Stipendiaten der Heinz-Kühn-Stiftung bloggen ihre Recherchen und Erlebnisse.

Zum ersten Mal erzählte mir eine finnische Austauschstudentin davon. Sie habe schon so ziemlich alles in Bangkok gesehen. Aber da gäbe es noch etwas, das sie unbedingt besuchen wollte. „Ein verlassenes Hochhaus, zu dem der Zutritt verboten ist. Aber man hat eine tolle Aussicht auf die Stadt.“ Wo es steht, wusste sie aber nicht.

Später fand ich heraus, dass das besagte Hochhaus Sathorn Unique heißt und nur ein paar Meter von meinem Hotel entfernt liegt im Geschäftsstadtteil Sathorn, mit Büros, Botschaften und Anzugträgern. Touristen kommen hier hin, um den Lebua State Tower zu besuchen. Oder eher: Die Spitze davon. Dort findet man die Sirocco Skybar, die durch den Film Hangover bekannt wurde und seitdem auf vielen To-Do-Listen von Bangkokreisenden steht. Wer gerne zehn Euro für ein Bier ausgeben und sich in Schale werfen möchte, bekommt hier einen hübschen Sonnenuntergang mit Blick auf den Chao Phraya-Fluss. Oder man wendet den Blick ein bisschen ab gen Süden und entdeckt das Sathorn Unique, was wie der schmuddelige Bruder des Lebua State Towers in dem Himmel ragt.

Sathorn Unique

Das Sathorn Unique ist Sinnbild für die Wirtschaftskrise der späten Neunziger: Ein 49-stöckiges Hochhaus, dessen Bau noch im Boom der frühen Neunziger begann. Ein weiteres Puzzleteil für die Skyline der Stadt, ein Luxuswohnhaus mit mehr als 600 Wohnungen und Läden. Die Finanzkrise der späten 90er ließ den Investorentraum platzen, der Bau musste abrupt abgebrochen werden. Der Bauherr ist heute angeblich über alle Berge. Und Thais sind sehr abergläubische Menschen: Viele meinen, es bringe Unglück, ein solches Gebäude nun fertig zu bauen – oder gar zu betreten. Einige glauben gar, dass es darin spukt.

Nun sieht das einstige Prestigeobjekt von außen ziemlich vollendet aus. Innen aber ist es eine Ruine, die seit fünfzehn Jahren vor sich hin gammelt. Das Betreten ist verboten, das Gelände abgesperrt. Doch das ist wohl gerade der Reiz der Leute, es dennoch zu betreten.

Die Thailand-Backpacker sind ohnehin eine Klasse für sich: Spätestens seit „The Beach“ ist das Land ein beliebtes Ziel  Rucksackreisender aus aller Welt und perfekter Startpunkt, um den „Banana-Pancake-Pfad“, die Route westlicher Touristen durch Asien, zu beginnen. Von Bangkok kommt man schnell und preiswert in die Nachbarländer. Die Khao-San-Road ist so etwas wie ein Sammelpunkt für Menschen aus aller Welt zwischen 18 und 35. „What’s your name?“ „Where are you from?“ „Where have you been?“ „Where are you going?“ So lernt man Gleichgesinnte aus Israel, Australien oder Holland kennen. Und weil alle irgendwie das Gleiche tun und weil das ja irgendwann langweilig wird, haben besonders Wagemutige das Sathorn Unique entdeckt.

In Blogs und auf Facebook geben sie sich gegenseitig Tipps: Wie man unbemerkt am Wachmann vorbeikommt. Mit wieviel Baht man die Obdachlosen im Erdgeschoss besticht, die Klappe zu halten. Dass auf einer Etage Fledermäuse lauern, auf einer anderen wilde Hunde und oben ein Schwarm Wespen. Und wenn sie es heil bis zum Dach geschafft haben (neben kaputten Treppen, Tieren und Dunkelheit sind 49 Stockwerke zu Fuß nun auch kein Spaziergang), fühlen sie sich wie Helden. Sie haben etwas Verbotenes getan, können daheim ihre Geschichte erzählen und Fotos von der Spitze des Gipfels zeigen. Und sie haben etwas gemacht, das nicht im Lonely Planet steht.

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