Stipendiaten der Heinz-Kühn-Stiftung bloggen ihre Recherchen und Erlebnisse.
Mit ihren Auftritten eckt Poly an (Foto: Tarek Moukaddem)

Mit ihren Auftritten eckt Poly an (Foto: Tarek Moukaddem)

Sie nimmt die viel zu große Sonnenbrille aus stumpfem blauen Plastik ab. So eine, wie ich sie als Kind hatte und mich damit richtig erwachsen gefühlt habe. Poly sitzt auf einem Barhocker vor der Kneipe „Radio Beirut“. Abends spielen hier öfter junge libanesische Musiker, jetzt am Nachmittag dröhnt HipHop von lokalen Bands aus den Boxen. Noch bevor ich das Mikrophon raushole und meine erste Frage stellen kann, sind wir mitten in einer spannenden Diskussion über Politik und Gesellschaft. Den Anstoß dazu hat Poly gegeben. Sie wollte wissen, welchen Eindruck ich von Libanon habe. Als ich sage, dass sich die Gesellschaft nach außen sehr westlich liberal gibt, unter dieser Oberfläche aber konservative Werte schlummern, nickt sie.


Polys Song „Tough“

Poly – die eigentlich Paulette Maroun Matta heißt – ist erst 20, aber sie weiß genau, wovon sie spricht. Vor zwei Jahren ist die Sängerin mit einer Kette aus Kondomen im Fernsehen aufgetreten. Bereits zuvor hatte sie sich öffentlich für die Rechte von Schwulen und Lesben eingesetzt und war mit schrägen Klamotten aufgefallen, u. a. mit einem Mini-Kleid aus Zeitungspapier und dazu weißen Strapsen. Bei unserem Treffen ist sie dagegen richtig brav gekleidet: ein schwarzes Top, eine schwere silberne Kette mit einem faustgroßen Adler als Anhänger und leicht toupierte Haare.

Der Auftritt mit der Kondom-Kette stellt für Poly eine Zäsur dar: „Als das alles passierte, ging es nicht mehr um die Musik. Es ging nur noch um das Mädchen, das die Kondom-Kette getragen hat.“ Nach dem Auftritt seien die Facebook-Konten ihrer Familie gehackt worden. Außerdem habe sie auf einmal einen Bodyguard gebraucht, sagt Poly, denn Leute seien ihr auf der Straße gefolgt. „Ich hatte die Wahl: Entweder ich bleibe zu Hause und werde verrückt, oder ich habe jemanden, der auf mich aufpasst.“

Viele Libanesen halten Polys Auftritte für einen Schrei nach Aufmerksamkeit oder für den Wunsch, auf diese Weise in die Schlagzeilen zu kommen. Schließlich habe sie noch kein Album auf dem Markt, über das sie reden könne. Manche glauben, dass sie Lady Gaga nacheifert. Auch innerhalb der Szene gehen die Meinungen über sie auseinander. „Solange sie auf diese Weise im Gespräch bleibt, ist das doch gut“, meinen einige in der Branche. Poly selbst fühlt sich von den meisten Libanesen falsch verstanden. Mit dem Kleid aus Zeitungspapier habe sie auf Recycling aufmerksam machen wollen, und die Kondom-Kette sollte die Leute dazu bringen, über ausreichend Schutz beim Sex nachzudenken. In Libanon ist Recycling nicht einmal als Fremdwort bekannt, und Sex vor der Ehe ist ein Tabu. Ganz zu schweigen von ihrem Engagement für Schwule und Lesben. Homosexualität ist per Gesetz verboten, dennoch gibt es eine große Community, zu der viele Künstler und Designer gehören.

