Stipendiaten der Heinz-Kühn-Stiftung bloggen ihre Recherchen und Erlebnisse.

Etwa zwei Wochen ist es her, seit ich einige der Mitglieder des National Council Women of Kenya kennenlernen durfte. Einige waren extra von außerhalb gekommen, um mir von ihrer Arbeit zu erzählen. Einen halben Nachmittag lang saßen wir zusammen und haben uns über die Situation der Frauen in Kenia unterhalten. Zahlreiche spannende und Mut machende Geschichten habe ich gehört, von Frauen, die im ganzen Land für mehr Anerkennung, Teilhabe und ein besseres Leben kämpfen. Ein paar von Ihnen, möchte ich unbedingt persönlich vor Ort treffen. Bevor ich mich verabschiede, lädt Nelly Ngonyo mich daher ein, ihre Graswurzel-Gruppe in Kikuyu zu besuchen. Heute ist es soweit.

Nach einer knappen Stunde Fahrt durch den wie immer dichten Verkehr von Nairobi und einigen „Wegbeschreibungs-Nachfrage-Telefonaten“ lande ich auf dem Hof von Edith, eine der Mitgliederinnen der Ruku-Central-Self-Help-Group. Nelly, Grace –  die mich am Telefon navigiert hat – und ein paar andere Frauen erwarten mich bereits. Kaum bin ich angekommen, präsentieren mir die Frauen auch schon einige Produkte ihrer Arbeit, zeigen mir sogar ganz genau, wie man aus dem Sisal-Seil, das sie aus alten Kartoffelsäcken hergestellt haben, einen Tragegurt für Feuerholz binden.

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Ehe ich mich verseh‘, hat Edith mir auch schon einen selbstgehäkelten Schal-Umhang geschenkt. Ich revanchiere mich mit meinem Pullover, der vielleicht ihrer Tochter passen könnte. Und als Nelly mich einlädt, bei meinem nächsten Besuch in Kenia bei ihr zu wohnen, erklärt Edith sofort, dass sie ebenfalls genug Platz in ihrem Haus für mich hätte.

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20 Mitgliederinnen hat die Frauengruppe. Einige sind heute auf dem Markt, andere werde ich ein wenig später noch treffen. Um sich gegenseitig zu unterstützen, praktiziert die Gruppe das sogenannte „Table-Banking“ nach dem „Merry-Go-Round-Prinzip“. Bei den regelmäßigen Treffen legt jede einen vorab festgesetzten Betrag auf den Tisch. Das können 200 KES sein, 500 oder auch 1000, wie momentan. Das Geld wird auf ein Konto gezahlt, so dass jede am Ende des Jahres ein paar Zinsen erwirtschaften oder aber auch eine Art Kredit bei der Gruppe aufnehmen kann, etwa um ein eigenes kleines Geschäft aufzubauen. Dann wird abgestimmt, wer die Summe zurzeit am nötigsten braucht. Wer einmal an der Reihe war, muss warten, bis alle anderen ebenfalls einmal denselben Betrag ausbezahlt bekommen haben. Außerdem zahlt jedes neue Mitglied eine Art „Willkommensgebühr von 1000 Shilling.

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Nelly und Grace wollen mir noch ein paar weitere Frauen vorstellen und mir ihre Landwirtschaft zeigen. Doch bevor wir aufbrechen, beten alle gemeinsam. Für mich heute sogar extra nicht in ihrer Stammessprache Kikuyu, sondern auf Englisch. Es rührt mich, wie sehr sie dafür danken, dass ich zu Besuch gekommen bin und um Gottes Segen für mich bitten.

Unterwegs halten wir auch kurz bei Nelly: Voller Freude zeigt sie mir ihr Reich; nicht aber, ohne mir noch einmal zu versichern, dass ich das nächste Mal hier bei Ihr wohnen soll.  Nelly ist sozusagen die Geflügelkönigin. Neben zwei Kühen hält sie rund 1000 Hühner auf ihrem Hof.

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Nächster Halt: Das Haus von Lucy. Auch hier warten schon ein paar Frauen auf mich. Als ich sie mit meinen paar Brocken Suaheli begrüße und allen die Hand reiche, ist eine ganz besonders aus dem Häuschen und alle lachen. Es sei das erste Mal, dass Lucy eine Mzungu, eine Weiße, begrüßt habe, erklärt Nelly. Die Herzlichkeit hier überwältigt mich. Spontan umarme ich die freundliche Frau und mache ein Foto, um es ihr später einmal zu schicken. Die Freude ist ansteckend, wir albern und scherzen, lachen ausgelassen.

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Als die Frauen mir stolz ihre Ziegen zeigen, erkläre ich (nicht weniger stolz) dass das Maskottchen meines Lieblings-Fußballvereins eine lebende Ziege (Sorry Hennes, den Begriff Geißbock kennen die hier nichtJ) ist. Das macht Eindruck. Prompt zeigen die Frauen mir auch noch den afrikanischen „Maskottchen-Nachwuchs“ (wer hat denn gesagt, dass nur Fußballer, von Afrika in die Bundesliga wechseln können?!).

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Im Vogelgehege planen wir direkt die nächste deutsch-kenianische Transaktion: Wachteleier. Die werden hier an allen Ecken und Enden als Wundermedizin angepriesen. Als Blutdrucksenker, Insulinersatz, und – natürlich – Aphrodisiakum. Ein 31-Jähriger soll bereits an einer Überdosis von 30 Eiern gestorben sein, was der Euphorie aber wohl keinen Abbruch tut. Denn offenbar beantragen rund 200 Kenianer jeden Tag eine Lizenz für die Wachtelhaltung beim Kenya Wildlife Service. Der Hype ist so enorm, dass sogar die Süddeutsche Zeitung im Februar über das Phänomen berichtet hat. Als ich Nelly erzähle, dass Wachteln im Übrigen bei uns als Delikatesse gelten, ist unser gemeinsamer Businessplan in Gedanken schon aufgesetzt: „Mach Fotos, mach Fotos und zeig sie Zuhause“, scherzt Nelly.

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Zum Ende der Erkundungstour zeigt Lucy mir noch ihre neueste Errungenschaft. Die Biogasanlage. Feuerholz war gestern, Lucy kocht jetzt mit Kuhdung. Ich bin beeindruckt. Die Exkremente werden in einen großen Tank vor dem Haus gefüllt, das umgewandelte Gas landet über eine kurze Leitung direkt im neuen Kocher in der Küche. So einfach ist das.

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Die Zeit hier vergeht wie im Flug. Fast habe ich das Gefühl, Lucy, Nelly, Grace und all die anderen schon viel länger zu kennen und ich bin richtig traurig, als ich mich verabschiede. Es wirkt, als seien die Frauen, die ich an diesem Tag kennenlernen durfte, genau so dankbar über meinen Besuch wie ich. Und weil ich glaube, dass es Ihnen eine große Freude macht, sollen alle 20 Frauen der Ruku Central Self-Helf Group zum Abschluss hier auch namentlich erwähnt werden.

Vielen lieben Dank, alles alles Gute und hoffentlich bis bald an: Nelly Ngonyo, Grace Kimachia, Lilian Wainaina, Edith K. Kimacia, Beatrice Njeri Thuo, Jocye Muthoni, Margeret Mumbi, Lucy Watiri Kanogo, Rachel Nduta, Mary Wamuhw Njogu, Eunice Imeke, Grace Ngendo, Rhoda Waweru, Elizabeth Wanjiku, Margeret N. Kiarie, Grace Njeri Gichuki, Mary Magua, Mary Mugure, Lucy Wanjiku Chege und Winfried Wangechi!

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