Stipendiaten der Heinz-Kühn-Stiftung bloggen ihre Recherchen und Erlebnisse.

Mohammed Mrini sagt, er sei eigentlich weit davon entfernt, Royalist zu sein – was in Marokko recht ungewöhnlich ist, denn entweder lieben alle den König oder behaupten es zumindest. Mohammed Mrini aber ist ein kritischer Journalist, der für „La Chronique“ schreibt, eine Wochenzeitung, die im Norden Marokkos erscheint. Und er nimmt kein Blatt vor den Mund, wenn es etwas deutlich auszusprechen gilt. Doch Mrini gibt zu, dass er sich seit einiger Zeit vor lauter royalistischen Neigungen kaum wieder erkennt. Denn das, was König Mohammed VI. für seine, Mrinis, Heimat getan hat und noch tut, sei wirklich „außergewöhnlich“. 40 Jahre lang habe sich niemand für den Norden Marokkos interessiert, und jetzt gehe es spürbar aufwärts, vor allem mit seiner Heimatstadt Tanger: Der neue Hafen brummt, die Immobilienbranche boomt, es gibt in allen Bereichen mehr Arbeitsplätze, die gut ausgebildeten Leute ziehen nicht mehr weg nach Casablanca oder Rabat – da muss selbst Mrini dem König applaudieren.

Doch Mrini wäre nicht der scharfzüngige Kolumnist, der er ist, würde er nicht auch die Schattenseiten dieses Booms benennen: Aus dem ganzen Land kommen sie ins vermeintliche Eldorado geströmt, Prostitution, Drogenhandel, Immobilienspekulation blühen. Und Tanger war nicht vorbereitet auf diesen plötzlichen Zustrom – die Straßen fassen die Zahl der Autos nicht, es fehlt an bezahlbarem Wohnraum. Der Staat hat zwar ein Programm für Sozialwohnungen aufgelegt. Aber, sagt Mrini verärgert, der Mindestlohn in Marokko liegt bei 2000 Dirham im Monat. Eine Sozialwohnung kostet 1500 bis 2000 Dirham – wer soll das bezahlen? Konsequenz: Überall entstehen illegale Siedlungen, die der Staat dann wiederum bekämpft.

Man merkt Mohammed Mrini an, dass ihn die Fehlentwicklungen in seiner Heimatstadt schmerzen. Mrini ist in der Medina aufgewachsen, in der Altstadt, und sein Herz hängt an Tanger. Seinem Beruf geht er mit Herzblut nach, obwohl er fast allein jede Woche die sieben französischsprachigen Seiten seiner Zeitung füllen muss. Und am Samstag fährt er an den Stadtrand von Tanger und unterrichtet in einem Kulturzentrum Jugendliche in Französisch. Ohne Gegenleistung, versteht sich. Es ist ihm wichtig, dass die jungen Leute eine Chance bekommen.

Irgendwann hat der Zug den falschen Abzweig genommen, hat das falsche Idealbild von Tanger sich durchgesetzt, meint Mohammed Mrini: „Viele sehen die Stadt heute so: In Tanger verdienen wir einen Haufen Geld, das wir im Casino ausgeben, tagsüber spielen wir Golf – das ist eine ungute Entwicklung, von der die Stadt nichts hat.“ Seiner Meinung nach müsste man mehr auf Kulturtourismus setzen und mehr aus dem internationalen Flair Tangers und der Tatsache machen, dass man von Spanien aus in Nullkommanichts in Afrika ist und einfach mal so den Kontinent wechseln kann.

Im Moment aber, meint Mrini, gehe man zu wenig auf Tangers traditionelle Scharnier-Funktion zwischen Europa und Afrika ein. Stattdessen setze man einerseits auf Elite-, andererseits auf Massentourismus. Und für die Küste sieht er eine ähnliche Zukunft heraufziehen wie für die Costa Blanca und die Costa del Sol im gegenüberliegenden Spanien, die mit Bettenburgen überzogen sind – zwar seien die marokkanischen Verantwortlichen sich der Gefahren bewusst, vor allem was den Verlust von kulturellem und Naturerbe betrifft, „aber das ist wirklich ihre allerletzte Sorge“.

Dina Netz, Tanger, 24.3.2010

Archive