Stipendiaten der Heinz-Kühn-Stiftung bloggen ihre Recherchen und Erlebnisse.

Es geht nach Diécké, im äußersten Süden Guineas. Hat man die Checkpoints am Stadtrand von N’Zérékoré hinter sich gelassen, taucht man schon bald tiefer und tiefer in die ursprüngliche Vegetation ein, die dieser Region ihren Namen gab: Guinea Forestière. Ein wilder, undurchdringlich erscheinender und wunderschöner Wald, dessen Wipfel sich an vielen Stellen fast wie die Decke einer Kathedrale über der roten Lateritpiste zusammenschließen.

Nach etwa zwei Stunden weicht dieses scheinbar ungeordnete Chaos der durch Menschen geschaffenen Ordnung. Der Kontrast könnte nicht stärker sein. Palmen- und Kautschukplantagen erstrecken sich bis zum Horizont, während man in das staubig braune Örtchen Diécké einfährt. Normalerweise würde man dieses, wie auch alle bisherigen Nester entlang dieser Straße in Richtung der liberianischen Grenze, ohne viel Aufhebens hinter sich lassen. Wären da nicht die rot leuchtenden neuen Metalldächer am Rand der Siedlung und eine Feierabend Kolonne von fast neuen Automobilen, die man so noch nicht einmal in der Hauptstadt sieht und die so gar nicht in das Gesamtbild dieses Ortes passt.

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Also mach ich mich auf die Suche nach dem Hotel Kofua. Es soll das beste Hotel am Platz sein, wobei der Komfort nicht das ausschlaggebende Argument ist. Es ist viel mehr der Fakt, dass in Orten wie diesen, an Orten wie diesen die Menschen anzutreffen sind, die die richtigen Informationen haben. Und das ist dann eben wesentlich einfacher als der zähe und unangenehme offizielle Weg. So trifft man beispielsweise die Arbeiter der SOGUIPAH oder Vorsitzende bzw. Präsidenten lokaler und nationaler Verbände, die auf der Terrasse des Restaurants bei Softdrinks oder Bier die Zeit tot schlagen – denn viel gibt es hier sonst nicht zu tun.

SOGUIPAH wurde Ende der 80er Jahre mit der Autorität der Regierung und dem Geld von Sofinco ins Leben gerufen. Dabei wurde den lokalen Bauern mit den besten Absichten die Monokultur (Palmöl, Kautschuk, Reis) mehr oder weniger aufgezwungen. Zwar wurden die Infrastrukturen so weit wie nötig aufgebaut und Setzlinge kostenfrei ausgegeben, aber die Menschen müssen diese abbezahlen, sobald sie dann irgendwann mal Gewinne einfahren. Die Krux dabei ist, dass die erwirtschafteten Produkte an SOGUIPAH, zu einem sich am Weltmarkt orientierten, festgelegten Preis, verkauft werden müssen.

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Und so entstand folgendes Problem: Kautschuk war lange Zeit mit Abstand das mit Abstand lukrativste Produkt, was zur Folge hatte, dass sich keiner mehr die Mühe machte (mit Ausnahme der gebildeten und gewiefteren Plantagenbesitzer) in die traditionelle Mischwirtschaft oder geschweige denn wenigstens Reis zu investieren. Diese Entscheidung bereuen heute viele, denn die Preise sind gefallen und es bedarf einigen Aufwandes, Produkte wie Kakao, Kaffee, Maniok wieder einzuführen.
Dazu kommen die im ganzen Land schwachen und korrupten Verwaltungsstrukturen auf Seiten des Staates, welche eine weitere Entwicklung der Region, trotz ihres Potentials verhindern.

In den Büros von SOGUIPAH werden natürlich nur die Erfolgsgeschichten aufgezählt. Und mit einem etwas dubiosen Grinsen wird dann am Ende des Gespräches noch hinzugefügt: „Wir sind ja alle hier, um unseren Beitrag zur Entwicklung zu leisten“. Es ist schwer zu sagen, ob es die abhanden gekommene Überzeugung von jemandem ist, der einfach schon zu lange an diesem Ort arbeitet oder dieser Leitspruch eh nur den Schein wahren soll?
Sicher ist aber, dass die Presseabteilung mir naiver Weise Fragen beantwortet, die eigentlich erst einmal nur ins französische Übersetzt werden sollten, damit das Management sie absegnen kann.

Der mit mir betraute Mitarbeiter plaudert dann also ausgiebig über seine Kindheit in Diécké und den sozialen Einfluss, den dieses Projekt hatte. Denn etwa zur selben Zeit, als hier die Kautschukproduktion startete, brach in Liberia, einem der größten Kautschuklieferanten weltweit, der Bürgerkrieg (1989-2003) aus. Die in Diécké ankommenden Flüchtlinge waren zwar billige und erfahrene Arbeitskräfte, allerdings auch eine Belastung für traditionelle Familienstrukturen in dieser bis heute abgelegenen Region. Und viele Familien hielten diesem Einfluss nicht stand.

Zu guter Letzt wird mir dann noch der Wunsch, eine Kakaoplantage zu besichtigen, erfüllt. Es wurde mir zwar wiederholt gesagt, es würde kein Kakao im großen Stile angebaut, aber ich wollte dennoch einige Bilder. Die drei alten Bäumen gaben dann auch wirklich nicht viel her, doch als mein Begleiter in einem Anflug von Übermut mir noch beweisen will, warum die Leute keinen Kakao mehr anbauen würden – „Kautschuk ist nämlich viel ergiebiger und rentabler“ – überraschte ihn der Bauer mit seiner Antwort dann doch.

„Wenn ich könnte, würde ich aber lieber wieder Kakao anbauen. Dann wäre ich nicht an einen Abnehmer mit festgeschriebenen Preisen gebunden und hätte ein Produkt, welches auch noch dazu beiträgt die Familie zu ernähren.“

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Wie es sich also schon bei meinen ersten Gesprächen in Dakar gezeigt hat, bestätigt sich hier, dass es wichtiger ist seine Produkte zu diversifizieren, um gegen Krisen gefeit zu sein, als kurzfristig auf einen Trend zu setzen. Deswegen sind es vor allem Plantagenbesitzer aus höheren Bildungsschichten, die aus eigenem Antrieb eine Art nachhaltige Strategie verfolgen. Die einfachen Bauern scheitern daran aber meistens bzw. erliegen den Verlockungen der Monokulturen – einfachere Arbeit und kurzeitig hohe Preise.

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