Stipendiaten der Heinz-Kühn-Stiftung bloggen ihre Recherchen und Erlebnisse.

Der Weg ist gar nicht das Ziel. Das ist eine der ersten Lektionen, die ich hier in Doha gelernt habe.

Die ersten Versuche, die Stadt zu Fuß zu entdecken, scheitern schnell. Denn die meisten Bürgersteige – falls überhaupt vorhanden – enden hier nach wenigen Metern. Dann kann man entweder umkehren oder dem Verkehr entgegenmarschieren. Die meisten Straßen in Doha haben drei Spuren pro Fahrtrichtung. Die meisten Straßen in Doha haben ein Geschwindigkeitslimit von 80 km/h. Die meisten Fahrer in Doha halten sich nicht daran.

Daher ist das Laufen ein bisschen aufregend, aber klappt ganz gut, solange man mit dem Oberkörper pendelt wie ein Kirmesboxer. Die Außenspiegel der Geländewagen sind nämich ungefähr in Kopfhöhe. Nur: Die Distanzen sind innerhalb der Stadt zu groß, als dass man sie zu Fuß bewältigen könnte. Und Fußgängerampeln – falls überhaupt vorhanden – schalten ungefähr so oft auf Grün wie eine Fußball-Weltmeisterschaft in ein Wüstenstaat vergeben wird.

Um vor 2022 anzukommen, passe ich mich an. Die natürliche Art der Fortbewegung ist das Auto, neues Modell, stark motorisiert, gut klimatisiert. Und die Taxis, türkise Lackierung, violettes oder weißes Dach, hier sind in der Stadt gut sichtbar. Mit ein paar Minuten Geduld findet sich ein freies Fahrzeug, mit ein bisschen Glück ist der Fahrer schon länger als sechs Wochen in der Stadt und kennt das Ziel, mit ein wenig Überzeugungsarbeit schaltet er auch das Taximeter ein. Entspannt sinke ich in den Beifahrersitz, blicke aus den abgedunkelten Scheiben auf die Straßen und einzelne Fußgänger, die hilflos an Fußgängerampeln warten. Und nach einer halben Stunde komme ich tatsächlich an meinem Ziel an, der Dependance einer amerikanischen Universität am westlichen Stadtrand von Doha.

Ich habe mein Ziel erreicht. Das Gespräch läuft gut, die Professorin berichtet spannende Dinge. Danach will ich wieder zurück in die Stadt. Und ich lerne:

Das eigentliche Ziel, das ist nämlich der Weg zurück.

„Hm“, sagt der Rezeptionist, „ein Taxi wollen Sie? Das könnte schwierig werden.“ Dann erbarmt er sich doch, ruft einen Taxiservice an und reicht den Hörer an mich weiter. „Gerne können wir Ihnen ein Fahrzeug rausschicken“, sagt der Mann aus der Taxizentrale. „Das wäre dann so, lassen Sie mich kurz gucken…. so um viertel nach vier bei Ihnen. Ist das okay für Sie?“ Ich blicke auf die Uhr, die hinter der Rezeption hängt. Es ist kurz nach eins.

In meinem Fall heißt die Rettung Sabeer. Er ist – irgendwie – ein Bekannter des Rezeptionisten und biegt eine knappe halbe Stunde später mit seinem weißen Toyota auf den Parkplatz der Universität. Sabeer kommt aus Indien und ist eigentlich als Fahrer für einen Katari beschäftigt, der aber verbringt die meiste Zeit des Monats in London. Um sich das dünne Gehalt aufzubessern, hilft Sabeer gestrandeten Westlern wie mir. Für einen kleinen Aufschlag auf den Taxipreis fährt er mich zurück in die Zivilisation, zurück an einen zentralen Ort. In Doha bedeutet das eigentlich immer: Zu einer Shopping-Mall.

Zwischendurch fragt Sabeer mich aus und ist ein bisschen enttäuscht, als er von meinen Plänen und meinem Beruf hört. Am liebsten fährt er Geschäftsleute, hinten in seinem Auto liegt ein brauner Briefumschlag bereit, in dem er Kopien seines Lebenslaufes bereit hält. Man weiß ja nie. Und wenn er dann einen anderen Job hätte, dann hätte das mit der Fahrerei auch ein Ende. So muss er mit seinen Gästen immer die Hauptstraßen meiden. Denn hier und da – wenn auch wirklich selten – steht die Verkehspolizei bereit. Und sein Visum, nun ja, sagt Sabeer, Taxifahrer sei er eben nicht so richtig offiziell. Dennoch darf ich mir am Ende der Fahrt seine Handynummer notieren – er hole mich gerne ab, ich solle mich nur rechtzeitig wieder melden.

Stelle merken! Drei Taxis in freier Wildbahn.

Stelle merken! Drei Taxis in freier Wildbahn.

„Genauso läuft das hier“, sagt Dave, ein Engländer, der seit vier Jahren hier lebt, einige Tage später. Nur an ganz wenigen Orten der Stadt gibt es so etwas wie einen Taxistand. „Hin kommt man eigentlich immer, aber zurück wird es schwierig“, sagt Dave. Jeder Expat hat in seinem Handy daher einige Fahrer gespeichert, um wieder zurück nach Hause zu kommen. „Denk dran, du brauchst immer mehrere Nummern!“, sagt Dave eindringlich. Denn zu den Stoßzeiten brummt zum einen das Geschäft für die Fahrer, zum anderen brauchen sie mitunter mehr als eine Stunde, um quer durch die Stadt zu fahren.

Dave hat recht, doch die Lektion kommt für mich einige Stunden zu spät. Am Abend war ich wieder außerhalb des Stadtzentrums für einen Termin. Das Gespräch endet, ich wähle Sabeers Nummer. Er geht nicht dran.

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