Stipendiaten der Heinz-Kühn-Stiftung bloggen ihre Recherchen und Erlebnisse.

Als ich nachts aufwache, weil Regen so laut wie ein Dutzend Presslufthämmer auf mein Dach knallt, verstehe ich erstmals, wieso einige der Gallier in Asterix und Obelix Angst davor haben, ihnen könnte der Himmel auf den Kopf fallen. Ich stehe auf, trete ans Fenster, schiebe langsam den Vorhang vor und sehe, aller Dunkelheit zum Trotz, die dicksten Regentropfen, die mir je in meinem Leben untergekommen ist. Irgendwie sieht es einen Moment lang so aus, als wäre im Himmel ein Laster umgekippt – und jetzt würde eine Riesenladung Weintrauben vom Himmel fallen.

Die Regenzeit ist offiziell seit Ende Oktober vorbei. Hat dem Regen nur keiner gesagt. Oder er hält sich einfach nicht immer dran.

Er kommt vor allem nachts. Aber neulich brach er auch urplötzlich am Tag los, als ich für eine Geschichte mit liberianischen Bewährungshelfern (ja, so etwas gibt es hier, wenn auch noch nicht in allzu großer Zahl) auf dem Weg zu der Mutter eines jungen Häftlings unterwegs war. Das Komplizierte an dieser Art Recherche ist, dass die Menschen, die nicht in den besseren Vierteln der Hauptstadt leben, zurückhaltend formuliert, eher keine exakten Adressen haben. Nachdem wir uns also schon fünf oder sechs Mal weitergefragt haben, ohne an die richtige Stelle zu gelangen, schießt das Wasser vom Himmel runter. Wir flüchten uns unter Vordach einer kleinen Hütte und – siehe da – die Hausherrin kennt die Frau, die wir suchen.

Der Regen hat also auch gute Seiten – zumal er immer wieder eine Abkühlung bringt. Ein regennasses Hemd riecht besser als ein schweißnasses.

Für alle, die es nicht gewohnt sind, muss die richtige Regenzeit, die im Mai beginnt die Hölle sein. Tropisches Klima hin, tropisches Klima her: Der Himmel ist monatelang bewölkt, der Regen fällt praktisch ununterbrochen. „Es ist sehr, sehr ernüchternd, wenn man hier zur Regenzeit seinen Dienst antritt“, hat mir ein Deutscher, der für die Vereinten Nationen im Land ist, berichtet. Tina, die Frau meines Vermieters erzählt, in ihrer Kindheit hätten sie sehr gern im Regen gespielt. „Er hat uns nicht gestört, er war ja einfach da.“ Heute seien viele dem Regen nicht mehr so zugetan. Liegt vielleicht auch daran, dass man nach der Regenzeit sein Haus jedes Mal neu streichen muss.

Diejenigen, die auf dem Höhepunkt der Trockenzeit erstmals das Land betreten haben, erzählen, es sei gewesen, als wären sie beim Ausstieg aus dem Flieger gegen eine heiße Wand gelaufen. Eine Bewegung, ach was keine Bewegung – und schon waren sie klitschnass.

Den Kampf mit der Hitze kenne ich – selbst jetzt schon. Wenn ich mal zu lange in der Sonne auf ein dann selbstverständlich auch noch überfülltes Taxi warten musste oder 100 Meter leichtfertig zu schnell gegangen bin, geht es los. Man kommt dann schon mal in einem Zustand zu Terminen, bei dem mir meine Fußballmannschaft, würde ich so zum Training auftauchen, vermutlich sagen würde: „Äh, Tobias, schön dass du da bist, aber willst du vielleicht vorm Spiel schon mal duschen.“

Die Menschen hier nehmen das sehr gelassen. Sie wissen, dass Weiße, gerade wenn sie neu hier sind, oft als Kühe daherkommen: nämlich gefleckt. Kühe sind ja in vielen Kulturen sehr angesehen. Manchmal sogar heilig.

Während ich mal wieder am Strand mit den Füßen im Wasser stehe – der Strand ist wirklich der angenehmste Ort, weil hier ein kühlender Wind weht – denke ich, dass es die richtige Entscheidung war, zum Übergang von der Regenzeit auf die Trockenzeit hierher zu kommen. Die Hitze hält sich zumindest noch ein kleines bisschen zurück, und die Vegetation ist noch grün.

Mit Regen- und Trockenzeit ist das tropisch-feuchte Klima hier von zwei extremen Polen geprägt – und damit auch ein Sinnbild für die liberianische Geschichte. Das Land war immer eines der großen Unterschiede: Freigelassene Sklaven aus Amerika unterdrückten für viele Jahre die eigentlich einheimische Bevölkerung. Es kam zum Putsch, zu Chaos und Bürgerkrieg. Heute zieht sich die Trennung von arm und reich wie ein riesiger Riss durch diese Gesellschaft, die schon mehr als einmal nicht nur in den Abgrund geschaut hat, sondern hineingefallen ist.

Gute Übergänge gibt es viel zu selten.

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