Stipendiaten der Heinz-Kühn-Stiftung bloggen ihre Recherchen und Erlebnisse.

Ich heiße jetzt Nasjojo. „Die, die schnell lernt.“ Mein neuer Samburu-Name, auf den Jane mich getauft hat. Ob es nun daran lag, wie schnell ich meine ersten selbst gemachten Fußkettchen aufgefädelt habe oder ich den Namen letztlich doch meinen Sangeskünsten zu verdanken habe? Ich weiß es nicht. So oder so, ich trage ihn natürlich mit Stolz. Sehr gute Menschenkenntnis, diese Umoja Frauen, alle Achtung!:) Aber der Reihe nach: Offenbar haben die Frauen allmählich Vertrauen zu uns gewonnen. Am Nachmittag fragen sie bereits nach uns. Ob wir denn nicht vorbeikommen und beim Kettenbasteln helfen wollen? Aber gerne! Außerdem ist heute Weiberfastnacht und in New Orleans wird der Mardi Gras schließlich auch mit bunten Perlenketten gefeiert, jawohl! Und gesungen wird bei den Frauen sowieso, also nichts wie hin.

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Zur heißen Nachmittagszeit ziehen sich die meisten in den Schatten der Manyattas zurück.  Als wir in die größere Gemeinschaftshütte eintreten, ist diese bereits gut gefüllt. Zwischen den Frauen, die auf Plastiksäcken oder Fellen auf dem Boden sitzen und am Schmuck arbeiten, spielen ein paar Kinder. Draußen jagen zwei oder drei einem ziemlich platten Fußball hinterher.  Es dauert nicht lange und ich sitze ebenfalls im Staub, ein Stück Draht in der Hand und eine Schale voller Miniaturperlen auf dem Schoß. Die soll ich auffädeln. Stück für Stück reihe ich eines dieser winzigen Dinger an das andere. Fast hat es etwas Meditatives. Erst recht, als um mich herum eine Frau nach der anderen zu singen beginnt. Erst leise und für sich, doch mit der Zeit finden sich die einzelnen Stimmen zu einem Chor zusammen.

Es gibt diese Momente, in denen man so große innere Zufriedenheit spürt, dass es regelrecht kribbelt. Genau dies ist so ein Moment… „Nasjojo!“ Jane verlangt plötzlich meine Aufmerksamkeit. Jetzt ist Multitasking gefragt: Ich soll ihr nachsingen, muss aber natürlich gleichzeitig weiter Perlen fädeln, denn bis nicht an jedem Fuß- und Armgelenk ein selbstgemachtes Kettchen baumelt, wird nicht locker gelassen. Genau das Gleiche gilt für den Gesangsunterricht. Jede einzelne Strophe eines alten Samburu-Liedes werde ich in den kommenden 30 Minuten so lange   wiederholen, bis ich den Anforderungen meiner strengen Lehrerin einigermaßen genüge und die übrigen Frauen nicht mehr ganz so viel lachen über meine Aussprache. Okay, der Refrain war ja vielleicht noch ganz einfach, aber alles über das schlichte „Maaa-a-a“  hinaus? Puh…

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Trotzdem: Ich fühle mich regelrecht geehrt, dass die Frauen mich inzwischen sogar in ihr traditionelles Liedgut einführen. Mit ein paar Brocken Englisch und viel Hand und Fuß versucht Jane mir anschließend auch zu erklären, was ich da eigentlich gesungen habe. Es ist die Geschichte einer jungen wunderschönen Samburufrau, die Tag für Tag von den Männern der Umgebung hofiert wird. Jeden Einzelnen schickt sie weg. Den stolzen Krieger, der in vollem Ornat um ihre Hand anhält, weist sie mit den Worten zurück: „Du humpelst und siehst dabei aus wie eine Hyäne“ – „Nein ich humpele nicht, es ist mein prächtiger Schmuck, der mich schwer gehen lässt!“  -„Geh, ich will dich nicht!“  Eines Tages jedoch kommt ein ganz besonders hübscher Mann, der das junge Mädchen sofort verzaubert. „Den will ich! Ihn werde ich heiraten!“, erklärt sie der Mutter und geht mit ihm fort. Was sie nicht weiß: Es ist ein böser Vogel, der die Gestalt eines Menschen annehmen kann. Er steigt mit ihr auf einen hohen Baum, zeigt ihr von dort oben all das, was sie aufgegeben und zurückgelassen hat. Und dann irgendwann gibt er sich endlich zu erkennen und endet mit den Worten: „Und jetzt werde ich Dich auffressen.“  – Oder so ähnlich.

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Auch am folgenden Nachmittag sind wir wieder zum Kettenbasteln eingeladen. „Kennst Du deinen Namen noch?“ lautet Janes erste Frage. Natürlich, ich bin Nasjojo. „Komm her Nasjojo“, ruft Nototo mich zu sich. Sie arbeitet gerade an dem beeindruckenden Kopfschmuck. Ich soll ihr helfen, die zwei Reihen grüner Perlenschnüre fertig zu stellen während Rita nach Lucys Anweisung ein kompliziertes Lätzchen bastelt. Doch kaum haben wir angefangen sind die Frauen plötzlich verschwunden. Wir bleiben alleine mit den Kindern zurück, basteln und schneiden Grimassen mit Fiona, Veronika und Co.

