Stipendiaten der Heinz-Kühn-Stiftung bloggen ihre Recherchen und Erlebnisse.

Zuallererst möchte ich sagen, dass ich in Liberia viele Entwicklungshelfer kennen gelernt habe, die mich beeindruckt haben.

Das gilt für diejenigen, die sich anders als viele aus der internationalen Gemeinschaft nicht im Büro verschanzen, sondern unterwegs sind und zahllose formelle und informelle Kontakte pflegen. Und es gilt insbesondere auch für so manchen, der fernab der Hauptstadt auf dem Land arbeitet – nicht selten unter großem Verzicht auf persönlichen Komfort und mit geringen Freizeitmöglichkeiten. Die Helfer benötigen zudem ein extrem hohes Maß an Geduld: Vielem Alltag geht langsamer voran, als man sich das als Europäer oder  Amerikaner so vorstellt.

Wahr ist aber auch: Gerade in der Hauptstadt sitzen sehr, sehr viele internationale Organisationen. Zu viele, denke ich. Denn ein so kleines Land wie Liberia kann so viel Hilfe gar nicht sinnvoll koordinieren. Darüber hinaus wäre es naiv zu glauben, es wäre unter all dem, was hier getan wird, nicht auch Überflüssiges.

Kenner beschreiben zum Beispiel immer wieder folgendes Szenario: Wenn die Geber erst mal Geld in ein Programm gepumpt haben, muss es eben zu bestimmten Fristen auch ausgegeben werden. Da wird dann zum Beispiel rasch noch mal eine Fortbildung für einen bestimmten Personenkreis von Liberianern organisiert, selbst wenn sie zu diesem Zeitpunkt nicht gebraucht wird. Oder vielleicht wird sie auch nie gebraucht. Egal, Fortbildung klingt ja wahnsinnig gut.

Dann braucht das Seminar natürlich auch Teilnehmer, heißt es weiter. So einfach lasse es sich also erklären, dass es Organisationen gebe, die Sitzungsgelder bezahlen – die also denen, die auf der Fortbildung etwas lernen sollen, Geld in die Hand drücken, damit sie überhaupt kommen. Und vielleicht noch ein besonders nobles Hotelzimmer? Ist ja klar: Angebot und Nachfrage, so funktioniert der Markt. Wo es viele Fortbildungen gibt und nur einen eingeschränkten Kreis von Personen, die als Begünstigte in Frage kommen, steigen die Preise – dafür, dass überhaupt einer vorbeischaut. Die Praxis ist bekannt. Machen aber übrigens immer nur die anderen Organisationen.

Was also passiert?

Eine notwendige, sinnvolle Veranstaltung, auf der es aber vielleicht nur ein warmes Mittagessen gibt, hat womöglich schlechtere Chance als eine überflüssige Fortbildung, auf der aber manch anderes  geboten wird.

Und warum machen Organisationen so einen Blödsinn?

„It’s the economy, stupid.“ Es gibt wichtige Projekte. Es gibt tolle Helfer. Aber auch Helfen ist eben oft ein Geschäft, vielleicht sogar eine Industrie, von der am Ende des Tages eine Reihe Menschen gut leben wollen. Was ja nicht im Mindesten verkehrt ist. Wenn die Hilfe eben wirklich eine solche ist.

Meine Meinung ist: Gute Entwicklungshilfe ist Hilfe zur Selbsthilfe – womit ausdrücklich nicht gemeint ist, dass internationale Organisationen sich selbst einen Gefallen tun sollen. Es geht um Nachhaltigkeit. Darum, dass man Leute ausbildet, die dann hinterher auch wirklich selbst andere erfolgreich ausbilden können. Oder zum Beispiel auch darum, Bauern in Genossenschaften zusammenzubringen, damit sie bessere Chancen haben, ihre Produkte selbst zu vermarkten. Das geht immer nur zusammen mit den Menschen. Entwicklungshilfe wird ja in Fachkreisen nicht zu Unrecht längst Entwicklungszusammenarbeit genannt. Ein sperriges Wort, das sich deshalb nie richtig durchsetzen wird. Aber der Gedanke zählt.

Gute Hilfe lebt von der gemeinsamen Arbeit. Und sie ist darauf angelegt, sich selbst wieder überflüssig zu machen. Ein erfolgreiches Projekt ist eines, wo man nach einigen Jahren wieder gehen kann. Und weiß: Was zurückbleibt, funktioniert.

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