Poly will provozieren und damit wach rütteln

Einmal sei sie in einer laufenden Fernsehshow vom Sender genommen worden, sagt Poly. Sie habe ihren Song „Tough“ gesungen, in dem es darum gehe, sich selbst stark zu machen und nicht auf jemanden zu warten, der einen rettet. „Ich hatte Regenbogen auf die Hände gemalt, und ich habe gesagt: ‚Diesen Song widme ich der LGTB-Community überall auf der Welt und vor allem im Nahen Osten. Mein Herz ist bei euch‘“, erzählt Poly, „Ich habe nicht einmal gay gesagt, aber sie haben mich vom Sender genommen.“

Poly leugnet nicht, dass sie provozieren will, aber sie spricht auch von Verantwortung und davon, dass die junge Generation etwas verändern müsse. Dies sei eben ihre Art zu rebellieren und für diejenigen einzutreten, die ungerecht behandelt würden. Nach dem Skandal um die Kondom-Kette sei sie einige Monate zurückgetreten. Im Ausland habe sie darüber nachgedacht, was sie wirklich im Leben erreichen möchte. „Ich will immer noch dieselben Dinge“, sagt Poly, „Vorher bin ich meinem Herzen gefolgt. Jetzt habe ich einen Plan.“

Links:
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www.youtube.com/PolyOfficial
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Provocative Poly

In her songs Poly talks about taboos

She takes off the way to big sunglasses made of dull blue plastic, like the ones I had as a child and that made me feel so grown up. Poly is sitting on a bar stool in front of the pub “Radio Beirut”. In the evening sometimes young Lebanese artist perform here, now in the afternoon HipHop of a local band bangs from the boxes.

Before I’m even able to switch on my microphone and to start asking questions I find myself in a lively discussion about politics and society. Poly had pushed us into it when she asked me for my opinion about Lebanon. She nods when I answer that I found a society that on the surface seems to be liberal and western, but underneath you’ll find conservative values.

Poly – whose real name is Paulette Maroun Matta – is only 20 but she knows exactly what she is talking about. Two years ago the singer went on a TV-Show wearing a necklace made of condoms. Already before this she stood up in public for the rights of gays and lesbians. And she had been noticed for her unconventional style of clothes, for example a mini-dress made of newspapers and suspenders. At our meeting she looks rather like a nice girl: black top, heavy silver necklace with a huge eagle almost the size of my fist and slightly teased hair.

Her appearance on TV with the condom necklace seems to mark a break for Poly: “When that happened it wasn’t about the music anymore. It was only about the girl who wore the condom necklace.” Soon after that the facebook accounts of her family had been hacked, Poly says. Moreover, she had to hire a bodyguard, since people started to follow her on the street. “I had the choice either to stay home and go crazy or to have somebody look over me.”

For many Lebanese Poly’s public appearance is a cry for attention or an attempt to remain in the news, since she hasn’t published an album yet, she could talk about. Some even believe that she wants to become the next Lady Gaga. Even within the scene the opinion about her is ambiguous. “As long as people are talking about her it is fine”, some people say. As for Poly she feels that most of the Lebanese get her message wrong: With the newspaper dress she wanted to point out the necessity of recycling and the condom necklace should open people’s eyes to topics such as safer sex. If you walk on Lebanon’s streets even the word recycling seems to be unknown. Premarital sex is a taboo, and campaigning for the rights of gays and lesbians is even worse. In Lebanon homosexuality is forbidden by law. Nevertheless, there is a rather huge community and many artists and designers belong to it.

Once she had even been cut off from TV, Poly says. She was singing her song “Tough” that encourages people to make themselves strong and not to wait for someone to come and rescue them. “I had rainbows on my hands and I said: ‘This song is dedicated to the LGTB community everywhere, specifically in the Middle East. My heart goes out to you’”, Poly remembers, “I didn’t even say the word gay and they cut me off.”

Poly doesn’t deny that somehow she is provocative, but at the time she speaks about responsibility and that the young generation has to make a change. Her music and performances are her way to rebel and to stand up for those who are treated unfairly. After the scandal about her condom necklace she stepped back for some months. She took the time to think about what she really wants in life. “I still want the same things”, Poly says, “before I was just following my heart. Now I have a plan.”

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