Stipendiaten der Heinz-Kühn-Stiftung bloggen ihre Recherchen und Erlebnisse.

Ich hab’s getan: Ich war zum ersten Mal in meinem Leben in einem Fitnessstudio. Und wie es der Zufall so will, sollte dieses Erste Mal eben in einem kenianischen Fitnessstudio stattfinden. Noch etwas steif und müde in den Knochen nach dem Hinflug am Vortag konnte ich mir schließlich die Gelegenheit nicht nehmen lassen, meine deutsche Gastgeberin Rita zu ihrem wöchentlichen Kurs „Afrikanisch Tanzen“ zu begleiten.

Keine 24 Stunden nach meiner Ankunft in Afrika finde ich mich also plötzlich gemeinsam mit fünf oder sechs Kenianerinnen und gleich drei höchst motivierten Lehrern auf der Tanzfläche wieder und versuche fieberhaft, mich zu fröhlich-lauten afrikanischen Klängen auch nur ansatzweise so rhythmisch zu bewegen wie die drei Vortänzer und meine Mitstreiterinnen.

Überflüssig zu erwähnen, dass mir dies nur semi-gut gelingt. An dieser Stelle übrigens ein großes Dankeschön an Mittänzerin Beryl für ihr aufmunterndes Lob am Ende einer schweißtreibenden Stunde, ich hätte das „für eine Weiße doch ganz gut hingekriegt“.

Allerdings scheint mir die weibliche afrikanische Physis für derlei schnelle und andauernde Hüftschwunge auch deutlich besser geeignet. Jetzt wird mir klar, wieso Afrikanerinnen häufig diesen wohlgeformten, Hohlkreuz-geprägten, leicht hervorstehenden Popo haben. Mit so einem lässt es sich einfach entschieden besser wackeln.

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Über den vermutlich evolutionsbedingten körperlichen Nachteil meinerseits helfen mir allerdings die  drei Tanzlehrer mit ihrer ansteckenden Begeisterung hinweg. Es wird so viel und oft gelacht, gejohlt und aufmunternd gepfiffen, dass ich mich bei dem Gedanken ertappe, was für eine Klasse-Standard-Tänzerin wohl aus mir geworden wäre, wäre es bei Tanzschule Breuer damals in der neunten Klasse ähnlich heiter zugegangen.

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Vollgepumpt mit positivem Spirit wage ich mich nach dem Tanzkurs prompt an die nächste Premiere: einen Abstecher in die Innenstadt per Matatu, den hiesigen Kleinbussen, die in der ganzen Stadt unterwegs sind und für wenig Geld ihre Fahrgäste überall an der Straße einsammeln und wieder ausspucken.

Im lärmenden chaotischen Verkehr drängeln sich links und rechts, auf und auch abseits der Fahrbahn die Busse und Autos durch den Stau. Selbst die mit Blaulicht und Sirene fahrende Ambulanz ist chancenlos. Keiner macht auch nur einen halben Meter Platz, um den Krankenwagen durchzulassen. Hier sollte man also lieber keinen Herzinfarkt oder Ähnliches kriegen. Andererseits würde vielleicht auch in solch einem Fall Dr. Ebu helfen. Der kriechende Verkehr gibt mir die Gelegenheit, eines der Plakate genauer zu studieren, die alle paar Meter irgendwo am Straßenrand kleben. Dr. EBU verspricht Hilfe in allen Lebenslagen: „Unfruchtbarkeit, verlorene Sachen, Liebestrank,  Familienprobleme, Arbeitslosigkeit, Hochzeit – Call Dr. Ebu!“ Alles klar, werd‘ ich mir merken.

Da der Verkehr nicht besser wird, steigen wir einfach aus. Ein unschätzbarer Vorteil des Matatus gegenüber dem eigenen Auto in Nairobis Innenstadt. Ohnehin sind wir fast am Ziel. In Riverside, einem Viertel, das noch vor ein paar Jahren für Weiße tabu war, wie Rita erzählt. Seit Polizei und Sicherheitskräfte ihre Präsenz erhöht haben ist das anders, dennoch sind hier zumindest an diesem Tag so gut wie keine Touristen zu sehen.

 

Rita führt mich zielsicher in einen unscheinbaren Hauseingang. Wir klopfen an einer Tür im ersten Stock und befinden uns plötzlich in einer Art marokkanischem Riad. Vier offene Flure umschließen einen Innenhof. Auf dem Boden sitzen fünf Männer und fädeln unzählige Perlen an Bastschnüren auf. Hier werden Schmuck und Kunstgegenstände aus ganz Afrika überwiegend an Händler verkauft. Jedes einzelne der kleinen Zimmer, in denen die Verkäufer offenbar auch wohnen, ist von oben bis unten voll davon. Tausende Perlenketten in allen Formen und Farben, Holzschnitzereien, Masken und Statuen in jedem Winkel. Ein lohnendes Geschäft wie es scheint, denn als ich für 250 KSH –  umgerechnet knapp 2,50 Euro – ein Armband für meine Nichte kaufe, muss sich der Verkäufer das Wechselgeld für meinen 1000-Shilling-Schein erst mühsam bei seinen Kollegen zusammenklauben. Normalerweise werden hier wohl nur größere Scheine ausgetauscht.

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Zur Rückfahrt am späten Nachmittag lotst uns Albert, Ritas kenianischer Angestellter, diesmal in einen der etwas größeren Busse. Praktischerweise sind die Straßen auch zu dieser Zeit verstopft: wir können uns ohne allzu große Hast mitten auf der Straße in den fahrenden Bus quetschen. Keine fünf Minuten später sind wir aber auch schon wieder draußen. An einer Abzweigung legt der Fahrer abrupt den Rückwärtsgang ein. Der Kontrolleur springt hektisch aus, ein mit Knüppel ausgestatteter Polizist genauso hektisch in den Bus. Glücklicherweise gilt seine Aufmerksamkeit aber ausschließlich dem  Fahrer, also steigen wir aus und warten um die Ecke auf das nächste Matatu. Dabei klärt Albert uns auf: Die Straße war für Busse offiziell verboten, dennoch nutzen die Fahrer sie lieber als den vorgeschriebenen Highway, einfach, weil sie entlang dieser Strecke deutlich mehr Passagiere aufsammeln können. Der Streit zwischen Busfahrer und Polizist endete übrigens wie viele dieser Art: gegen Zahlung von vermutlich ein paar Tausend Schilling. Fast ein Schnäppchen, wenn man bedenkt, dass die Behörden absurd hohe Bußgelder verhängen, die schnell das Zehnfache betragen können.

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