Stipendiaten der Heinz-Kühn-Stiftung bloggen ihre Recherchen und Erlebnisse.

Wir (Rita, ihr Askari Albert und ich) sind gerade aus dem Matatu ausgestiegen, das uns an den Rand von Kibera gebracht hat, dem größten Slum Kenias. Auf der Straße ein sonderbarer Protestzug: ein paar Polizisten auf Motorrädern, Musik dröhnt zu uns herüber, dazu angeregte Lautsprecherdurchsagen. Eine Demonstration? Ein Streik? Eine politische Kundgebung? Nein! Es geht um Milch! Was aussieht wie ein kleiner Karnevalszug – es wird getanzt und  gesungen, manche tragen grüne Perücken; es fehlte nicht viel und ich hätte lauthals Kamelle und Alaaf gerufen – ist nichts anderes als eine Werbeveranstaltung für Milch! Klingt vielleicht banal, aber wenn man bedenkt, dass die kenianischen Langstrecken-Läufer zur Leichtathletik-WM in Berlin vor vier Jahren extra ihre eigene kenianische Milch mitgebracht haben, wird die Bedeutung von Milch in Kenia vielleicht schon etwas klarer. Tatsächlich ist die Milchproduktion ein sehr wichtiger Wirtschaftsfaktor im Land. Laut „Brot für die Welt“ (2010) macht sie fünf Prozent des kenianischen Bruttosozialprodukts aus und  sichert etwa eine Million bezahlter Jobs. Aber dies nur am Rande.

Schließlich bin ich wegen etwas ganz anderem hier. Ich will Anyango Jane Odongo treffen, die Gewinnerin des „Community Peacebuilder Award“ 2010. Die 42-Jährige kämpft für den Frieden und die Belange der Frauen hier im Slum. Und sie setzt sich unermüdlich dafür ein, Frauen unterschiedlicher Herkunft und Ethnie zusammenzubringen. Odongo ist die Gründerin der „Kibera Women for Peace and Fairness“.

Wir sind verabredet  im Büro der Graswurzelbewegung gleich neben dem District Office entlang der noch geteerten Hauptstraße von Kibera. Wir betreten den Slum durch den Eingang am Toy Markt. In den engen Gassen quetscht sich ein Verkaufsstand neben den anderen. Die meisten bieten Altkleider, aber auch der ein oder andere Gemüse- oder Gemischtwarenstand ist dazwischen. Immer wieder müssen wir anhalten, um eifrigen Männern mit schwerbeladenen Karren Platz zu machen. Wieder im Freien folgen wir der Straße um ein paar Kurven, entlang an unzähligen Ständen, Wellblechhütten und kleinen Imbissstuben. Zwischen den Obst- und Gemüseständen türmen sich immer wieder Berge von getrockneten Minifischchen aus dem Viktoriasee um die ganze Heerscharen von Fliegen schwirren. Hinter der nächsten Kurve plötzlich links und rechts überall Unmengen von Holzkohle in kleinen Plastikeimern. Auf der inzwischen ziemlich breiten Hauptstraße entdecke ich unweit von Janes Büro einen kleinen Schlachter. Beim Anblick der im Fenster hängenden Gedärme und anderer Innereien wird mir leicht übel.

Jane Anyango wartet bereits auf der Straße und führt mich in ein winziges, vielleicht sechs Quadratmeter großes Büro. Mit neun eigenen Geschwistern und den Kindern ihrer zwei zusätzlichen Mütter wuchs sie in einer Großfamilie auf, heiratete als Teenager und lebt seit mittlerweile 25 Jahren in Kibera. 2004 begann sie mit ihrer gemeinnützigen Arbeit, indem sie jungen Mädchen bei ihren Problemen – beispielswiese mit sehr viel älteren Männern –  half.

