Stipendiaten der Heinz-Kühn-Stiftung bloggen ihre Recherchen und Erlebnisse.

Wir sind auf dem Rückweg vom Interview mit Jane von den „Kibera Women for Peace and Fairness“. Unter uns verlaufen gerade die Eisenbahnschienen mitten durch den Slum. Eine eigene Haltestelle gibt es in Kibera gar nicht; trotzdem sind Dutzende auf den Gleisen unterwegs, hoffen vielleicht auf den ein oder anderen Fund entlang der Strecke. Hinter der Brücke wird die Straße allmählich schmaler; irgendwann endet auch der gepflasterte Weg. Platt getretener Müll hat den Asphalt  abgelöst. Auf einer kleinen Anhöhe blicken wir auf ein Meer aus Wellblechdächern. In einer der schmalen Seitengassen steht ein Vater und deutet auf sein Kleinkind: „Buy this!“ ruft er mir zu. Wieder ein paar Meter weiter laufen ein paar kleine Jungs auf uns zu, begrüßen uns strahlend: „How are you?! How are you?!“ Wie gerne würde ich ihnen ein paar Ballons schenken, aber ich fürchte zu viele andere Kinder würden enttäuscht leer ausgehen müssen.

„Wie friedlich und freundlich es hier doch irgendwie wirkt“… keine fünf Minuten vorher habe ich das zu Rita gesagt.  Dann geht es auf einmal rasend schnell. Hinter uns ertönt Geschrei. Es dauert einen kurzen Moment, bis mir überhaupt klar wird, was gerade passiert. Fünf junge Männer  haben uns offenbar verfolgt, überwältigen uns von hinten. Plötzlich ist da sogar eine Waffe… „Give me all“ schreit der junge Mann neben mir. Einer greift in meine Hosentaschen, ein anderer reißt mir die Umhängetasche von der Schulter. „Give me all or I’ll kill you“, ruft vorne der Mann mit der Waffe. Von der Seite dann ein halbherziger Stoß ins Gesicht… mein Körper reagiert wie von alleine, während mein Gehirn immer noch Mühe hat, zu begreifen, was vor sich geht.

So schnell wie sie kamen, sind sie auch wieder weg. Albert, dessen Handy sie in der Eile offenbar in seiner Brusttasche übersehen haben, telefoniert schon mit der Polizei, eine Menschentraube bildet sich um uns rum. Während die einen sich nach unserem Wohl erkundigen, fangen die anderen an, Albert zu beschimpfen. Wieso er uns hier überhaupt her geführt habe? Er glaube wohl, er sei ein halber Muzungu, der mit breiter Brust her spazieren und sich alles erlauben könne. Unbeirrt spricht Albert weiter mit der Polizei, beschreibt, wo der Überfall stattgefunden hat.

Wir machen uns so schnell wie möglich auf den Rückweg. Im Kopf eine seltsame Leere. „Bloß raus hier“, ist mein einziger Gedanke. Auch beim Sicherheitsposten am Ausgang wird Albert beschimpft, gleich zweimal müssen wir genau angeben, was gestohlen wurde. Dann schickt man uns zur zuständigen Polizeistation im Stadtteil Kilimani. Auf dem Weg bricht Albert mit einem Mal in Tränen aus; er schämt sich, glaubt, er habe versagt. So gut es geht, versuchen Rita und ich, ihn zu beruhigen, versichern ihm, dass sein Arbeitgeber nichts davon erfahren wird.

