Stipendiaten der Heinz-Kühn-Stiftung bloggen ihre Recherchen und Erlebnisse.

Chinois„Le Chinios“ – das hier ist der kleine Lebensmittelladen an der Ecke. In der Metropole (so wird Frankreich genannt) heißen die „Épicier“. Die Büdchen oder Kioske in Köln können da nur sehr begrenzt mithalten. Beim Chinios gibt es einfach alles. Von alltäglichen und lebensnotwendigen Dingen wie Wasser, Zeitung, Brot und Bier über Konserven, Schokolade, und Joghurt bis hin zu Schrubbern Plastiktischdecken, Badelatschen und Büroklammern. Manchmal ein bisschen vergilbt und verblasst, aber es gibt dort alles zu kaufen – vorausgesetzt man ist bereit einen Preis dafür zu zahlen. Ein Einkauf beim Chinois kann schnell mal das Doppelte kosten – verglichen mit einem großen Supermarkt. Käse für fünf Euro – kein Problem auch wenn es ein billiger Camembert ist.

Erstaunlich sind bisweilen die Weinregale. Selbst beim kleinen, relativ runtergerockten Chinesen bei mir um die Ecke, wo die Schiebetüren der Kühlschränke bereits mehrfach mit Klebeband repariert wurden und kurz davor sind, dem nächsten Kunden auf der Suche nach einem kühlen Bier in der Hand zu zerschellen. Das Weinregal hingegen kann sich sehen lassen. Auswahl, Qualität und vor allem der Preis sind im Vergleich zum restlichen Angebot im Laden, der stets in grau-gelbes Neonröhrenlicht getaucht ist, irritierend. Man könnte meinen, na die Franzosen, die wissen halt wie man lebt. Aber es sind ja die Chinesen.

Ein Chinese namens Tokyo

Umso mehr hat es mich eines Tages verwundert, als ich realisiert habe, dass mein Chinese schräg gegenüber „Tokio“ heißt. Die Besitzer, ein Ehepaar, das leicht grau wirkt, möglicherweise auch nur durch das lange Herumsitzen im bereits erwähnten Licht, sind beide sehr freundlich. Besonders die Frau spricht einwandfreies Französisch, so lange es sich um Bonjour, au revoir und um die Zahlen, also Preise handelt. Neulich habe ich sie gefragt, woher sie denn eigentlich kommen und ob sie Japaner seien? Erst haben die beiden ein bisschen verwirrt geschaut und dann etwas gesagt, das ich nicht verstanden habe. Ich wiederholte also meine Frage mit der Erklärung, dass der Laden schließlich „Tokio“ heiße. Der Mann lacht und schüttelt den Kopf. Er sagt irgendwas, das sich anhört wie „Jaja, Japan gibt es auch“.

Seine Frau, die immer an der Kasse sitzt und besser Französisch spricht als ihr Mann sagt: Chinois. Man merkt eine gewisse Verwunderung, wenig Verständnis für meine Schlussfolgerung und Frage. Vor allem liegt so ein unangenehmes Gefühl in der Luft als hätte ich die beiden gefragt, wie oft sie denn wohl duschen würden bei dieser Hitze. Jetzt bin ich etwas irritiert. Ich lächle und füge hinzu – mit der Hoffnung auf den Fremden-Bonus: „Ich komme aus Deutschland.“ Die Frau ist wieder verwirrt, schüttelt den Kopf und antwortet: „Das kenn ich nicht.“ „In der Nähe von Frankreich“, füge ich schnell hinzu. „Aha“, antwortet die Chinesin. Ich nehme mein Baguette und meine Zeitung und frage mich auf dem Weg nach Hause, ob sie möglicherweise auch nicht genau weiß, wo Frankreich, jenseits von Guyana, liegt.

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