Stipendiaten der Heinz-Kühn-Stiftung bloggen ihre Recherchen und Erlebnisse.

Im IHub in Nairobi ist an diesem Morgen besonders viel los. Direkt im Eingangsbereich findet offenbar gerade eine Schulung statt. Frontalunterricht, wenn man so will. Auf einer Leinwand läuft ein Video, in dem irgendjemand irgendwem irgendein Computerprogramm erklärt. Ob mit oder ohne Erfolg ist schwer zu sagen. Kann ja keiner Fragen stellen…

Zielsicher steuere ich auf die blaue Sitzecke direkt gegenüber von der kleinen Cafebar zu. Schließlich war ich schon einmal hier. Zum einen wollte ich mehr erfahren über das IHub, einer Mischung aus Internetcafé, Großraumbüro und Gründerzentrum für junge IT-Unternehmer, das sich mittlerweile den Ruf erarbeitet hat, eines der, wenn nicht sogar das Zentrum der digitalen afrikanischen Start-Up-Szene zu sein. Andererseits wollte ich aber auch einfach ein paar der – wie sagt man so schön – modernen Kenianerinnen kennenlernen und mich mit ihnen über die Situation der Frauen im Land unterhalten. Damals hatte ich kurz auch Judith Owigar getroffen, die Gründerin der Firma „Akirachix“, ein Projekt, das sich darum bemüht, mehr Frauen für die IT-Welt zu begeistern und auszubilden. Mit ihr bin ich heute verabredet.

Während ich warte, kommt schon der nächste Journalist. Ein Reporter des französischen Wochenmagazins „Le Point“ recherchiert gerade an einem Artikel über afrikanische Unternehmer und will von einer IHub-Mitarbeiterin mehr über die Stärken und Schwächen der hiesigen Start-Up-Szene erfahren. Ja, ich gebe zu, ich habe gelauscht, aber ersten war das ja nun auch kaum zu vermeiden, wo wir doch in ein- und derselben Sitzecke saßen und zweitens kannte ich die meisten Infos über das IHub ja eh schon. Ich bin folglich auch nicht sonderlich bestürzt darüber, den Rest des Interviews zu verpassen, als Judith mich zum Gespräch auf den Balkon bittet.

Die 29-Jährige hat die „Akirachix“ (zusammengesetzt aus dem japanischen „Akira“ = Energie und Intelligenz und „Chix“ für Mädchen/junge Frauen) vor ein paar Jahren gemeinsam mit ein paar Freundinnen ins Leben gerufen: „Wir kamen alle aus der Informatik und hatten während des Studiums jede die Erfahrung gemacht, zu den wenigen oder einzigen Frauen in der Klasse oder im Büro zu gehören. Wir haben uns dann regelmäßig getroffen, um uns gegenseitig zu helfen und über die neuesten Entwicklungen im IT-Bereich auszutauschen.“ Aus den Treffen entwickelte sich schnell mehr. Die jungen Frauen wollten etwas ändern. Andere Frauen ermutigen, es im Tech-Business zu versuchen und ihnen die Unterstützung zu geben, die sie selbst nicht hatten. „Ich hab mich oft hinterfragt, weil es so wenig andere Frauen gab. Hätte ich vielleicht doch etwas anderes studieren sollen?!“, sagt Judith. „Und dann kommst Du zur Arbeit und triffst dort auf Leute, die auch an Dir zweifeln, weil Du eine Frau bist. Das macht es natürlich nicht besser.“

Judith und ihre Kolleginnen versuchen das Gegenteil. Sie wollen den Frauen mehr Selbstvertrauen geben. „Und dann versuchen wir natürlich, die Einstellung der Menschen im IT-Bereich zu verändern. Sowohl von Frauen als auch von Männern. Und drittens wollen wir Vorbilder sein für junge Mädchen, damit sie erkennen, dass das IT-Geschäft für Sie eine gute Karrierechance bietet. Frauen sind allgemein gute Problemlöser warum ihnen also nicht die Computertechnologie anvertrauen und gucken, was für Lösungen sie finden?“

Regelmäßig gehen Judith und ihre Mitstreiter an die High Schools, um Mädchen für die Computerwissenschaften zu begeistern. In den Ferien veranstalten sie zudem einwöchige Camps. Herzstück der Akirachix ist aber die Computerausbildung für junge Frauen aus den Slums. Anderthalb Jahre lang werden sie hier jeden Tag in App-Entwicklung, Graphikdesign und Web-Entwicklung ausgebildet. Eine einmalige Chance für einen späteren Berufseinstieg im IT-Bereich. Voraussetzung für die Aufnahme ist zum einen ein erfolgreicher High-School Abschluss. Gleichzeitig, erzählt Judith, versuchen sie bei der Auswahl aber auch darauf zu achten, dass die Mädchen ihre Motivation und ihren Ehrgeiz bereits unter Beweis gestellt haben: „Das ist nicht so ganz leicht zu messen, aber wir wollen vor allem Mädchen, die Initiative zeigen, die vielleicht in ihrer Community schon an einem Projekt gearbeitet haben und die ihre finanzielle Situation nicht als Hindernis wahrnehmen, sondern für eine bessere Zukunft kämpfen“, erklärt Judith.

