Stipendiaten der Heinz-Kühn-Stiftung bloggen ihre Recherchen und Erlebnisse.

„Viele Museen spezialisieren sich ja auf irgendwas“, sagt Nadif, „hier wird einfach alles ausgestellt, was schön ist.“

Ich bin im Sheikh Faisal Bin Qassim Al Thani-Museum, etwa eine halbe Stunde Autofahrt außerhalb von Doha. Es gibt eine Handvoll Gründe, hier hin zu fahren. Einer der schönsten ist, dass die Wegbeschreibung ganz wunderbar nach Orient klingt: Immer geradeaus Richtung Westen, heißt es auf der Homepage – und dann abbiegen, wenn man an der Kamelrennbahn ist. Ein weiterer Grund ist, dass ich mittlerweile seit etwa fünf Wochen in Katar bin und die normalen Sehenswürdigkeiten im Land ungefähr am Nachmittag des dritten Tages abgearbeitet hatte (weil ich mich am zweiten Tag etwas länger ausgeruht hatte).

Und ein anderer Grund ist, dass ich zunehmend verzweifelt auf der Suche nach so etwas wie der Kultur dieses Landes bin. Das Telegramm, das in Katar nämlich so ziemlich alles änderte, wurde im Oktober 1939 verschickt. Kurz und knapp meldete der britische Verwalter da aus Doha nach London, dass man Öl am Golf entdeckt habe. So in der Rückschau war das eine ganz gute Nachricht für den Flecken Wüste. Aus Perlentauchern und Fischern wurden innerhalb von drei bis vier Generationen ziemlich wohlhabende Menschen. Seitdem passierte und passiert hier so viel, dass man unmöglich an alles denken kann.

Vielleicht kann ja dieses Museum dabei helfen, ein bisschen besser zu verstehen, was dieses Land ausmacht. Ich bin also brav aus der Stadt herausgefahren, bin an der Kamelrennbahn abgebogen und dann mit dem Mietwagen über eine staubige Straße geholpert, bis ich vor dem Museum, einem Neubau im Stil einer Wüsten-Festung ankomme.

Da begrüßt mich also Nadif, in feinem Anzug und makellosem Englisch. Er erklärt mir grob, was ich alles in den kommenden zwei Stunden bei meinem Rundgang sehen werde: Erst Waffen, dann Textilien, dann Autos, dann Gemälde, dann geht es eine Weile durcheinander, und dann kommt noch ein kleiner künstlicher Hafen inmitten der Ausstellungshalle, in der Beispiele für die traditionellen Holzboote vertäut sind. „Der Scheich mag das Schöne, er hat es auf seinen Reisen durch die Welt zusammen gebracht“, sagt Nadif.

q15Und so ist es: Angeblich sollen 365 Autos zur Sammlung des Scheichs gehören, für jeden Tag des Jahres eins. Darunter sind frühe Ford-Modelle aus den 30er-Jahren, amerikanische Sportwagen aus den 70ern und Luxuslimousinen aus den 90ern. Es gibt historische Gewehre aus dem Oman und moderne Kunst aus dem Libanon. Es gibt eine kleine Extrahalle, in der die großen Weltreligionen vorgestellt werden und ein paar kleine, die viel Wert auf Geißelungen setzen, wie die beunruhigenden Bilder verraten. Vieles in dieser Ausstellung ist toll, aber das alles ist ganz schön viel.

Das eigentlich Spannende sind die historischen Bilder, die immer mal wieder an der Wand hängen: Sie zeigen den Scheich selbst oder seine Familie, wie sie in Zelten in der Wüste campen. Sie zeigen Männer bei der Falkenjagd oder in Diskussionsrunden. Einige kleine Räume in der Ausstellung zeigen, wie das typische katarische Haus vor 20, vielleicht 30 Jahren eingerichtet war, wo sich die Frauen der Familie hinter geschützten Mauern im Innenhof trafen und die Männer der Nachbarschaft in Gemeinschaftsräumen mit direktem Zugang zur Straße.

„Das Ganze hat natürlich auch einen erzieherischen Auftrag“, sagt Nadif, „hier können katarische Familien vorbeikommen und ihren Kindern zeigen, wie ihre Väter und Großväter gelebt haben.“ Es ist die große Furcht der alten Generation unter den katarischen Bürgern, die im Moment nur noch etwas mehr als zehn Prozent der Einwohner im Land ausmachen: Dass die Jugend gar nichts mehr weiß von der Geschichte ihres Landes, die noch gar nicht so lange zurückliegt. Das die dürren Wurzeln der Kultur vor lauter Wohlstand, vor lauter Wachstum, vor lauter Internationalität, verkümmern.

Kommen die Kataris denn mit ihren Familien hierhin, Nadif?

„Es ist natürlich nur ein Angebot“, sagt Nadif diplomatisch. „So genau kann ich dir das aber gar nicht sagen. Ich bin auch selbst erst vor einen Monat ins Land gekommen. Ich bin Ägypter.“

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