Stipendiaten der Heinz-Kühn-Stiftung bloggen ihre Recherchen und Erlebnisse.

Wer heute reist, braucht nicht viel Platz für die Erinnerungen. Ein Block voller Notizen, ein paar Broschüren, drei Dutzend Visitenkarten stecken in meiner Tasche, die gepackt für die Heimreise bereitsteht. Kein Gramm und doch ziemlich schwer wiegen die Eindrücke aus den fünf Wochen in Katar. Es waren zahlreiche Gespräche, in denen ich scheinbar widersprüchliche Sachen aus diesem Land und über dieses Land gehört habe. Zum Abschluss eine Auswahl davon.

„Ich traue dem Frieden nicht“, sagt der aus Jordanien, der hier in einer Firma im Vertrieb arbeitet. „Natürlich ist das hier ein sicheres Land und den Leuten geht es ganz gut, aber im Nahen Osten gibt es immer Spannungen und man weiß nie, wann etwas passiert. Ich will auswandern, ich will nach Australien – aber mein Englisch ist noch zu schlecht dafür. Und ich kann keine Pause bei der Arbeit machen, weil ich das Geld brauche, um meine Familie daheim zu unterstützen. Wie kriegt man eigentlich ein Visum für Deutschland, kannst du da vielleicht mal nachgucken?“

„Die Leute kommen nicht nur wegen des Geldes“, sagt der aus England, der als wissenschaftlicher Berater für eine soziale Organisation hier arbeitet. „Natürlich, die Gehälter sind ziemlich gut und sind für einige ein echter Anreiz, sich auf das Abenteuer Katar einzulassen. Aber es gibt hier auch echt spannende Aufgaben – man kann hier Strukturen aufbauen und das auf einem sehr professionellen Niveau. Das macht wirklich Spaß, darum habe ich meinen Vertrag jetzt schon zum zweiten Mal verlängert.“

„Es ist ein toller Ort hier“, sagt die aus Indonesien, die bei einem Ölmulti als Einkäuferin arbeitet. „Guck mal, wir saßen gerade zusammen beim Abendessen. Wir waren vier Leute aus vier Ländern von drei Kontinenten. Wir konnten ganz normal essen und haben dabei so viel gelernt. Zeig mir einen Ort auf der Welt, an dem das so leicht geht!“

„Katar ist ein gutes Land, wenn du Familie hast“, sagt der aus Frankreich, der lange in Bahrein gelebt hat. „Es ist sehr, sehr sicher hier, es gibt gute Schulen, es ist konservativ. Aber als Single ist es hier sterbenslangweilig. Wer gut verdient, ist viel weg – mal eben ein Wochenende nach Thailand oder so, das geht ganz gut.“

„Wir wollen nur nach Hause“, sagen die aus Indien, die hier als Bauarbeiter arbeiten, seit drei Monaten mit dreizehn Mann in einem Zimmer schlafen und bislang keinen Lohn bekommen haben.

„Och, es ist eigentlich ganz okay“, sagt der von den Philippinen, der als Putzkraft arbeitet. „Zuhause hatte ich eine gefährliche Arbeit, ich wusste nie, wie viel Geld ich am Abend nach Hause bringe. Hier ist die Arbeit nicht so schwer, auch wenn wir viele Stunden am Tag arbeiten. Wenn wir abends zu acht in unserem Zimmer sitzen, ist es schon ganz schön eng. Aber das ist nicht das Problem. Man hat mir mehr Geld versprochen, als ich jetzt bekomme. Das ist unfair. So kann ich nur wenig sparen. Und ich muss Geld sparen, damit ich zuhause etwas aufbauen kann. Ein Internetcafé wäre mein Traum. Ich verstehe zwar nicht so viel von Computern, aber das kann ja noch kommen.“

„Ob ich weine?“, fragt die, die seit zweieinhalb Jahren hier festgehalten wird und gar nicht mehr arbeitet, zum ersten Mal in ihrem Leben. „Natürlich weine ich, jede Nacht. Wenn ich an meine Schwestern denke, wenn ich an meine Mutter denke. Ich weiß nicht, wann das hier ein Ende findet.“

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