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Nur wenige Augenblicke später wissen wir was los ist. Am Dorfeingang ertönt Gesang. Drei amerikanische Touristen sind zu Besuch, die auch prompt jedes meiner Vorurteile erfüllen. Mit laufender Kamera trotten die drei Männer hinter Rosslyn her durch das Dorf. Für einen kurzen Moment kommen Nototo und Lucy zurück. Lucy legt mir ein schwarz-weißes Fußkettchen um. Ein Geschenk. Die Amerikaner sind  inzwischen mit dem Museum fertig und steuern die Verkaufsplätze an. Ich höre, wie die Amis zu handeln beginnen. „1000 Shilling?! Nooo. 500!“ 500?! Ich bin kurz davor, rauszulaufen und dem Herrn gehörig die Meinung zu geigen. Der hat wohl keine Ahnung, wie viel Arbeit das ist. Seit etwa einer Stunde sitze ich hier im Staub und fädele mühsam diese Miniperlen erst auf einen Draht und von dort auf die Schnur. Keine zwei Reihen habe ich dieser Zeit geschafft. Für einen kompletten Kopfschmuck brauchen die Frauen einen  ganzen Monat.

Mittlerweile hat Lucy für mich auch noch ein paar Ohrringe mit Muscheln gemacht. Da ich keine Ohrlöcher habe, fürchte ich für einen kurzen Moment, sie könne auf die Idee kommen, mir hier und jetzt welche zu verpassen. Auch Rosslyn ist jetzt da. Die Touristen sind wieder weg, nachdem sie vorher noch versucht haben, den Frauen „Bruder Jakob“ beizubringen. Nototo brummt noch den Refrain als sie zurück kommt. Wir arbeiten gemeinsam weiter. Immer wieder stimmt jemand ein Lied an, macht Scherze oder ruft meinen neuen Namen. Eine der Frauen fragt mich, wo ich herkomme. „Aus Deutschland“, antworte ich. „Nein, nein“, übersetzt Rosslyn. In Zukunft solle ich auf die Frage unbedingt antworten: Nasjojo kommt aus Umoja!

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Als wir zurück ins Dorf kommen wartet Evelyn auf mich. Sie ist extra aus Maralal mehrere Stunden mit dem Bus hierher gefahren, um mich zu treffen. Evelyn ist ein Opfer der blutigen Stammeskonflikte zwischen Samburu und Turkana. Tödliche Auseinandersetzungen zwischen den Angehörigen unterschiedlicher ethnischer Gruppen gibt es im Norden relativ oft. Auslöser sind häufig Viehdiebstähle. Immer wieder rauben die benachbarten Völker einander die Kühe und es kommt zu bewaffneten Unruhen. Erst im Dezember hatte die kenianische Regierung nach wochenlangen Stammeskämpfen Truppen in vier Landkreise im Norden geschickt, um die Lage zu beruhigen.

Bei den Auseinandersetzungen wurden auch drei von Evelyns Brüdern und ihr Vater getötet. „meine Leute wurden getötet und unser ganzes Hab und Gut dem Erdboden gleich gemacht. Wir hatten nichts mehr. Sie haben meinen Bruder umgebracht. Er hat immer meine Schulgebühren bezahlt.”

Die Frauen von Umoja wurden auf Evelyn aufmerksam, als sie für die betroffenen Regionen ein Fundraising veranstalteten. Finanziert mit Spenden aus Deutschland wollen sie Evelyn die Ausbildung an einem Lehrer-College ermöglichen. Danach könnte sie Lehrerin hier an der Schule werden. „ Ich bin ihnen so dankbar, dass sie mich gefunden haben. Ich möchte gerne arbeiten. Nicht mehr untätig sein. Nach dem Vorfall 2013 konnte ich gar nichts machen. Ich hatte nichts mehr. Kein Geld für die Schule, nichts. So eine Chance wie diese kommt nur ein einziges Mal im Leben. Ich bin bereit alles zu tun.“

Ich bin beeindruckt, wie stark diese erst 19-jährige Frau ist. Wie viel Entschlossenheit und Zuversicht sie ausstrahlt. Nur ihr Blick verrät ein wenig von der Trauer und dem Schrecken, den sie erlebt haben muss.

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Als wir uns am nächsten Morgen von den Umoja-Frauen verabschieden, sitzen diese gerade im Schatten und lauschen mal mehr mal weniger interessiert den Worten eines jungen Studenten und seiner zwei Kommilitonen. Der junge Mann scheint sehr angeregt über irgendetwas aufklären zu wollen. Meine erste Vermutung: Irgendwas mit Gesundheit und Hygiene, schließlich reibt er sich ständig die Arme. Falsch gedacht. Wie sich herausstellt, sind die drei im Auftrag der Kirche unterwegs, Zeugen Jehovas wie es scheint. Nach dem Vortrag wird gemeinsam gebetet. Auch für uns, wie sie erklären. Alle senken die Köpfe und verharren einige Minuten in dieser Stellung. Sehr konzentriert.

Ich werde ein wenig wehmütig, will Lucy, Nototo, Jane und die anderen nur ungern verlassen. Ein letztes Mal kommen wir an den Verkaufsplätzen vorbei. Fast jede hängt uns noch irgendetwas um. Noch mehr Geschenke. „Die hier ist für deine Mutter“ erklärt Jane. Ich fühle mich fast beschämt. „Onkai! – Gott mit Dir!“ grüßen sie zum Abschied. „Und komm wieder!“

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Zum Schluss übrigens noch ein dreifaches „Asante sana!“ an Fatma und Edward, das muslimisch-katholische Pärchen, mit dem wir am Abend am Flußufer zu herrlicher 80er Jahre-Musik aus dem Autoradio („Rhythm is a dancer“ und soJ) getanzt haben. Erstens für den unglaublich netten Abend. Zweitens für die Einladung zum gemeinsamen „Njama Choma“, der gegrillten Ziege mit Ugali. Und drittens – Fatma, das geht vor allem an Dich – für Dein ungläubiges Staunen und die mehrfache Nachfrage ob ich wirklich, also wirklich ganz ehrlich nicht erst 17 Jahre alt bin?!  Tutaonana! Wir sehen uns in Nairobi.

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