Vor vier Jahren hat sie die Akirachix gegründet. Mittlerweile gibt es auch in anderen afrikanischen Ländern vergleichbare Projekte, mit denen sie sich austauschen. „Mein Ziel ist Afrika. Dass wir Frauen in ganz Afrika erreichen. Wir müssen die Akirachix vielleicht nicht gleich in allen 53 Nationen gründen, aber wenn wir über die Grenzen hinweg zusammenarbeiten können, um afrikanische Frauen mithilfe der Technologie zu stärken und emanzipieren, das wäre doch großartig.“

36 Schülerinnen haben das Trainingsprogramm bislang erfolgreich abgeschlossen. 20 neue haben die Ausbildung vor ein paar Monaten angefangen. Gerne würde ich den Unterricht besuchen und ein paar von ihnen kennenlernen, also verabreden wir einen Besuchstermin.

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Als ich etwa zwei Wochen später wiederkomme, ist Judith schon wieder schwer beschäftigt. Ein wichtiger Termin steht an. Sie wollen den Mobilfunkriesen Safaricom für ihre Idee gewinnen, um ihre Trainings ausweiten zu können. Judith und die Kollegen müssen noch ein wenig an der Präsentation feilen, also sehe ich mich alleine um. Offenbar steht heute Graphikdesign auf dem Stundenplan. Die Schülerinnen basteln an einem Logo, während die die Lehrerin durch die Reihen geht und ihnen grüppchenweise noch einmal das Tool erklärt. Gerade in den ersten Monaten kann das ab und an ganz schön frustrierend sein, erklärt mir Lehrerin Nyandia später. „Das ist ja alles vollkommen neu für sie. Eine ganz fremde Welt. Und da ist es auch gar nicht so leicht, ihre Aufmerksamkeit immer hochzuhalten. Aber das legt sich nach einer Weile. Und die die wirklich motiviert sind und ihre Chance nutzen, können viel erreichen.“
In der Teepause lerne ich Almarz und Miriam kennen. Almarz möchte einmal Graphikdesignerin werden und am liebsten im Bereich Innenarchitektur arbeiten, Miriam ist ganz begeistert von der Mobilfunk-App-Entwicklung. Beide strahlen über das ganze Gesicht, als sie mit mir sprechen. Ihr Stolz, ihre Begeisterung und ihre Dankbarkeit, hier sein zu dürfen ist fast greifbar! „Bevor ich herkam“, erzählt Almarz, „hab ich in einer Bar gearbeitet. Ich habe es gehasst, aber wahrscheinlich wäre ich da jetzt immer noch, wenn es die Akirachix nicht gäbe.“ Sie ist Waise, die beiden älteren Geschwister haben kaum Geld. Vier Jahre lang konnte sie die Schule nicht besuchen, trotzdem hat sie ihren Abschluss geschafft. „Mein Onkel hat mir geholfen, mich um Stipendien zu bewerben. Es ist ein Wunder, dass ich das alles hingekriegt habe. Ich danke Gott dafür.“

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Und sie dankt den Akirachix. Für die Chance auf eine bessere Zukunft. Und auch dafür, eine ganz neue Seite an sich selbst kennengelernt zu haben. „Ich war so dumm was Computer betrifft. Ich habe allenfalls mal einen Film auf einem Computer gesehen. Alles andere, dachte ich, sei viel zu schwer und total kompliziert. Hier habe ich aber gelernt, wie spannend das alles ist und wieviel Spaß mir das macht. Dass es genau das ist, was ich machen will. Die Technologie-Welt dreht sich so schnell, da kannst du nicht einfach stehen bleiben. Und ich habe gelernt, dass ich alles schaffen kann. Ich habe große Träume und ich weiß, dass die irgendwann wahr werden.“- Wow! Almarz‘ Enthusiasmus ist beeindruckend. Ansteckend. Mitreißend. Wie war das? Judith wollte Mädchen für die IT-Welt begeistern und ihr Selbstbewusstsein stärken? – Es scheint zu funktionieren.
Genau wie bei Miriam. Auch sie offenbar genau die Art junge Frau, die Judith gemeint haben muss, als sie von der Eigeninitiative der Bewerberinnen sprach. Miriam ist gegen den Willen ihrer Mutter hier. „Meine Mutter wollte mir das verbieten. ‚In dieser Welt wird dir nichts geschenkt‘ hat sie gesagt. Sie konnte einfach nicht glauben, dass jemand mir einfach so ein Stipendium schenkt. Ich wollte das aber unbedingt, also bin ich trotzdem hergekommen.“ Selbst die Tatsache, dass die Mutter sie aus dem Haus warf und zu Miriams Schwester schickte, konnte sie nicht abhalten. „Ich glaube am Anfang hatte meine Mutter einfach Angst, dass die in Wirklichkeit weiß Gott was mit mir machen. Ich wohne allerdings nach wie vor bei meiner Schwester, weil meine Mutter immer noch nicht davon überzeugt ist, dass ich hier sein muss. Aber ich habe dafür gekämpft und darüber bin ich sehr glücklich.“
Als Miriam sich an die ersten Tage bei den Akirachix erinnert, muss sie lachen: „OH mein GOTT! Das war eine echte Herausforderung. Ich dachte immer, Computer sind nur zum tippen und für Emails und so. Ich hatte ja keine Ahnung, was man damit alles machen kann. Diese riesigen Werbetafeln zum Beispiel, ich dachte die werden einfach auf Papier gemalt, nicht am Computer entworfen.“
Wenn sie hier fertig ist, möchte Miriam gerne weiter studieren. Und dann will sie es den männlichen Kollegen im IT-Business so richtig zeigen:“Wir haben die Fähigkeit für dieses Geschäft, genau wie die Männer. Und wir haben die Power. Und wenn andere sagen: ‚Lass das, das ist eine Männerdomäne‘, dann antworte ich: Nein. Ich weiß, dass ich es schaffen werde!“

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