Stipendiaten der Heinz-Kühn-Stiftung bloggen ihre Recherchen und Erlebnisse.

Fluchtpunkt für die Straßenkinder: der alte Hafen von Tanger

Yasser hat jahrelang Klebstoff geschnüffelt, wie so viele Kinder, die in den Straßen von Tanger leben und den Hunger, den Regen, die Aussichtslosigkeit vergessen wollen. Aber vor zwei Monaten war er so krank, dass er zum Arzt musste, erzählt er. Der riet ihm dringend, mit dem Schnüffeln aufzuhören. Das hat Yasser tatsächlich getan, behauptet er zumindest; jetzt raucht er stattdessen – dagegen hatte der Arzt nichts. Yasser lacht nach jeder Antwort laut auf, so als wäre es ihm eigentlich peinlich, was er uns so scheinbar freimütig erzählt.

Es ist nicht so einfach, eines der Straßenkinder zum Reden zu bringen. Es gibt einen regelrechten Straßenkind-Journalisten-Tourismus von spanischen Medien, berichtet der Sozialarbeiter Simo, so dass die Kinder und Jugendlichen es inzwischen ziemlich leid sind, von ihrem Leben zu erzählen. Man muss sie bezahlen, mit einem Essen oder Geld, dann willigen sie ein. Yasser bekommt einen Minztee und 50 Dirham, knapp 5 Euro.

Auch Yasser hat an der Armenspeisung der Schwestern des Ordens der Mutter Teresa teilgenommen, obwohl er mit 16 eigentlich zu alt dafür ist. Aber er lebt seit zehn Jahren auf der Straße, die Schwestern kennen ihn, und deshalb darf er trotzdem kommen. Yasser stammt aus dem Xsar-Gebirge, seine Mutter und seine drei jüngeren Geschwister leben in Tanger. Warum er nicht bei ihnen wohnt, frage ich ihn. Er lächelt verschämt: „Ich habe einen Schlüssel von zu Hause.“ Aber es ist ihm peinlich, zurückzukehren, hungrig, schmutzig und ohne einen Dirham. Yasser ist nur ein Jahr zur Schule gegangen, „dann habe ich lieber mit meinen Freunden Fußball gespielt und rumgehangen“. Eines Tages bot ihm jemand Klebstoff zum Schnüffeln an, er gewöhnte sich daran und wohnt seitdem auf der Straße. In seinem Fall kann man tatsächlich fast von „Wohnen“ sprechen: Er lebt mit 30 anderen Straßenkindern in einem Garten am Rande der Medina von Tanger, unweit des alten Hafens. Im vergangenen nassen und kalten Winter haben sie sich dort sogar eine Art Hütte gebaut zum Schutz gegen den Regen.

Yasser erzählt, dass neuerdings immer jüngere Kinder, zehn- bis zwölfjährige, zu ihnen stoßen und von den älteren systematisch mit Kokain versorgt werden. Die älteren machen die kleinen abhängig, damit die dann für die sie stehlen und betteln. Außerdem gibt es immer mehr Mädchen in den Straßen der Medina, die sich als Jungs verkleiden. Yasser verbringt seine Tage nicht, wie viele andere Kinder, auf dem Boulevard oder in der Medina mit Betteln. Er versucht, sich ein paar Dirham zu verdienen, indem er einem Freund auf dem Fischmarkt hilft oder Klamotten verkauft. Aber die Polizei nimmt ihn immer wieder hoch.

Nachts versucht er, wie die meisten Straßenkinder, nach Spanien zu kommen. Sie ziehen in Gruppen Richtung Hafen, greifen die Polizisten an und verwickeln sie in ein Handgemenge. So können immer einige durchschlüpfen und sich unter Lkws oder Bussen verstecken, während die anderen die Polizisten ablenken. Yasser sagt, er wisse ganz genau, bei welchen Lkw-Modellen man sich im Radkasten verstecken könne und in welchen es gefährlich sei. Er erzählt von einem Freund aus Tunis, dessen Kopf im Radkasten eines Lkws zerdrückt wurde. Ein paar mal hat Yasser es schon unter einem Lkw versteckt bis aufs Schiff geschafft, wurde dort aber immer geschnappt.

Falls Yasser eines Tages bis nach Spanien kommen sollte, will er dort aber nicht bleiben, sondern weiter nach Norden gehen, nach England zum Beispiel: „Ich will in Europa arbeiten und viel Geld verdienen und ein neues Haus für meine Mutter kaufen, weil sie jetzt zur Miete wohnt.“ Er würde zum Beispiel in der Landwirtschaft arbeiten, das hat er schon mal gemacht.

Die Jugendlichen, die im Hafen oder auf dem Schiff aufgegriffen werden, nimmt die Polizei für eine oder zwei Stunden mit ins Kommissariat und lässt sie dann wieder laufen. Wenn der König zu Besuch in Tanger ist, werden sie auch schon mal über Nacht dabehalten. Und wenn einer ein bisschen Geld hat, kauft er einem Polizisten eine Zigarette und kann gehen.

Da Tanger durch seinen wirtschaftlichen Boom den Ruf eines Eldorados hat, kommen immer mehr Kinder aus dem ganzen Land. Ungefähr 2000 leben auf der Straße, schätzt Yasser. Und mit denen von außerhalb springen die Polizisten weniger glimpflich um: Sie verfrachten sie in Busse und bringen sie Richtung Rabat und Casablanca, ein paar Kilometer vor der Stadt setzen sie sie an der Autobahn aus. Aber die allerwenigsten kehren nach Hause zurück, die meisten machen sich erneut auf nach Tanger.

Fast alle Straßenkinder sind Marokkaner, Zentralafrikaner trauen sich wegen der strengen Kontrollen nicht nach Tanger. Zwar gibt es auch junge Migranten aus Schwarzafrika, sagt Yasser, aber sie leben außerhalb der Stadt, in den Wäldern, zum Beispiel beim neuen Hafen Tanger Med, 45 Kilometer östlich von Tanger.

Dorthin wird bald, in zwei bis drei Monaten, auch der Fährhafen verlegt. Und die Lkws, die jetzt noch ihre Fracht über den alten Hafen im Stadtzentrum verschiffen, sollen im Laufe des Jahres auch nach Tanger Med umziehen. Der dortige Hafen ist ein Hochsicherheitstrakt: mit Stacheldraht eingezäunt, man braucht einen 48 Stunden vorher beantragten Passierschein. Fast unmöglich für die Straßenkinder also, auf das Gelände des neuen Hafens zu gelangen. Yasser wird seine Strategie deshalb demnächst auf die spanische Enklave Ceuta verlegen, 60 Kilometer von Tanger entfernt: „Ich will genug Geld für einen Pass und ein Visum für Ceuta verdienen und dann mit Marokkanern Handel treiben.“ Von dort aus sei es dann auch viel einfacher, nach Spanien zu kommen.

Dina Netz, Tanger, 31.3.2010

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