Stipendiaten der Heinz-Kühn-Stiftung bloggen ihre Recherchen und Erlebnisse.

Plötzlich ist da ein Ball. Als ich Wasser stehe und die Ausläufer der Wellen an meinen Knien entlang plätschern, fliegt er auf einmal von links heran. Die beiden Jugendlichen wollen, dass ich mitspiele. Gute Sache. Das funktioniert wirklich überall auf der Welt: Der Ball landet bei Dir und Du bist dabei.

Wir versuchen, ihn hoch zu halten. Genau das ist aber alles andere als einfach, wenn man für den Schuss immer erst mal Unterschenkel und Fuß aus dem Wasser bekommen muss. Das Ergebnis ist schon mal eine wirklich lustige Mischung aus Schuss und anschließender unbeabsichtigter Arschbombe – nennen wir’s vielleicht Arschbombenball. Es sieht wahnsinnig dämlich aus. Aber erstens guckt keiner zu. Zweitens macht es Höllenspaß. Und drittens wird der Welt so nicht nur ein neues Wort, sondern auch ein neuer phänomenaler Sport geschenkt.

Dann geht es tiefer ins Wasser und weiter mit Kopfbällen. Als meine größte Schwäche stellt sich bei dieser Übung schon wie zu Schulzeiten das gezielte Werfen heraus. Aber, egal, irgendwie bekommen wir das Spiel dann meist doch in Gang, vermutlich, weil die anderen werfen können. Es entsteht die eine oder andere ansehnliche Kopfballstafette. Ansonsten gilt: Der Versuch eines Flugkopfballs ist im warmen Meer millionenfach besser, gigantischer als auf einem harten, stoppeligen Rasenplatz. Auch wenn hier im Nachhinein das Salzwasser in den Augen brennt.

Das hier ist zwar kein Triathlon, sondern nur ein ungewöhnlicher Dreikampf – aber in der nächsten Etappe soll es an Land gehen. Fußball am Strand ist hier auch deshalb etwas Besonderes, weil er häufig in einer nicht zu unterschätzenden Schräglage stattfindet. Während auf der einen Seite eine Mauer (oder im schlechteren Fall vor der Mauer liegender Müll) das Spielfeld begrenzt, ist es auf der anderen nur der Atlantische Ozean. Was längst nicht von allen als Seitenlinie akzeptiert wird. Es geht also doch nur halb an Land. Klug ist, nur in Badebekleidung zu spielen. In diesem Fall habe ich also in der Spielvorbereitung schon mal alles richtig gemacht.

Da wir nur zu dritt sind, spielen wir zwei gegen einen. Der Spieler in der Mitte muss jeweils versuchen an den Ball zu kommen, den die anderen beiden sich zuspielen – gelingt es ihm, werden  die Positionen gewechselt. Die beiden sind mir körperlich überlegen, ein wenig größer, viel jünger – sie vertändeln aber den Ball schon mal, während sie um sich selbst kreisen. Die Lauferei in der Mitte ist höllisch, ich muss aber zum Glück nie wirklich lange dort bleiben, weil ich gelernt habe, Passwege zu erkennen und zuzustellen. Die Jungs spielen mich gelegentlich schwindelig, aber im Großen und Ganzen bestehe ich mit europäischer Effizienz.

Irgendwie entsprechen wir damit gerade ein bisschen den alten Klischees – aber andererseits ist das auch Quatsch. Erstens spielen afrikanische Mannschaften heute viel disziplinierter als früher. Zweitens können Deutsche (nur nicht ich) beim Fußball längst alles und jeden mit ihren Drehungen an den Rand des Wahnsinns bringen. Am Ende sind wir einfach nur drei Leute, die sich zufällig zum Spiel zusammen gefunden haben. Zwei tendenziell übermütige Liberianer um die 16 und 17 Jahre. Und ein 34-Jähriger Deutscher, der seinen konditionellen Zenit überschritten hat. Und der deshalb genau überlegt, wie er sich mit überlegtem Spiel durchmogelt.

Die Sonne wärmt – sie belebt und brennt zugleich. Der Schweiß verdunstet sofort. Eine halbe Stunde bei diesen tropischen Temperaturen ist wie ein Spiel mit Verlängerung und Elfmeterschießen in Deutschland.

Ich spüre auf meiner Haut das, was einmal ein Sonnenbrand sein wird – außerdem darf ich nicht aus den Augen verlieren, dass ich in ein paar Stunden abfliege. Ich klatsche ab und sage: „Danke, Jungs.“

Ich setze mich ins flache Meerwasser, blicke in Richtung Horizont und denke: Das war er also, der letzte Kick.

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