Hauptstadt tatsächlich noch nicht viel zu spüren.

Man nehme Dritte-Welt-Infrastruktur, verbinde sie mit dem Mobilitätsbedürfnis der Menschen in einer Millionenstadt und man erhält: den Verkehrsinfarkt, aber auch die sich beständig wiederholende Wiederbelebung. Und auf jeden Fall viele Erlebnisse. Mit anderen Worten: man erhält nicht immer das, was man will, erst recht nicht dann, wenn man es will – aber irgendwas erhält man auf jeden Fall.

Das Sammeltaxi ist das billigste, aber auch unbequemste Fortbewegungsmittel hier. Wer mitfahren will, stellt sich an strategischen Punkten am Tubman Boulevard auf, der wichtigsten Straße in Monrovia. Wann immer ein Taxi vorbekommt, in das sich noch irgendwie jemand quetschen kann, darf einer zusteigen. Ich persönlich bin zu dem Ergebnis gekommen, dass ich nicht mit mehr als sechs Leuten in einem normalen Pkw fahren werde. „Hey Kleiner, leg Dich über mich!“ – dieses Angebot einer, nun ja, kräftigen Frau in einem bereits überbelegten Auto habe ich mit einem freundlichen Lächeln, aber auch mit einer klar abwinkenden Handbewegung abgelehnt.

Es gibt nicht viele Europäer hier, die mit den Liberianern Taxi fahren – was auch daran liegen dürfte, dass die meisten Europäer hier über ein größeres Budget verfügen als ich. Viele halten es aber auch für zu gefährlich. Als ich meinen liberianischen Vermieter darauf ansprach, hat er gelacht. „Was soll denn daran gefährlich sein, außer dass es in so einem Taxi ganz schön heiß werden kann?“ fragte er.

Rational betrachtet, ist diese Einschätzung einigermaßen zutreffend: Da müssten sich ja gleich mehrere, zufällig zusammengefundene Fahrgäste spontan zusammentun, um in Komplizenschaft den Weißen im Wagen auszurauben. Der davon abgesehen ja in der Regel nicht sein gesamtes Privatvermögen bei sich trägt. Überfälle können natürlich trotzdem passieren. Wie überall auf der Welt.

Was der Fahrgast aber auf jeden Fall einkalkulieren sollte, ist die Möglichkeit von Ohrenschmerzen. Bisweilen wird in so einem Taxi so laut kommuniziert wie auf einem Markt. Mit dem Fahrer als Marktschreier und dem Rest, der dazwischen ruft. Gern könnte ich das liberianische Englisch besser verstehen – es verschluckt viele Buchstaben, setzt dafür aber als Glasur einen fremden, westafrikanischen Klang auf die verbliebenen. Aber auch so erhalte ich eine schrille Show.

Wenn ich aussteigen will, steuert der Fahrer am Haltepunkt an den äußersten Rand der rechten Straßenseite, ich drücke ihm 50 liberianische Dollar in die Hand und schlängele mich aus dem engen Gefährt heraus. Bisher hat mir noch jeder Fahrer hinterhergerufen: „Vergiss Dein Wechselgeld nicht.“ Ich nehme es nie. Die Fahrt kostet eigentlich 20 liberianische Dollar. Das entspricht einen Viertel US-Dollar. Der Fahrer hat in der Kasse eine Menge Papier. Viel Geld ist es nicht.

Was definitiv gegen die Sammeltaxis spricht, ist, dass womöglich längere Zeit keines anhält, weil alle bereits überbelegt sind. Mir ist das passiert, als ich einen Termin hatte, der zu Fuß nicht viel mehr als 20 Minuten von meinem Apartment entfernt war. In der liberianischen Mittagshitze kam ich trotzdem so verschwitzt an, als wäre ich nicht halbwegs gemächlich gegangen, sondern als hätte ich 90 Minuten Fußball gespielt. Mein Interviewpartner fragte: „Mein Gott, du siehst fertig aus. Wie bist du hergekommen, bist Du Motorradtaxi gefahren?“

Das ist – neben der Option, gelegentlich einen privaten Fahrer zu engagieren – das noch verbliebene Mittel der Fortbewegung. Ich persönlich halte – no offence, liebe Biker – Motorradfahren normalerweise für ein recht bescheuertes, unnötiges Risiko. Und, sagen wir mal so, ich habe schon sicherere Verkehrsverhältnisse als in Monrovia gesehen. Aber Stefan, ein Entwicklungshelfer, meinte, er hätte eventuell noch einen Helm für mich. Darüber muss ich dann doch mal nachdenken.

Denn mit dem Motorrad heißt es: ab durch die Mitte. Was für ein Traum! Alles steht, aber die Maschine, auf der ich sitze, fährt – wenn auch nicht nach Paris.

Aber, ganz ehrlich, wer wollte da schon hin?

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