Stipendiaten der Heinz-Kühn-Stiftung bloggen ihre Recherchen und Erlebnisse.

Was sollte man tun, wenn man in ein fremdes Land kommt und wissen möchte, was die Leute beschäftigt? Sicher, in der Öffentlichkeit bekommt man die eine oder andere Unterhaltung mit oder kommt direkt mit Leuten ins Gespräch. Es hilft auch, Nachrichten in Fernsehen, Zeitung oder Internet zu verfolgen, um sich ein Bild davon zu machen, worum sich die öffentlichen Diskussionen so drehen.

Es gibt aber auch noch eine weitere Quelle, die dabei hilft – und gleichzeitig zur persönlichen Unterhaltung beiträgt. Die Rede ist von Satirezeitschriften, die das aktuelle Zeitgeschehen überspitzen und so den Lesern näherbringen. In den dreieinhalb Jahren, die ich in Madrid lebte, habe ich die spanische Satirezeitschrift „El Jueves“ kennen und lieben gelernt. Jedem, der Spanisch lesen kann, empfehle ich einen Blick in das Heft. Mit demselben Ansatz, nur auf Mexiko bezogen, habe ich „El Chamuco“ entdeckt. Das Blatt bringt alle zwei Wochen die aktuellen Themen aus Politik und Gesellschaft bissig auf den Punkt, ist gerne albern und schießt ab und zu über das Ziel hinaus.

Chamuco

Besonders haben sich die Macher auf den aktuellen Präsidenten des Landes, Enrique Peña Nieto, eingeschossen. Seine Energie-, Bildungs- und Steuerreformen sind im Land sehr umstritten. Unter anderem sollen ungesunde Lebensmittel wie Limonade höher besteuert werden, da die Mexikaner mittlerweile im Durchschnitt dicker als die US-Amerikaner sind. Herausragendes Merkmal Peña Nietos (der zuvor als Gouverneur des Bundesstaates México politische Karriere machte) ist in den Chamuco-Cartoons stets sein hochgegeltes Haar.

Vielleicht ist die mexikanische Politik auch wirklich nur mit Satire verkraftbar. Laut Transparency International ist das Land in Sachen Korruption auf Platz 105 von 176 – wobei der erste Platz der am wenigsten korrupte Staat innehat. Der mexikanische Präsident, gerne mit EPN abgekürzt, hat die ehemalige Staatspartei PRI (Partido Revolucionario Institutional) nach zwölf Jahren in der Opposition wieder an die Macht geführt. Die Partei hatte von 1929 bis 2000 ununterbrochen die (demokratisch nicht legitimierte) Regierung des Landes gestellt. Im Wahlkampf 2012 verteilte die PRI unter anderem Prepaid-Karten der großen Supermarktkette Soriana an die Wahlberechtigten – gegen eine Kopie der Wahlbescheinigung und einem Handyfoto mit dem Kreuz an der richtigen Stelle hinterher.

Die Stärken von Peña Nieto? Vor allem bringt er Glamour mit: Er ist verheiratet mit einer bekannten Telenovela-Darstellerin, mit 47 Jahren relativ jung und – zumindest für einen Regierungschef – überdurchschnittlich attraktiv.

Wie gesagt, vielleicht ist die mexikanische Politik wirklich nur mit Satire verkraftbar. „El Chamuco“ hilft auf jeden Fall dabei, das politische und gesellschaftliche Zeitgeschehen zu verdauen. Nicht umsonst heißt der volle Titel der Zeitschrift „El Chamuco y los hijos del Averno“, auf Deutsch „Der Teufel und die Kinder der Hölle“.

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