Stipendiaten der Heinz-Kühn-Stiftung bloggen ihre Recherchen und Erlebnisse.

„Einmal hin einmal her, rundherum das ist nicht schwer…. Theo spann den Wagen an, denn der Wind treibt Regen übers Land… Die Gedanken sind frei, wer kann sie erraten…“.– Ja, wer kann wohl erraten, warum und weshalb der Wind derlei Klänge just in diesem Moment durch die sternenklare Vollmondnacht  zu mir herüber treibt?!

Keiner, also werd ich’s verraten: Ich sitze auf der Terrasse vor meiner heutigen Bleibe, einer Lodge von „Young Mothers Kenya“ (YMK), jener fabelhaften NGO, die minderjährigen schwangeren Frauen und ihren neugeborenen Kindern ein Zuhause gibt. Um sich finanziell unabhängiger von Spenden und internationalen Wohltätern zu machen, vermietet YMK seit einiger Zeit ein paar Kilometer entfernt von dem Mutter-Kind-Dorf auf einem kleinen Anwesen Zimmer und Häuschen an Touristen oder – aufgepasst, die Auflösung des Rätsels naht – an Familien, die sich mitten im Adoptionsprozess befinden. Wie es scheint, werden demnächst zwei oder drei kenianische Kinder eine neue Heimat in Deutschland finden.Allerdings ist es die neue Heimat, die YMK bietet, wegen der ich eigentlich hier bin.

Es ist schon ein bisschen absurd: Das kleine Örtchen Gazi liegt keine 20 Kilometer hinter mir, als wir von der Bundesstraße, der einzigen Verbindungsachse zwischen Mombasa und Tansania, auf die Straße nach Diani Beach abbiegen. Eben noch sind wir durch Ukunda gefahren, dem einheimischen Gegenstück zur Touristenhochburg Diani. Vorbei an Dutzenden kleiner Geschäfte, Marktstände, Straßenhändlern; vorbei an meterhohen Müllbergen und Hunderten von Menschen auf und an der Straße. Und dann, nur einen Augenblick später, sind wir plötzlich in einer ganz anderen Welt. „Das hier, das ist jetzt sozusagen Europa“, erklärt Henry, mein Fahrer, der in der knappen Woche, die ich bislang an der Küste bin, bereits zu einem Freund geworden ist. Das hier, denke ich,  das ist das Kenia für Touristen. Noble Einkaufszentren, unzählige Souvenirshops oder Safarianbieter und entlang des kilometerlangen Küstenstreifens ein schickes, abgezäuntes Luxus-Resort nach dem anderen. Es ist das erste Mal, dass mir unterwegs so viele Weiße begegnen. Und ja, auch die Klischees werden bedient: Unförmige, ältere weiße Frauen oder Männer mit jungen schwarzen Partnern.

Es fühlt sich seltsam an, irgendwie schief, erst recht wenn ich daran denke, dass ich kurz davor bin, in dieser Gegend junge Frauen zu treffen, die ohne die Hilfe von YMK heute vielleicht gar nicht mehr am Leben wären.

Ein gutes Stück abseits der Küstenstraße und der großen Hotels liegt das Areal von Young Mothers Kenya. Als sich die eisernen Sicherheitstore hinter mir schließen, huscht ein Lächeln über mein Gesicht. Ich bin zurück im authentischen kenianischen Leben. Vor mir liegen zehn kleine Bandas im Suaheli-Stil, angeordnet wie in einem kleinen Dorf. Vor einem etwas größeren Gebäude links spielen ein paar Kleinkinder. Im Flur des Verwaltungsgebäudes entdecke ich eine Fotogallerie. Ein gutes Dutzend junger Mütter, die selbst noch Kinder sind, mit ihren Babies auf dem Arm. Die strahlenden Augen, das breite Lächeln im Gesicht und die fröhlichen Kleinkinder… nichts deutet darauf hin, was diese jungen Frauen durch gemacht haben.

Salama, die Therapeutin, heißt mich willkommen. Eigentlich stünde jetzt gleich der von ihr betreute Child-Care-Unterricht auf dem heutigen Stundenplan, aber sie hat den Vormittag für mich reserviert, erklärt sie.

