Stipendiaten der Heinz-Kühn-Stiftung bloggen ihre Recherchen und Erlebnisse.

Die mexikanische Sängerin Julieta Venegas singt in einem ihrer Hits „Yo te quiero con limón y sal, yo te quiero tal y como estás“, übersetzt heißt das ungefähr so viel wie „Ich mag dich mit Salz und Zitrone, genauso wie du bist“. Eine schöne Liebeserklärung, die aber über den Geschmack der Mexikaner mehr aussagt als man zunächst annimmt. An anderer Stelle in diesem Blog habe ich bereits über die Vorzüge der mexikanischen Küche gesprochen. Auch nach knapp vier Monaten im Land bin ich noch immer Fan der „cocina mexicana“. Es gibt aber auch eine Seite des Essens und Trinkens, die ich immer noch gewöhnungsbedürftig finde und auf die Julieta Venegas in ihrem Lied anspielt: Salz, Zitrone und Chili – als Pulver oder Soße – sind in Mexiko allgegenwärtig. Und mit allgegenwärtig meine ich allgegenwärtig. Dass Salz, Zitrone und Chili zu verschiedenen herzhaften Speisen passen, kann man sich gut vorstellen. Und dass man einen Tequila mit Salz und Zitrone trinken kann, ist auch für Deutsche nicht ungewöhnlich. Auch ein Stück Zitrone im Flaschenhals eines mexikanischen Bieres hat man schon außerhalb des amerikanischen Kontinents gesehen. Hierzulande kommt jedoch noch eine Prise Salz dazu. (Der ausgeprägte Zitronenkonsum soll übrigens auf seine desinfizierende Wirkung zurückgehen. Gerade in Zeiten, als die Bierflaschen nicht allzu sauber ihre Konsumenten erreichten oder auch heute noch, wenn man Essen an kleinen Ständen auf der Straße bestellt, ist die Notwenigkeit zusätzlicher Desinfektion einleuchtend.)

So weit, so gut. Das wirklich Gewöhnungsbedürftige ist aber, dass Salz, Zitrone und Chili auch weit jenseits herzhafter Speisen zum Einsatz kommen. So wird Mineralwasser – neben einer (Gott sei Dank) geschmacksneutralen Variante – auch mit Salz-Zitronen-Geschmack verkauft. Auf der Straße in Mexiko-Stadt stehen Verkäufer, die auf ihren Tischchen selbstgemachte Zitronenlimonade anbieten. Wenn man nicht ausdrücklich darauf hinweist, bekommt man diese aber in einem vorgesalzenen Becher serviert. Neben der Popcorn-Theke im Kino steht eine große Flasche Chilisoße zum Nachwürzen bereit. Und auch beim frischen Obst, das auf der Straße verkauft wird, muss man als Europäer ohne mexikanischen Geschmack aufpassen. Kleingeschnittene Ananas, Papaya, Banane, Apfel, Wassermelone und Co. werden nämlich, wenn man es nicht anders bestellt, mit Salz, Zitrone und Chili gewürzt.

Chile

Bis auf das gesalzene Mineralwasser oder die Zitronenlimonade habe ich mich an die oben genannten Würzungen gewöhnt. Es geht mit dem Salz-Zitronen-Chili-Wahn aber noch weiter. Und zwar macht dieser – auch wenn das wirklich unglaublich klingt – auch vor Süßigkeiten keinen Halt. Wenn man im Restaurant mit der Rechnung ein paar bunte Bonbons bekommt, kann das gefährlich werden. Zunächst schmecken sie nach ganz normalen Fruchtbonbons – bis man sich zum Kern vorlutscht und denkt, eine Salz-Chili-Bombe wäre soeben im eigenen Mund explodiert. Und auch im Süßigkeitenregal im Supermarkt oder am Kiosk kann ein unbedachter Griff böse enden: In geschätzt einem Drittel der Produkte sind Gewürze enthalten, die dort nach europäischem Verständnis einfach nicht hineingehören. Das Ergebnis sind meist Geschmackskombinationen wie Mango-Chili oder Wassermelone-Chili. Die mexikanischen Kinder sind – im wahrsten Sinne des Wortes – ganz scharf darauf. Für mich kam diese Recherchereise eindeutig mehr als 20 Jahre zu spät, um mich noch daran zu gewöhnen.

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