Stipendiaten der Heinz-Kühn-Stiftung bloggen ihre Recherchen und Erlebnisse.

An anderer Stelle in diesem Blog habe ich bereits über die Gefahren berichtet, die Mexiko aus europäischer Sicht nicht unbedingt zum attraktivsten Reiseziel machen. Eigentlich wollte ich das Thema in diesem Blog damit abhaken, um den Lesern nicht mehr Angst als nötig zu machen. Denn so gefährlich, wie viele denken, ist es dann doch nicht.

Dann bin ich in den vergangenen Monaten aber immer wieder auf ein Thema gestoßen, dass ich zu interessant finde, um es an dieser Stelle nicht zu erwähnen. Die Rede ist von so genannten virtuellen Entführungen; einer Straftat, die von der Angst vieler Ausländer in Mexiko profitiert, ohne dass ihnen dabei in irgendeiner Form körperliche Gewalt angetan wird. Sie werden – daher der Name – rein virtuell entführt.

Wenn ich diesen Text nicht selber geschrieben hätte und bis hierhin gelesen hätte, würde ich jetzt denken: „Hä?“

Also, dann erkläre ich mal, was ich meine.

Die virtuelle Entführung beginnt meistens mit einem Anruf. Im Fall einer jungen Spanierin, der in den vergangenen Wochen durch die Medien ging, war es ein Anruf auf dem Zimmertelefon in ihrem Hotel in Mexiko-Stadt. Es meldete sich ein Polizist, der ihr erklärte, sie sei in Gefahr. Die lokale Polizei habe eine Gruppe Entführer beschattet, die sie in den nächsten Stunden in ihre Gewalt bringen wolle. Sie brauche sich aber keine Sorgen machen, da ihr nichts passieren würde, wenn sie den Anweisungen des Polizisten Folge leiste. Die junge Frau, verständlicherweise schockiert, beantwortete im Laufe des Gesprächs die Fragen des Polizisten nach persönlichen Daten, Familie und Freunden, um bei der Vereitelung der Entführung zu helfen.

VirtuelleEntführung

Sie müsse nun Folgendes tun, sagte der Anrufer. Die Polizei habe ein Hotelzimmer ganz in der Nähe für sie reserviert. Sie solle ihre Sachen packen und dort einchecken. Außerdem müsse sie sichergehen, dass die Entführer nicht weiterhin ihren Telefon- und Internetverkehr ausspionierten. So könnten sie auf ihre Fährte im anderen Hotel kommen. Um das zu verhindern, müsse die junge Frau Handy und Laptop ausschalten und erst wieder nutzen, wenn die Polizei ihr Bescheide gebe. Auf keinen Fall dürfe sie Kontakt zu Freunden und Familie aufnehmen, um sich nicht in Gefahr zu bringen. Die Polizei würde die Entführer in den folgenden Tagen festnehmen. Dann könne sie alle Angehörigen informieren. Zum Kontakthalten mit dem Beamten solle sie auf dem Weg in das andere Hotel ein einfaches Prepaidhandy kaufen und ihn anrufen. Wenn sie sich an diese Vorgaben halte, passiere ihr nichts und in wenigen Tagen könne sie beruhigt in ihr altes Leben zurückkehren.

Die junge Frau, wie viele andere auch, die zuvor nie etwas von virtuellen Entführungen gehört hatten, tat, was sie tun sollte. Sie packte ihre Sachen, schaltete Handy und Laptop aus und verließ das Hotel. Auf dem Weg in ihre neue, vorübergehende Bleibe kaufte sie ein Prepaidhandy, checkte in der anderen Unterkunft ein und rief den Polizisten erneut an. Alles sei in Ordnung, versicherte ihr dieser, in wenigen Tagen sei die Gefahr gebannt. Bis dahin dürfe sie aber unter keinen Umständen Kontakt zu Familie oder Freunden aufnehmen.

Der vermeintliche Polizist, in Wirklichkeit ein virtueller Entführer, setzte sich zu diesem Zeitpunkt mit den Angehörigen des Opfers in Spanien in Kontakt. Er habe sie entführt und fordere Lösegeld. Als Beweis nannte er persönliche Daten, die er zuvor von der jungen Spanierin erfragt hatte. Familie und Freunde der Frau bekamen Angst. Sie wussten, dass Entführungen in Mexiko eine reale Gefahr darstellten. Als ihre Kontaktversuche mit der vermeintlich Entführten scheiterten, überwiesen sie das geforderte Geld.

Die junge Frau fühlte sich in ihrer neuen Unterkunft in Sicherheit. Sie war dankbar, dass die mexikanische Polizei ihre Entführung vereiteln konnte und wartete auf den erlösenden Anruf des Beamten. Als dieser auch nach einigen Tagen nicht kam, wurde sie stutzig und rief ihn an. Kein Anschluss unter dieser Nummer, klang es aus ihrem Handy. Nach einem weiteren Tag und weiteren Kontaktversuchen schaltete sie ihr altes Handy wieder ein und rief ihre Familie in Spanien an. Ihre Eltern waren mehr als erleichtert, als sie ihre Stimme hörten. Wo sie sei, fragten sie. Im Hotel, antwortete sie. Wie es ihr nach der Entführung gehe, wollte ihr Vater wissen. Sie sei überhaupt nicht entführt worden, antwortete sie.

Das Lösegeld war trotzdem weg.

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