Viele Schüler in China nehmen während ihrer Schulzeit Nachhilfeunterricht in Englisch. Die Sprache macht einen großen Teil der Abschlussprüfungen aus. Der US-amerikanischer Englischlehrer Andrew Braun aus Shenyang erzählt von seinen Erfahrungen.
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Ich arbeite seit rund einem Jahr in einer Sprachschule in Shenyang in der Provinz Liaoning im Nordosten Chinas. Ich bin 23 Jahre alt und habe einen Wirtschaftsbachelor abgeschlossen. Hier unterrichte ich Vier- bis Achtjährige in der englischen Sprache.

Der Druck auf die Kinder ist sehr hoch. Sie sind häufig übermüdet und viele haben regelrechte Angstattacken, Bauchschmerzen und leiden an Schlaflosigkeit. Sie machen sich andauernd Sorgen, dass ihre Noten schlechter werden und nicht ausreichen könnten. Viele meiner Schüler kommen früher zum Unterricht, um noch mehr Hausaufgaben zu erledigen.

“Die meisten meiner Schüler sind ausgebrannt. Sie waren den Tag über in der Schule, müssen dann zum Klavier oder Ballett und kommen danach noch in meine Englischklasse.”

Viele fürchten ihre Eltern und Großeltern, die sie bei schlechten Ergebnissen ausschimpfen und anschreien. Die Eltern fordern ständig Hochleistung von ihren Kindern. Sie wollen, dass sie auf gute Universitäten gehen können und damit sozial abgesichert sind. Denn die Kinder müssen nachher nicht nur sich selbst, sondern auch ihre Eltern ernähren können. Und da die Eltern in China alle nur ein Kind haben, konzentrieren sie sich nur auf dieses — mit ihrer ganzen Energie.

Die meisten meiner Schüler sind ausgebrannt. Sie waren den Tag über in der Schule, müssen dann zum Klavier oder Ballett und kommen danach noch in meine Englischklasse. Meine Schüler sind sehr abhängig von ihren Eltern und Lehrern — eigentlich bis sie Mitte 20 sind. Am Anfang sollte ich den Kindern beispielsweise die Wasserflaschen aus der Tasche holen, aufmachen und auf den Tisch stellen. In der ersten Stunde habe ich gesagt: Ihr könnt eure Flaschen selbst aus der Tasche holen und trinken, wenn ihr Durst habt. Wenn ihr sie nicht selbst rausholt, gibt es auch nichts zu trinken. Jetzt klappt’s von alleine.

“Die Kinder haben schreckliche Angst einen Fehler zu machen”

Zudem fehlt den Kindern Kreativität. Sie können nicht querdenken, sondern nur standardisierte Antworten geben. Dabei haben sie schreckliche Angst einen Fehler zu machen. Deshalb sprechen sie auch kaum im Unterricht. Eigentlich nur, wenn sie aufgerufen werden. Wenn ich neue Schüler bekomme, zeige ich ihnen erst einmal, dass sie sich in meiner Klasse entspannen können. Wir machen Unterricht, aber der soll auch Spaß bringen. Sie brauchen keine Angst vor einer falschen Antwort zu haben und es herrschen auch keine so starken Reglementierungen wie sonst in der Schule. Sie sollen sich bei mir frei fühlen. Nach einer gewissen Zeit merkt man auch eine Entwicklung. Plötzlich reden sie freier und entwickeln Spaß am Lernen.

“Die Eltern wollen männliche Lehrer, weil sie als Vorbild dienen können. Lehrerinnen mögen sie nicht”

Viele Kinder sollen später auf eine Universität oder High School in einem Englisch sprechenden Land wie Neuseeland, England oder den USA gehen. Wie überall ist hier in Shenyang die Schere zwischen arm und reich groß. Die Kinder, die bei uns Unterricht haben, stammen aus extrem reichen Elternhäusern.

Für den Unterricht zweimal die Woche mit jeweils 85 Minuten zahlen die Eltern 14.000 Yuan (ca. 1.700 Euro) im Jahr. Wir sind zwei Lehrer pro Klasse. Einer muss Englisch als Muttersprache sprechen und der andere Chinesisch. Einige Eltern haben bis zu Dreijahres-Verträge bei uns abgeschlossen. Unsere Sprachschule hat unter anderem Ableger in Shanghai, Shaanxi und Guangdong. Hier in Liaoning haben wir allein in Shenyang mehr als 800 Schüler. In meiner Schule muss man Kanadier sein oder ein US-Amerikaner und akzentfrei sprechen. Nur ein weißes Gesicht haben, das reicht bei uns nicht. Zudem braucht man einen Bachelor oder Master, einen Toefl und Arbeitserfahrung.

Die Eltern wollen für ihre Kinder vor allem männliche Lehrer. Wir haben deshalb auch 18 Lehrer und nur drei Lehrerinnen. Die Chinesen denken, dass das für ihre Kinder besser ist, weil die Väter sowieso schon den ganzen Tag auf der Arbeit sind und so kein Vorbild sein können. Außerdem wünschen sie sich große und attraktive Lehrer. Kleine Lehrer, Frauen und Farbige — das ist ihnen meist unrecht. Auch mögen sie keine Ausländer, die chinesische Wurzeln haben.

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