Stipendiaten der Heinz-Kühn-Stiftung bloggen ihre Recherchen und Erlebnisse.

Buschtrommeln? Von wegen. Dancefloor.

Schon aus der Ferne dröhnte die Tanzmusik – und jetzt, als ich in dem zugigen, aber durch die heiße Luft höllisch aufgeheizten, kleinen Gebäude stehe, massiert sie mit schnellen, kräftigen Zuckungen mein Trommelfell. Wer ein paar Bier getrunken hat, dem kommt dieser Verschlag im äußersten Norden Liberias bestimmt vor wie jede andere halbdüstere Disco in Köln, Berlin oder New York.

Ich beschließe also, ein paar Bier zu trinken. Während ich am Tresen stehe, winkt mich ein Liberianer in einem gefälschten Barcelona-Trikot an seinen Tisch. Da sitzen zwei Männer, drei Frauen, dem Augenschein nach alle so um die 20 bis 25 Jahre alt – und jetzt eben noch ich, der Besucher aus Europa. „Es gibt keinen Grund, hier allein am Tresen rumzuhängen“, sagt mir der Träger des Barcelona-Trikots. „Das ist Afrika. Da ist immer noch ein Platz für Dich frei.“ Genau genommen, lehnt er seinen Kopf weit über den Tisch und brüllt es mir ins Ohr. Mit Recht – denn anders hätte ich in dieser Geräuschkulisse kein Wort verstanden.

Wir prosten, wir trinken. Es ist ein ganz normaler Wochentag, es sind also noch vier, fünf Leute auf der Tanzfläche, aber ansonsten ist nicht viel los. Ich bin wahrlich kein stürmischer Anhänger von einfallsarmer elektronischer Tanzmusik. Ich bin müde. Aber ich habe von morgens sieben Uhr bis zum Abend im Auto gesessen, und meine Muskeln und Gelenke schreien nach Bewegung.

Also: tanzen!

Ich ahne, dass die ersten Schritte, die ersten Minuten anstrengend sein werden. Als Weißer im Norden Liberias eine Tanzfläche zu entern, ist in etwa so auffällig, als würde man mit einem Ufo auf dem Reisfeld landen und dann als kleines grünes Männchen aus dem Gefährt herausklettern.

Ich deute ein paar Tanzschritte an, als ich ein neues Bier hole. Ein Raunen geht durch den Saal. Ich bringe das Bier zum Tisch, trinke einen Schluck, stelle es ab – und zurück geht’s zur Tanzfläche. Sofort bildet sich eine Traube um mich, keiner sitzt mehr am Tisch – und selbstverständlich wollen alle anwesenden Frauen mit mir tanzen. Und dem Europäer mal zeigen, was afrikanisches Rhythmusgefühl ist.

Es ist interessanter Weise ein Erlebnis, das mich stark daran erinnert, wie ich das erste Mal als Student in den Vereinigten Staaten tanzen war. Es wird dabei im, sagen wir mal, mittleren Körperbereich so eng getanzt, dass man sich wundert, dass es deswegen ausgerechnet in den USA keine Belästigungsklagen hagelt. Als ich einem amerikanischen Kommilitonen, der an dem Abend nicht dabei war, davon erzählte, sagte er: „Ach so, ihr habt den Sex-obwohl-Du-Deine-Klamotten-noch-an-hast-Tanz getanzt. Nennen wir hier auch Trockenübungen.“ Versteh einer die Amerikaner! Mit Badehose in die Sauna, aber auf der Tanzfläche Trockensex in voller Disco-Montur…

Ich brauche also ein paar Minuten, um mich aus manch übertriebener Umklammerung zu befreien. Dann kann ich mich normal und ungezwungen bewegen. Es macht Spaß. Es kickt und es entspannt.

Mein liberianischer Vermieter in Monrovia erzählt mir übrigens einige Tage später, so sei es ihm ähnlich ergangen, als er früher in seiner Internatszeit in der Schweiz in die Disco gegangen sei: „Du siehst anders aus, Du fällst sofort auf, Du bist sogar eine Attraktion. Aber bald normalisiert sich alles wieder.“ Er habe keine schlechten Erfahrungen gemacht, alle seien aufgeschlossen gewesen.

Ich weiß jetzt also, wie sich ein Jugendlicher aus der liberianischen Oberschicht vor einigen Jahrzehnten in der Schweiz gefühlt hat. Oder, na ja, ich habe vielleicht entfernt eine Ahnung. Egal. Das nennt man wohl Globalisierung.

Archive