Fast vier Stunden werden wir anschließend auf der Polizeistation verbringen. Die erste halbe Stunde warten wir darauf, dass der Mann hinter den dicken Gitterstäben Zeit hat, unseren Fall in seinem riesigen dicken Buch zu notieren… Albert, der hier auch eine neue ID beantragen muss, gibt als erster alles zu Protokoll. Dann werde ich gefragt, was mir gestohlen wurde. Anschließend geht es ins Zimmer gleich nebenan: Ein anderer dicker Mann, dieselben Fragen. Immerhin scheint Albert seinen Humor wieder gefunden zu haben: der Polizist und er lachen. Offenbar hat dieser ihm geraten, eine der beiden „wunderschönen Frauen mit denen Albert unterwegs ist“, zu heiraten. Naja, nach Heiratsplänen ist mir momentan weiß Gott nicht. Aber wenigstens scheint auch mein Gehirn allmählich aus dem ersten Schockzustand wieder zu erwachen; wie sonst ließe sich erklären, dass ich mich während der Warterei immer wieder bei dem Gedanken ertappe, wie unglaublich ärgerlich es ist, dass ausgerechnet mein Aufnahmegerät mit dem spannenden Jane-Interview nun verschwunden ist?! Faszinierend wie das menschliche Gehirn so arbeitet, denn mittlerweile denke ich, dass dies ein reiner Schutzmechanismus war.

Nach etwa anderthalb Stunden plötzlich ein Anruf von der Polizei in Kibera… wir mögen doch bitte dort warten, man würde gleich zu uns kommen. Warum wissen wir nicht. Eine weitere  halbe Stunde vergeht… dann wieder eine und wieder eine… ab und zu kommt ein Polizist vorbei und bedeutet uns, auf keinen Fall die Polizeistation zu verlassen. Irgendwann endlich fährt ein Polizeiwagen vor. Ein offenbar sehr wichtiger Mann steigt aus: Dicklich, in einer glänzenden Uniform mit zahlreichen ebenso glänzenden Sternen auf der Schulter. Er begrüßt uns per Handschlag und ich werde das Gefühl nicht los, dass er sich vor uns Weißen zu profilieren versucht. Was wir genau gesehen haben, will er wissen. Ob wir die Täter wiedererkennen würden? Mich schickt er zu einer weiteren Beamtin. Während ich dort erneut meine Aussage machen soll, werde er mit Albert und Rita zurück nach Kibera fahren…Gott sei Dank bleibt mir das erspart.

Ich nehme also vor der Dame am Schreibtisch Platz. Auf dem Tisch zwei Din  A4 Seiten, auf denen in feinster Handschrift bereits Alberts Aussage protokolliert ist. Jetzt bin ich an der Reihe, soll erzählen was passiert ist; zum xten mal die verlorenen Gegenstände und ihren Wert benennen. Die Dame ist freundlich und doch bin ich eingeschüchtert. Wann ich Albert gebeten habe, mit mir nach Kibera zu kommen? Heute morgen erst? Aber Albert habe zu Protokoll gegeben, das sei vor zwei Tagen gewesen. Stimmt, ich bin offenbar doch noch einigermaßen durcheinander und geschockt. Warum Albert nicht mehr „on Duty“ sei, will sie nun wissen. Sei er doch gerade gewesen, antworte ich. Schließlich hätten wir ihn gebeten, seinen Wachtposten am Haus in Loresho zu verlassen, um uns zu begleiten. Wer denn die Frau gewesen sei, die ich getroffen habe… und wann ich mit ihr zum ersten Mal Kontakt hatte…Wird jetzt etwa auch noch Jane verdächtigt? Albert scheinen sie auf jeden Fall auf dem Kieker zu haben. Ob wir ihn gebeten hätten, uns durch den Slum zu führen… er habe ausgesagt, das hätten wir getan. Den entsprechenden Abschnitt aus seiner Aussage liest sie mir sogar vor. Aber nein, so war es doch gar nicht. Andererseits will ich auch Albert nicht in Bedrängnis bringen. Nein nein, antworte ich, Albert habe nur gefragt, ob wir einen anderen Weg zurücknehmen sollten und das sei ok gewesen für  uns. Aber womöglich hätten wir uns einfach missverstanden. Die Dame notiert das. Ob Albert auf dem Weg telefoniert habe oder SMS geschrieben, will sie jetzt wissen. – Nein!  – Wirklich nicht? –  Nein definitiv nicht! Ich versuche, ihn weiter aus der Schusslinie zu bringen. Ihm sei schließlich auch eine Kamera geklaut worden, gebe ich zu Protokoll. Ein Geschenk von Rita. Das scheint zu helfen, jedenfalls hakt sie jetzt nicht weiter nach.

