Stipendiaten der Heinz-Kühn-Stiftung bloggen ihre Recherchen und Erlebnisse.

„Ich muss eigentlich demnächst mal dran sein“, meinte ich kürzlich noch scherzhaft zu meiner brasiliansichen Vermieterin, denn schließlich bin ich hier noch nie beklaut, bestohlen, bedroht oder bedrängt worden. Lange kommt man mit so viel Glück in Rio de Janeiro normalerweise nicht aus. Tja, gestern war es dann auch bei mir soweit. Im Bus auf dem Weg zum Interview riß mir an der nächsten Haltestelle ein Mann das Handy aus der Hand. „Verdammt, jetzt komme ich zu spät zum Interviewtermin“, schoß es mir als erstes durch den Kopf als ich dem Räuber entgegen aller Reiserführer-Ratschläge hinterhersprang. Der Bus rauschte davaon. Es stand für mich außer Frage, dass ich mein Telefon mit der brasilianischen Pre-Paid-Karte und all den für mich wichtigen Kontakten unbedingt wiederbekommen musste. Während ich dem Dieb so schnell ich konnte hinterherhetzte, sah ich von ihm jetzt – wenn auch nur von hinten – erstmals mehr als nur seine flinken Finger. Der Typ war groß und schlank, bekleidet mit T-Shirt, Bermuda-Shorts und FlipFlops, was der absolut gängige Look der Cariocas ist.

Eigentlich musste mir bei der Verfolgungsjagd über die sechsspurige Avenidas das Américas längst die Puste ausgegangen sein, aber ich brüllte immer wieder und so laut ich konnte „Überfall!“ und „Haltet den Dieb!“.  Zwar hielt den Mann niemand auf, aber auch die Autofahrer und Passanten brüllten mit und machten auf den Diebstahl aufmerksam. Der Räuber wurde nach ein paar hundert Metern langsamer und ich bekam ihn am T-Shirt zu fassen. „Wo ist mein Handy?“, schrie ich ihn an. Er habe keins genommen, sagte er und versuchte sich loszureißen. Irgendwie konnte ich das verhindern und schrie ihn wieder an: „Mein Handy her!“. Er hielt mir sein altes Telefon unter die Nase. „Ich will mein Handy zurückhaben“, zischte ich und rüttelte an ihm als mein Telefon aus seiner Tasche fiel. Ich griff danach als plötzlich eine Männerstimme rief: „Auf den Boden legen oder ich schieße!“ Ich drehte mich um, der Mann kam auf uns zugerannt und hatte eine Pistole auf den Dieb gerichtet. „Ich bin Polizist, hinlegen oder ich knall dich ab, du Stück Scheiße.“ Neben mir warf sich der Dieb auf die Erde. Der Polizist, in Zivil gekleidet, beugte sich über ihn, setzte ihm den Lauf seiner Pistole an den Hinterkopf und verschränkte ihm die Arme auf dem Rücken.

Nachdem das Abenteuer für mich mit der Rettung meines Telefons eigentlich schon beendet war, ging der Streifen jetzt erst richtig los. Der Polizist hatte heute seinen freien Tag und war gerade dabei sein Auto vollzutanken als er meine Überfall-Rufe mitbekommen hatte. Jetzt informierte er seine Kollegen mit einem Streifenwagen vorbeizukommen. Es dauerte nicht lang, da rollten zwei Militär-Polizisten mit ihrem Geländewagen an. Kaum waren sie ausgestiegen, trat der erste den Dieb erstmal mit seinem Stiefel vor den Kopf. „Was gibt es hier für dich zu glotzen, guck runter, du Arschloch“, schnauzte er den am Bodenliegenden an. Von wegen „Guten Tag, was ist hier los?“ oder „Bitte einsteigen, wir fahren ins Präsidium“, wie man es aus dem Tatort kennt. Die drei PMs untersuchten den Mann erstmal auf Waffen. Er hatte keine. Dafür floss ihm der Angstschweiß die Stirn herunter. „Muss das alles sein?“, fragte ich. „Schließlich hab ich mein Handy ja wieder.“ Die Polizisten sagten nichts, aber Schaulustige ließen ihre Autoscheiben runter und riefen: „Knallt ihn ab, den Banditen!““Wie alt“, fragte der Polizist mit den dicken Goldringen am Finger den Mann am Boden. „26“, antwortete der leise. Die PMs griffen ihn und schubsten ihn mit Wucht in den Kofferraum (!) ihres Wagens. Dabei knallte der Kopf des Festgenommenen gegen den Autorahmen.

Auf der brüchigen Wache angekommen, nahmen ein paar Schreibkräfte in Schulheften unsere Daten auf… Der Dieb war sofort in einer Zelle verschwunden. „Sie müssten dann bezeugen, dass der Mann ihr Handy gestohlen hat“, sagte man mir. „Aber vor 15 Uhr wird das nichts.“ Es war gerade mal 10. Ich dachte an meinen Termin, entschied mich gegen diese Aufstellung, die am Ende doch zu nichts geführt hätte und wollte stattdessen lieber kurz mit dem Mann reden. Um kein anonymes Opfer zu bleiben, ihm in die Augen zu schauen. Sein gläserner Blick verriet, dass er noch auf Drogen war und ohnehin nicht viel mitbekam.

Ich wollte mich gerade auf den Weg machen, als der Polizist in Zivil noch meinte: „Die Kollegen besorgen jetzt den Rest, der wird noch ein paar mal durchgelassen, dann kommt er auch nicht wieder auf so eine Idee. Andere hätten an meiner Stelle das Fernsehen angerufen, dann hätten die einen Bericht gemacht, dass eine ausländische Touristin überfallen wurde, aber die Polizei den Diebstahl verhindern konnte. Da wäre ich sicher befördert worden.“ Sicher. Mann, war mir schlecht.

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