YMK rettet Kinder. Kinder, die viel zu jung eigene Kinder kriegen. „Wenn es uns nicht gäbe“, wird mir Leiterin Liz später erzählen, „dann wären die meisten der Mädchen und ihrer Babys wohl schon unter der Erde. Und die, die nicht beim Versuch einer Abtreibung durch traditionelle Methoden wie gefährliche Drogen und deren Folgen sterben, würden vermutlich ein verzweifeltes, grausames Leben führen.“

Hier bekommen sie und ihre Babies eine neue Chance. „Wir geben den Mädchen die Zeit zu heilen“, erklärt Salama. „ Zeit,  zu wachsen, sich selbst zu verstehen und zu mögen, ein Selbstwertgefühl zu entwickeln.“

44 Mädchen hat Young Mothers seit 2011 bereits gerettet. 36 gesunde Babies wurden geboren. Die Mädchen bekommen Therapie in Gruppen und Einzelgesprächen, sie lernen, wie sie ihre Kinder versorgen und eine Beziehung zu ihnen aufbauen und sie bekommen jede Menge Unterricht. In Mathe, Englisch und was sonst noch so dazugehört, aber vor allem darin, ihr Leben zu meistern. „Ein wichtiges Fach für die Mädchen ist „Life Skills“. Wir zeigen Ihnen, wie sie mit Ihren Emotionen umgehen können, wie man Probleme löst oder auch wie man Entscheidungen trifft. Genauso wichtig sind Kommunikationsfähigkeiten. Das hilft, ein Selbstwertgefühl aufzubauen und sich selbst besser kennenzulernen. Aus dem Grund fördern wir auch ihre Kreativität.“

Etwa zwei Jahre bleiben die meisten Mädchen im „YMK-Dorf“. Zwischen 13 und 17 Jahre alt sind die Mädchen hier, alle sind noch schwanger, wenn sie kommen; das ist eine Bedingung.

Ziel ist es, die jungen Mütter letzten Endes aber wieder in ihre Familien zu integrieren. „Wir gehen dem nach. Wir suchen die (erweiterte) Familie, wir führen zahlreiche Gespräche, um die Mädchen und ihre Familien wieder zueinander zu führen. Sie zu versöhnen und irgendwann wieder einen Platz dort für sie zu finden.“

Ein Prozess der Monate und Jahre dauern kann.  „Wenn es Widerstand gibt, dann drängen wir niemanden, das bringt nichts. In manchen Fällen haben Familienmitglieder selbst die Mädchen geschwängert, in anderen waren es Fremde, aber die Familie will nichts davon hören; aus Scham. Wir haben so viele Fälle, komische Fälle, die du lieber gar nicht genau wissen willst.“ In den meisten Fällen geht es um Vergewaltigungen, um Missbrauch, um frühe Zwangsheirat. Sogar ein Fall von Mädchenhandel ist dabei. Nur bei ein oder zwei Mädchen war es vermeintliche Liebe.

Salama versucht in der Therapie nicht nur das Trauma des Missbrauchs und der ungewollten Schwangerschaft  zu überwinden, sondern auch die Wurzeln des Ganzen zu entdecken. „Das ist eigentlich mein größter Erfolg: Wenn es mir gelingt, die Ursachen zu identifizieren, die vielleicht zu dem Missbrauch geführt haben. Die vielen möglichen anderen Probleme in der Kindheit der Mädchen: Vernachlässigung, emotionaler Missbrauch, Trennung von den Eltern…“ Selbst der Tourismus in der Region hat einen Einfluss, erzählt mir Liz später. „Wenn ein Vater seine Familie nicht ernähren kann, drängt er seine Kinder vielleicht dazu, zu den Touristen zu gehen. Und da gibt es welche, die wollen eben  erst mit den Mädchen schlafen bevor sie Geld geben.“ Unfreiwillig muss ich an die ungleichen schwarz-weißen Pärchen denken, die ich vorher gesehen habe.

