Stipendiaten der Heinz-Kühn-Stiftung bloggen ihre Recherchen und Erlebnisse.

Ein Schlagloch, ein lauter Knall – und plötzlich funktioniert die Bremse nicht mehr.

Was macht man dann, wenn man im Dschungel, noch dazu in einem eher bergigen Teil, über eine Schotterpiste fährt und keinen Handy-Empfang hat? Weiterfahren. Nur vorsichtig aufs Gaspedal treten, die Handbremse in unmittelbarer Griffnähe behalten. Gegenverkehr ist ja eher selten hier. Ich für meinen Teil bin einfach froh darüber, dass ich nicht selbst hinterm Steuer sitze, sondern einer der Entwicklungshelfer, die mir einige Projekte im Norden Liberias zeigen wollen.

Ich habe noch nie so viele Bäume gesehen wie auf dieser mehr als zehnstündigen Autofahrt durch das Land. Angst vor wilden Tieren habe ich keine – die Menschen hier haben in 14 Jahren Bürgerkrieg und Hunger so ziemlich alles, was vier Beine hat, gejagt und aufgegessen. Ich hoffe, dass jetzt nicht die Bäume dem vermeintlichen Fortschritt zum Opfer fallen. Während meine Augen sich also am Grün berauschen und der Wagen weiter über Schotter rollt, kommen wir irgendwann an einer Lichtung in einer kleinen Ortschaft an. Dort gibt es tatsächlich eine Werkstatt.

Sagen wir mal, es gibt jemanden, der einige Werkzeuge hat und behauptet, er bekäme das wieder hin. Wenn ich es richtig verstanden habe, hat sich beim Aufprall im Schlagloch im Auto ein Teil gelockert, das dann die Bremsleitung beschädigt hat. Hey, was verstehe ich denn schon von Autos? Genau, nichts. Jedenfalls schweißt der Hobbymechaniker hinter dem, na ja, Schutz einer Sonnenbrille, er klebt etwas, und zuletzt springt ein Helfer aufs Motorrad und besorgt irgendwas.

Weil ich nicht helfen kann, plaudere ich mit Jackson, einem 16-Jährigen in einer blauen Schuluniform, der gerade auf dem Weg nach Hause ist. Er erzählt, er werde von zwei Amerikanerinnen in Mathe und Englisch unterrichtet. Als ich noch grübele, ob ich diese Frauen bewundere oder ob ich es einfach nur doof finde, dass statt ihnen hier nicht Liberianer als Lehrer arbeiten, erschallt der Ruf: „Alles okay beim Wagen.“ Eine kurze Testfahrt ergibt: Das stimmt, mindestens fürs erste.

40 US-Dollar wechseln den Besitzer. Kann der Entwicklungshelfer eine Quittung bekommen? Ja, die gibt es – auch im Dschungel. Inklusive der Frage, ob die Summe darauf höher ausfallen soll als die gezahlte. Nein, danke. Und weiter geht’s.

Zwischen all diesen unterschiedlichen Baumkronen, rund und voll, in diesem großen, grünen Meer mit manch anderen Farbtupfern, fühle ich mich, als wäre ich in einer Zauberlandschaft – aber immer nur sekundenweise. Dann schüttelt es mich. Denn Autofahren gleicht hier einem Computerspiel, bei dem Hindernisse zu umfahren sind. Mal schlängeln wir uns erfolgreich am Schlagloch vorbei, mal nicht. Über kleinere Löcher geht es mit voller Geschwindigkeit drüber. Im Jeep durch den Urwald, das ist wie ein Traum, aus dem man ständig geweckt wird. Als würde man eine Verfilmung vom Dschungelbuch sehen – und ständig flackert die Leinwand.

Da wir durch die Autopanne fast zwei Stunden verloren haben, erreichen wir unser Ziel nicht wie geplant vor Anbruch der Dunkelheit. Das Computerspiel geht also weiter, nur ein paar Level schwieriger. Während der Mann am Steuer nur noch auf Sicht fahren kann, geht es über den unangenehmsten Teil der Strecke. Wege aus nichts als Erde, die in der Regenzeit teilweise unter dem Gewicht der Fahrzeuge völlig in sich zusammengesackt sind. Ich war noch nie in einem Flugzeugsimulator – aber ich glaube, genau so fühlt es sich vielleicht an, mit den Dingern krachend abzustürzen. Tausend und ein Mal, wieder und wieder und wieder.

Halten die Bremsen? Ja. Brechen die Achsen? Nein. Am Ende heißt es „Game Over“ – weil wir ankommen. Ich bin in einem Gästehaus namens „Royal“ untergebracht, wenn man das Licht auslässt, kann man die Flecken an den Wänden nicht sehen. Getier ist anscheinend nicht hier, oder versteckt sich das noch? Duschen wäre jetzt vorteilhaft, aber der Duschkopf spendet keinen Tropfen Wasser. Also Eimerdusche. Aber wo zur Hölle bekomme ich zu dieser späten Stunde in der Dunkelheit einen Eimer mit Wasser her? Vielleicht ist Duschen eh überschätzt.

Aus einem der Gebäude auf dem Gelände dröhnt ohrenbetäubende Musik. Scheint eine Disco zu sein. Ich werde sicher nicht schlafen können. Ich entscheide also, der Musik zu folgen. Das Abenteuer geht weiter.

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