Nachdem ich alles noch einmal gegengelesen habe, unterschreibe ich die zweiseitige Aussage. Das war es jetzt hoffentlich denke ich, doch der eigentliche Hammer kommt erst noch. Ich kann, WILL meinen Ohren kaum glauben bei dem, was mir die Polizistin jetzt erzählt, so als sei es das Normalste von der Welt: Man habe einen Verdächtigen gefasst. Er wurde erschossen! … TOT? Oh Gott, das kann nicht wahr sein, das darf nicht wahr sein!

Es ist wahr. Rita und Albert sind zurück. Sie haben den Toten gesehen. Achtlos auf einen Pick-Up geworfen. Neben der Leiche Ritas knallroter Stoffbeutel, in dem sie normalerweise ihren Tabak aufbewahrt, mit meinem Aufnahmegerät darin. Rund herum ein paar verstreute Ballons aus meiner Tasche Keine zwei Wochen später werde ich in der Zeitung folgende Meldung lesen: „Police have killed 191 people since January last year… most of those killed were summarily executed, the study by the Independet Medico-Legal Unit indicated.…the report further said that use of lethal force has been adopted as the standard way of fighting crime in Kenya. It raised concern that of the 191 deaths recorded, only 19 people were shot by police in protection of the life of another person…” Der Artikel berichtet auch von einem Gesetzesvorschlag, der der Polizei das Recht geben soll, „to shoot to kill to protect property“.

Der Rest des Nachmittages vergeht fast wie in Trance. Weiteres Warten, irgendwann bekomme ich tatsächlich sogar das Aufnahmegerät zurück, aber freuen kann ich mich darüber jetzt nicht mehr. Ich bin müde, mein Kopf wie betäubt. Auf der Rückfahrt im Matatu frage ich mich, was dieses Erlebnis wohl mit mir machen wird die nächsten Tage?

Auch Zuhause ist es noch nicht vorbei. Eine Mail von Jane wartet in meinem Postfach. Sie will wissen, ob alles in Ordnung sei? Sie habe in meinem Namen diverse Nachrichten von meinem Handy erhalten,  dass ich in der Klemme stecke und 5000 Shilling von ihr bräuchte. Die Ausdrucksweise des Schreibers habe sie aber misstrauisch gemacht, außerdem  habe sie mehrfach versucht anzurufen, sei aber immer auf sms verwiesen worden. Als ich mich bei ihr melde und erzähle was passiert ist, bietet sie sofort ihre Hilfe an. Sie werde sich umhören und mich auch noch einmal zur Polizei begleiten, versichert sie. Es ist unglaublich: Die Frau, die ich eben noch über ihre Hilfe für die armen Frauen von Kibera befragt habe, setzt sich nun mit dem gleichen Engagement plötzlich für mich ein. Mir, der „reichen Weißen“ schenkt sie sofort wie selbstverständlich ihre kostbare Zeit, um der Sache nachzugehen. Ihre Hilfsbereitschaft, Ihr Einsatz, die Wärme, die von ihr ausstrahlt überwältigen mich und ich spüre, wie sich die Unsicherheit, die sich nach dem ersten Schock breit gemacht hatte, zum ersten Mal ein wenig legt.

Ein paar Tage später treffen wir uns tatsächlich auf der Polizei wieder. Um die Papiere für Alberts neuen Ausweis zu bekommen, mussten wir noch einmal erscheinen. Jane hat sogar einen Anwalt mitgebracht, der uns bei der Aussage hilft. Der Fall ist nämlich inzwischen beim „Crime Office“ gelandet. Also müssen wir auch dort noch einmal alles zu Protokoll geben, damit auch die das Ganze in irgendeiner Akte abheften können (oder wo auch immer, in einem Büro jedenfalls hing die Aussage einer Frau einfach an der Pinnwand). Immerhin: diesmal waren wir nach weniger als drei Stunden fertig und Albert hatte anschließend endlich auch das Formular für seinen neuen Ausweis in der Tasche.

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