Die Idee, sich als Gruppe richtig zu organisieren, kam 2008 im Zuge der blutigen Unruhen nach den Präsidentschaftswahlen. Hunderte verloren damals ihr Leben, Hundertausende ihre Heimat. Besonders stark von den Gewaltexzessen betroffen waren die Slums, allen voran Kibera. „ Eines meiner Mädchen, denen ich geholfen hatte,s wurde getötet also haben wir versucht, die Frauen zu einem Protest zu mobilisieren.“ Innerhalb von weniger als zwei Stunden hatten sich ihr und ihrer Freundin rund 200 Frauen angeschlossen. „In dieser Krisenzeit waren die Menschen begierig darauf, sich zu treffen und über die Ereignisse auszutauschen. Ein kleines Mädchen war getötet worden und plötzlich war es auch egal, wo das Mädchen herkam oder zu welcher ethnischen Gruppe es gehörte. Wir Frauen wollten einfach unseren Protest kundtun und zeigen, wie sehr wir den Tod dieses jungen Mädchens verurteilten.“ Für Jane war genau das die größte Errungenschaft: Die Frauen hatten Alles stehen und liegen gelassen, ohne sich über Stammeszugehörigkeit Gedanken zu machen. Zu einer Zeit, in der nicht nur ganz Kibera sondern ganz Kenia aus religiösen, politischen und ethnischen Gründen tief gespalten war und großes gegenseitige Misstrauen herrschte. „Aber als wir die Frauen baten uns zu folgen, spielte es auf einmal gar keine Rolle, wer wir waren und zu wem wir gehörten. Plötzlich waren wir alle zu einer Stimme vereint. Das hat uns inspiriert weiter zu machen.“

Wie denn die Männer auf die Frauenbewegung reagiert haben, frage ich. – „Die Männer haben sich gefreut, sehr gefreut, denn die Kenianer sehnen sich nach Einheit und Zusammenhalt und wir diskriminieren keinen. Und es gab da diese sehr erfolgreiche Kampagne, die wir gemacht haben: „Schluss mit der Gewalt gegen Frauen! Wir können sie beenden“. Diese Kampagne hat allen das Gefühl vermittelt, gemeinsam Verantwortung zu tragen. Bei den meisten solcher Kampagnen spielen die Frauen immer nur eine Opferrolle. Bei uns haben die Männer uns sehr unterstützt weil sie gesehen haben, dass wir die Verantwortung nicht auf einzelne abschieben wollten sondern jeder seinen Teil dazu beitragen kann.“

Ein Beispiel, das Schule macht. Seit Mitte 2012 kämpft beispielsweise die „One Million Fathers Initiative“ dafür, Väter für den Kampf gegen Gewalt zu gewinnen und sammelt eine Million Unterschriften von Männern. Zu denen, die bereits auf der Liste stehen gehört unter anderem Ex-Vize-Präsident Kolonzo Musyoka. Denn das Problem der Gewalt gegen Frauen ist riesig. Die Kenianische Tageszeitung „Daily Nation“ zitiert aktuelle wissenschaftliche Studien, wonach 45% der jungen kenianischen Frauen schon einmal geschlechtsbezogene Gewalt erlebt haben;  90% der Täter waren Männer.

In Kibera, erzählt Jane, ist sexuelle Gewalt gegen Frauen allgegenwärtig. Erst in dieser Woche hätten die Frauen es gemeinsam geschafft,  die Verurteilung eines Täters vor Gericht zu erreichen. Es ging um Kindesmissbrauch. Ein Fall, der längst verloren schien. „Die Polizei erschien nicht vor Gericht, der Arzt hatte nicht ausgesagt, sie hatten die Zeugin eingeschüchtert, es gab Bestechungsversuche… Da haben wir unsere Frauen mobilisiert. Wir sind zur Polizei marschiert und zum Krankenhaus und haben sie regelrecht gezwungen, zur Verhandlung zu kommen. Und wir waren präsent. Dutzende von uns saßen im Gericht. Manchmal waren da 60 Frauen in dem Gerichtssaal, so dass der Vorsitzende am Ende gar nicht mehr anders konnte, auch wenn es nur die Mindeststrafe gab. Es war ein verlorener Fall aber mit der Macht der Frauen haben wir das Ruder rumgerissen.“ Für Erfolge wie diese nimmt Jane auch das persönliche Risiko in Kauf. Sie selbst in mehrfach wegen ihrer Arbeit bedroht worden: „Ja das kam schon häufiger vor. Ich wurde mitten in der Nacht angerufen und jemand hat gesagt, dass mein Haus abgefackelt wird. Ich hab schon jede Menge Drohnachrichten bekommen. Vor allem bei solchen Gerichtsgeschichten.“ Trotzdem will Jane weitermachen, denkt gar nicht daran, aufzugeben. „Ich lebe hier, das ist meine Community. Ich sehe das Leid und die Not. Aber ich habe das Privileg, in sehr hochrangigen Meetings zu sitzen. Und wenn ich dort Menschen begegne, die unsere Probleme nicht ernst nehmen, dann sag ich mir: Jane du musst weiterkämpfen und dafür sorgen, dass sich die Dinge ändern.“

P.S:.: Fotos gibt es in diesem Blog leider keine. Denn auf dem Rückweg heraus aus Kibera wurde mir leider die Tasche mitsamt Fotoapparat geklaut;-)

 

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