Stipendiaten der Heinz-Kühn-Stiftung bloggen ihre Recherchen und Erlebnisse.

Sie sitzen am Straßenrand unterm Baum, oder in kleinen Verschlägen am Ortsrand. Schlecht bezahlt und ihrem Boss verpflichtet, am Monatsende einen kleinen Umschlag auf den Schreibtisch zu legen. Es ist nie ganz klar, wer die Kassierer denn nun eigentlich sind, denn die Schilder, die zum Anhalten auffordern und die Uniformen sprechen keine einheitliche Sprache.
Das System ist bekannt. Dieses mal war es wahrscheinlich der Zoll, wer weiß das schon genau, denn sie haben uns ja nicht gekriegt. Aber die folgende Geschichte verdeutlicht sehr intensiv, wozu es die Menschen, die tagtäglich mit diesem System konfrontiert sind, irgendwann reizt.

Im allgemeinen wird man hier in Guinea also immer zum Anhalten aufgefordert und muss bezahlen. Die Taxifahrer gucken dann Stur geradeaus, tun so, als würden sie das mehr oder weniger wütende Gepfeife der bunten Trillerpfeifen nicht hören und bauen darauf, dass entweder die Motivation oder das Benzin fehlt, ihnen nachzusetzen.
Nicht so an diesem späten Nachmittag. Wir sind seit acht Uhr morgens von Kankan nach N’Zerekore unterwegs und haben vor einigen Minuten so einen Posten auf die übliche Art und Weise hinter uns gelassen, als sich auf einmal das Motorrad der Gendarmerie vor uns setzt. Der junge Mann mit Militärhose und schwarzem T-Shirt macht Zeichen, die uns zum anhalten auffordern sollen und ich denke nur: „Oh ha, jetzt wird es laut und teuer“. Doch ein Blick zu unserem Fahrer – ein im Vergleich erstaunlich ruhiger und rücksichtsvoller Taxifahrer – lässt schnell erahnen, dass er nicht vor hat anzuhalten.

Bisher waren wir mit 40 bis maximal 60 Km/h, je nach Schlaglochdichte unterwegs. Doch plötzlich rauscht der Busch, die Fußgänger und der Feierabendverkehr rechts und links nur so an uns vorbei, das Motorrad kreuzt vor uns, versucht uns abzudrängen und mir stockt der Atem. Mit etwa 100 km/h fühlen sich die Schlaglöcher nun deutlich unangenehmer an, es sieht so aus als würde das Motorrad jeden Moment über unsere Motorhaube fliegen und die anderen 9 Mitfahrer sind zu meiner Verwunderung dabei extrem entspannt.
Da bremsen wir plötzlich ab und unsere Verfolger verlieren sich in ihrer eigenen Staubwolke. Wir wenden, fahren ein Stück in die Richtung aus der wir eben kamen und biegen in den nächsten kleinen Pfad in den Busch ab, um uns zu verstecken. Dann warten wir die Dunkelheit ab. Die Menschen die uns dabei beobachten oder von nun an unser Versteck queren ist all das gleichgültig, einige wenige zeigen offen Sympathie. Die meisten jedoch gehen einfach erschöpft vom Tage ihres Weges.

Solche Geschichten sind auch hier nicht alltäglich, verdeutlichen aber die weit verbreitete Sicht auf die Staatsdiener. Diese werden nicht als helfend oder zur Ordnung rufende Macht wahrgenommen, sondern als irgendwelche Leute, der sich etwas von deinem schmalen Verdienst nehmen möchte. Man hat keinerlei Respekt und das ganze funktioniert eben nur nach dem Abhängigkeits- bzw. Machtprinzip, was den Alltag hier bestimmt. Diese Pyramide der Macht nimmt nach oben hin exponentiell zu, weswegen man bestenfalls entweder selber einen eigenen Posten in der Politik oder im Militär besetzt oder möglichst viele Leute möglichst gut kennt.
In etwa wie am nächsten Tag, als wir beim Präfekten eine Ordre de Mission für mich einholen, um in der Region ungestört arbeiten zu können. Während alle entlang der Flure auf unbestimmte Zeit warten müssen, gehen mein mein gut vernetzter Begleiter und ich direkt ins Büro, wo wir von einem wohl genährten, im Unterhemd schwitzenden Herrn offiziell empfangen werden.

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