Stipendiaten der Heinz-Kühn-Stiftung bloggen ihre Recherchen und Erlebnisse.

Wie aus dem Nichts ist Danny plötzlich da. Er sitzt auf seinem Motorrad und winkt mich aus zwei Metern Entfernung heran. Dabei wirkt der mäßig rasierte Anfang 20-Jährige in etwa so wie der Typ aus der Sesamstraße, der Fremde immer ganz geheimnisvoll ansprach und sagte: „Hey Du, willst du ein K kaufen?“

Und, in der Tat: Danny greift – nachdem er sich in aller Höflichkeit vorgestellt und selbstverständlich auch nach meinem Namen gefragt hat – in seine Hosentasche und holt zwei matt glänzende Metallstücke heraus, beide nicht mal so groß wie ein halber kleiner Finger. „Das sind Schachfiguren, die ich aus alten Patronen bastele. Das ist die Dame und das ist ein Bauer“, sagt er. Und, ja, ich erkenne ich die Spielfiguren wieder. Nicht perfekt, aber eine respektable Arbeit. Mit diesen Dingern ließe sich wirklich Schach spielen, denke ich mir – wenn man denn wollte…

Damit sind wir wieder beim Thema Krieg angekommen. Dem Thema, das alles in diesem Land überschattet, aber irgendwie auch in allem verschwindet. Jeder hier hat seine eigene persönliche Kriegsgeschichte. Es ist nicht so, dass die Menschen nicht darüber sprechen würden, wenn man sie danach fragt. Aber sie reden oft mit einer erstaunlichen Distanz – als würden sie im Freundes- oder Bekanntenkreis gerade über einen mäßig interessanten Film erzählen.

So, wie der junge Kellner, der sagt: „Ja, das war eine seltsame Kindheit. Wir waren immer in der Hauptstadt – auch wenn wir in Monrovia zwischen den Häusern der Verwandten mehrmals hin und hergezogen sind. Es gab wenig bis nichts zu essen. Aber du gewöhnst dich irgendwie dran. Auch daran, die Toten anzusehen, über sie hinwegzusehen und sie dennoch zu riechen.“

Und dann: „Du kommst aus Deutschland? Wen findest du besser: Bayern München oder Borussia Dortmund?“

Ähnlich nüchtern spricht die 32-Jährige, die einen halbwegs vernünftig bezahlten Verwaltungsjob in Monrovia hat. Sie hat ihre komplette Jugend in den Kriegsjahren in Liberia zugebracht hat. „Wir sind aus Monrovia aufs Land geflohen, wo unser eigener Stamm die Mehrheit der Bevölkerung gestellt hat. Da waren wir einigermaßen sicher. Was nicht heißt, dass dort nicht Menschen gestorben wären. Es sind ständig welche gestorben. Man war halt froh, wenn man nicht dazugehörte.“

Der Priester, der mich mit seinem charismatischen Auftritt bei der Predigt zuvor begeistert hat, redet nun recht leise und fast ohne Varianz in der Stimme, als er bei unserem späteren Gespräch auf meine Frage hin erzählt: „Wir lagen mit unseren Gesichtern im Dreck auf dem Boden und hatten Angst, von den Rebellen erschossen zu werden. Ich habe lange davon geträumt. Aber ich habe damit abgeschlossen.“

Der Mann gehörte zu einer jener Oberschichtfamilien, die als Oligarchie das Land über viele Jahrzehnte lang beherrscht haben. Bis die Unterschicht ihr Recht einforderte, es von denen, die so taten, als würden sie die Armen vertreten, aber auch nicht bekam – und das Land schließlich ins vollkommene Chaos stürzte. Rebellen gegen Regierung, dieser Stamm gegen den anderen. Kein Mensch mehr, dem man ganz vertrauen kann. 14 Jahre Bürgerkrieg, geschätzt ungefähr eine Viertelmillion Tote, zahllose Flüchtlinge. Verstümmelte über Verstümmelte. Keine Arme, keine Beine mehr.

Ich weiß nicht, ob es sich bei den distanzierten Berichten um ein Zeichen dafür handelt, dass Geschehenes verarbeitet und damit wenigstens ein Stück weit abgeschlossen wurde, wie der Priester es sagt. Ich weiß nicht, ob es sich einfach um Verdrängung handelt – in diesem Land, in dem es zwar eine Wahrheitskommission gab, wo aber niemand für seine Kriegsverbrechen bestraft wurde. Wohl auch, weil man zu viele hätte bestrafen müssen. Ich kann die Geschichten nur anhören und nicht prüfen. Manche Liberianer sagen, in der Erzählkultur des Landes werde die Geschichte des Nachbarn auch schon mal zur eigenen. Am Ende ist das egal.

Ich habe auch keine Ahnung, welcher Umgang mit der Vergangenheit richtig oder falsch ist. Ich bin seit einigen Wochen im Land, werde bald wieder zu Hause sein und bilde mir nicht ein, als könnte ich in die Seelen dieser Menschen blicken. Ich bin hier um zu beobachten. Verstehen? Etwas wirklich wissen? Das wäre anmaßend.

Und was ist mit Danny? Der bietet mir an, ein ganzes Set an Schachfiguren exklusiv für mich anzufertigen. Nur um dann zu merken, dass mir im Moment der Sinn nicht besonders nach Schachspielen und noch weniger nach Patronen steht. „Du bist kein Amerikaner, oder?“ fragt er. „They love that shit.“ Und dann: „Deutschland? Du bist sicher, dass Du nichts haben willst?“ Danny grinst.

Ich schaue ihn in seiner abgewetzten Hose und seinem ärmellosen Hemd an. Der Krieg ist seine Marktlücke. Vielmehr als das K hat der Arme nicht zu verkaufen. Zumal Politiker, die nicht lange überlegen müssen, ob es heute eigentlich etwas zu essen gibt, gerade drastische Beschränkungen für den Verkehr mit Motorradtaxis verhängt haben. Weil so angeblich der Verkehr sicherer ist. Zumindest ist er angenehmer für die, die mit einer Limousine durch die Gegend fahren.

„Willst Du nicht wenigstens die zwei Figuren hier kaufen?“ fragt Danny jetzt. „Beide zusammen für fünf US-Dollar, so als kleines Souvenir.“

Ich hole meine Geldbörse raus und gebe ihm einen Fünfer. Er reicht mir die Figuren rüber. Ich schüttle den Kopf. „Schenke ich Dir“, sage ich. „Vielleicht kannst Du die Figuren ja noch einmal verkaufen. Vielleicht sogar für einen Zehner.“

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