Salama führt mich zu einer der Hütten der Mädchen. Als ich den Namen der Banda – benannt nach Spendern und ihrer Herkunft – sehe, muss ich schmunzeln: Colonia. Ich möchte daran glauben, dass es ein kleiner positiver Wink des Schicksals ist. Ein freundlicher Gruß vom UniversumJ

In den vielleicht acht Quadratmeter großen runden Schlafräumen sind immer zwei Mädchen und ihre Babies gemeinsam untergebracht. Auch, damit sie aufeinander Acht geben können, z.B. wenn bei einer nachts die Wehen einsetzen. Außer den zwei ordentlich gemachten Betten ist der Raum fast leer. Ein einsames Kinderspielzeug und ein Koffer liegen in einem offenen Regal. „Den hat das Mädchen sich selbst gekauft. Ihr ganzer Stolz“, erklärt Salama. „Wir geben ihnen ein Taschengeld, um den Umgang mit Geld zu lernen, aber auch, um ihnen das Gefühl zu ermöglichen, etwas Eigenes zu besitzen. Wir bringen ihnen sogar das Handeln bei. Diesen Koffer hat das Mädchen von 2500 auf 1500 Shillinge runtergehandelt. Für dieses 16-jährige Mädchen war das ein großer Erfolg, dem Verkäufer stark und standhaft gegenüberzustehen. Das war wunderbar.“ Salamas Augen leuchten, der Stolz auf das Mädchen spiegelt sich darin.

Nachdem wir auch die Kinderbetreuung, die Schneiderei und die anderen Gebäude besucht haben, treffe ich Liz. Sie hatte die Idee zu Young Mothers Kenya: „Ja es ist eine afrikanische Idee. Ich wollte etwas tun, um zu helfen und wenn Du dich in der Community umsiehst, bekommst Du so viele Ideen, was Du tun könntest. Ich hab mir früher nicht einmal viel aus Kindern gemacht, ich hab auch keine eigenen, aber ich hab gesehen, wie diese Mädchen leiden und stigmatisiert werden und wir wollten mal etwas anderes tun.“

Anfangs war es auch für sie nicht leicht, die Menschen von ihrem Projekt zu überzeugen, aber mittlerweile ist YMK in der Region bekannt und akzeptiert. Liz plant sogar, in anderen Landesteilen, YM-Dörfer aufzubauen. Dennoch wünscht sie sich mehr Unterstützung, beispielsweise von der Regierung: „Wir wollen uns nicht zu sehr beklagen, aber es gäbe noch Einiges zu tun. Man müsste zum Beispiel die Regeln verbessern. Es darf nicht sein, dass ein Mann, der ein Mädchen vergewaltigt hat, auf Kaution freikommen kann. Das ist eine Gefahr für das Mädchen. Und auch für uns Sozialarbeiter. Viel zu oft scheitert der Versuch, die Täter zur Verantwortung zu ziehen an dem Mangel an Beweisen. Darüber hinaus brauchen wir mehr Gesundheitseinrichtungen. Oft haben die örtlichen Anlaufstellen gar nicht die Mittel, um in Notfällen richtig behandeln zu können. Wenn ein Neugeborenes nicht richtig atmet wird die Mutter in ein Krankenhaus 25 Kilometer weiter geschickt. Wie soll sie das machen? Außerdem bräuchten wir so etwas wie einen Fonds speziell für Teenage-Mütter. Das sollte nicht alles in einen Topf namens „Frauen Fonds“ wandern. Wenn die Regierung stolz im Fernsehen verkündet, dass es einen „Frauen-Förder-Fond“ gibt, für den man sich bewerben kann, was hat die junge Frau hier davon, die nicht mal richtig lesen oder schreiben kann? Wie soll die denn eine Bewerbung ausfüllen? Und dann gibt es noch einen Punkt: Die Besteuerung von NGOs. Wenn wir sogar eine Gebühr dafür bezahlen müssen, an der Straße ein Hinweisschild aufzustellen, damit die Leute uns finden, wo soll das hinführen? Ganz zu schweigen von den Zollgebühren für Spenden wie Computer, die wir dann am Ende des Tages nicht bekommen, weil das einfach zu teuer wird.“

Wieder einmal bin ich tief beeindruckt von der Energie, der Selbstlosigkeit und dem Kampfgeist, den die Frauen hier in ihr Projekt stecken. Wie bei so vielen meiner Begegnungen in den letzten Wochen. „Du brauchst eine Passion, für das was du hier tust“, erzählt Liz zum Abschied. „Irgendwann kommst Du an den Punkt, wo Du das Gefühl hast, gegen einen Felsen zu schlagen und meterweit zurückgeworfen zu werden. Dann fragst Du Dich warum Du das eigentlich tust. Aber dann guckst Du in die Gesichter dieser Kinder hier und machst einfach weiter.“

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