Stipendiaten der Heinz-Kühn-Stiftung bloggen ihre Recherchen und Erlebnisse.

„Hallo“, meldet sich eine Frauenstimme, vom Ton her irgendwo zwischen krächzend, und verschlafen angesiedelt.

„Hi, hier ist Tobias. Ich möchte Thomas sprechen“, sage ich. „Er wollte mich vor einer halben Stunde abholen.“

„Ich weiß nicht, warum du anrufst“, entgegnet die Frau.

„Das ist doch die Handynummer von Thomas. Ich habe sie ja gestern gespeichert. Ich warte auf ihn“, sage ich – aber irgendwo zwischen „warte“ und „auf“ hat die Frau schon aufgelegt. Verdammt, wie geht es jetzt weiter?

Eine weitere halbe Stunde später ist der Fahrer, den ich am Tag zuvor für 9:30 Uhr bestellt habe, tatsächlich bei mir. Als ich demjenigen, der mir Thomas zuvor als besonders zuverlässigen Fahrer empfohlen hat, davon erzähle, sagt er ohne Ironie: „Was regst Du Dich auf? Es geht doch nur um eine Stunde Verspätung.“ Er schaut mich dabei an, als hätte ich noch nicht begriffen, dass für so viel Pünktlichkeit ja wohl echt mal ein richtig gutes Trinkgeld hätte drin sein müssen.

An dem Klischee, man würde oft erst im Ausland seine eigenen Wurzeln entdecken und zu schätzen lernen, ist vielleicht doch mehr dran, als ich mal dachte. Ja, ich bin ein deutscher Langweiler und Spießer!  Wenn ich einen Fahrer für 9:30 bestelle, dann bin doch tatsächlich zu diesem Zeitpunkt auch abfahrbereit – und warte auf ihn, womöglich stehe ich sogar schon vor der Tür.

Vor allem aber lasse ich denjenigen, mit dem ich mich später treffen will, nur äußerst ungern eine Stunde oder mehr über den vereinbarten Zeitpunkt hinaus warten. Auch wenn diese Leute bei meinen Entschuldigungsanrufen immer sagen: „Machen Sie sich keine Sorgen. Als Sie gesagt haben, dass Sie nicht mit einem eigenen Auto kommen, wussten wir schon, dass es völlig unklar ist, ob und wann Sie hier ankommen.“

Am erstaunlichsten finde ich, wie irritiert manch ein Fahrer reagiert, wenn man ihn nach einer halben, dreiviertel oder sogar nach einer ganzen Stunde Verspätung anruft und fragt, ob er einen womöglich vergessen habe. Nein, wie ich denn auf so etwas auch nur kommen könnte, entgegnet der Fahrer dann. Und: „Ich bin ein Profi, ich weiß, welche Fahrten ich habe.“ Nur offenbar nicht wann – oder aber, was es wohl eher trifft, dieser zeitliche Aspekt ist ihm vollkommen egal. Dennoch möchte ich mich an dieser Stelle selbstverständlich ausdrücklich entschuldigen, wenn ich irgendjemandem durch meine kleinlichen Anfragen in seiner Berufsehre verletzt haben sollte…

Es bieten sich ja auch tolle Gelegenheiten über viele Dinge nachzudenken, während man wartet. Thomas lässt mich beim Abholen nämlich nicht nur eine, sondern mehr als zwei Stunden sinnlos rumsitzen. Nach den ersten 60 Minuten erwäge ich zwar einen anderen Fahrer anzurufen, aber bei dem würde die Zeitrechnung ja von neuem beginnen – und ich bin in diesem Moment alles andere als sicher, ob er mich in diesem Wust nicht-asphaltierter Straßen in einem Armenviertel Monrovias finden würde.

Warum nur, frage ich mich also, bin ich nicht doch Lateinlehrer geworden? Ich hätte nach Herzenslust ein paar schlechte Noten verteilt, dafür hätte ich auf Kurstreffen kräftig mitgebechert – und so mein Ansehen in der Schülerschaft halbwegs gesichert. Und, im Ernst: Ich würde jetzt nicht an diesem entlegenen Punkt im Nirgendwo sitzen, ohne zu wissen, ob ich hier jemals wieder wegkomme!

Während ich also ein Wechselbad von Wut, Selbstmitleid, Lethargie und blanker Verzweiflung durchlebe, gelingt es mir auch endlich, eine überzeugende Theorie zu entwickeln, warum in Liberia bis heute von Fällen von Kannibalismus berichtet wird. Wenn eine größere Gruppe von Menschen wochenlang aufs Taxi wartet, können so wenigstens einige von ihnen überleben.

So muss es sein, ich bin mir sicher. Fachmagazine dieser Welt, räumt Eure Seiten leer!

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