shang_learningImmer mehr chinesische Eltern schicken ihre Kinder auf ausländische Schulen, um dort ihren Abschluss zu machen. Bei der Bewerbung erhalten sie Hilfe von Menschen wie Nini Suet. Sie hat eine Agentur, die Schüler auf die Zeit im fremden Land vorbereitet. Hier erzählt Suet, warum so viele Schüler aus China fliehen.

In den vergangenen Jahren schicken immer mehr Eltern ihre Kinder ins Ausland, damit sie dort auf eine Highschool oder ein College zu gehen. Dafür suchen Eltern häufig Alumni, die bereits im Ausland waren und ihnen helfen können. Ich bin in Beijing geboren, aber habe eine US-amerikanische Highschool besucht. Immer mehr Eltern haben mich nach Rat gefragt. Irgendwann habe ich verstanden, was das für ein großer Markt ist.

Es gibt viele Beratungsfirmen und Agenturen, aber kaum gute. Der Trend ist, die Noten, Essays und Interviews der Schüler einfach zu fälschen. Dieser Betrug ist nicht nur für die westlichen Schulen ärgerlich, sondern vor allem für die Kinder dramatisch. Denn selbst wenn sie es auf eine Schule schaffen, gehen sie dort ohne Vorbereitung unter.

Das ist der Grund, warum ich Shang Learning gegründet habe. Ich war mir sicher, dass ich es besser kann. Wir konzentrieren uns auf jüngere Kinder, die in den USA auf eine Highschool gehen wollen. Wer auf die Universität gehen will, schafft es mittlerweile meist alleine bzw. mit Hilfe anderer Organisationen. Die Aufnahme an einer US-amerikanischen Highschool ist indes schwieriger. Es gibt viele Regeln, aber nur wenig Informationen für Eltern aus China.

“Wenn die Schüler hierher kommen, wissen sie nicht, wie man denkt”

Das Konzept: Wir bereiten sie nicht nur auf den Bewerbungsprozess, sondern auch auf die US-amerikanische Gesellschaft vor. Wir lehren drei Bereiche: Englisch, Kommunikationsfähigkeiten und kritisches Denken.

Englisch, denn in der chinesischen Schule lernen die Kinder das Englisch nicht so, dass es ihnen in den USA hilft. Sie können meist weder frei sprechen, noch gut schreiben. Dann vermitteln wir Kommunikationsfähigkeiten. Dazu gehört debattieren, Reden halten und ein Interview erfolgreich bestreiten. Zuletzt helfen wir den Kindern, ein besseres Selbstbewusstsein zu entwickeln, kritisch zu denken und sich gut zu präsentieren. Diese Sachen lernen sie sonst nie. Wenn sie hierher kommen, wissen sie nicht, wie man denkt, wie man Aspekte analysiert und reflektiert. Das bringen wir ihnen hier bei.

Die meisten unserer Schüler sind 13 bis 14 Jahre alt. Der jüngste Schüler ist 10. Sie werden alle mit 14 Jahren auf private Highschools in den USA gehen. Eine Stunde kostet 600 RMB pro Schüler.

 

Die meisten Eltern, die ihre Kinder hierher schicken, sind in den 1970er Jahren geboren. Sie stammen aus der Mittel- oder Oberschicht und sind sehr wohlhaben. Das ist auch notwendig, weil es für Highschools keine Förderungen oder Stipendien gibt. Ein Jahr kostet rund 50.000 US-Dollar – und man muss immerhin mindestens vier Jahre zahlen. Aber im Moment gibt es viele Eltern in China, die sich das leisten können. Und alle Schüler, die die Abschlussprüfung nicht ablegen wollen, müssen gehen. Denn ohne die Teilnahme an der Abschlussprüfung, hat man keine Zukunft in China.

“Ob ein Schüler talentiert oder kreativ ist, spielt keine Rolle. Er muss nur für die Prüfung lernen. Wenn er versagt, kann er nichts mehr erreichen — egal, wer er ist. Die Schüler werden dadurch zu Maschinen.”

Der Hauptgrund, warum Eltern ihre Kinder ins Ausland schicken, ist ein tiefer Zweifel am chinesischen Schulsystem. Sie glauben nicht, dass die totale Ausrichtung auf Prüfungen gut ist. Es quantifiziert Menschen auf ein paar Punkte und bestimmt ihr ganzes Leben.

Ob ein Schüler talentiert oder kreativ ist, spielt keine Rolle. Er muss nur für die Prüfung lernen. Wenn er versagt, kann er nichts mehr erreichen — egal, wer er ist. Die Schüler werden dadurch zu Maschinen. Die Maschinen können sehr effizient sein, aber es hilft ihnen nicht sich selbst zu finden.

Bildschirmfoto 2014-09-01 um 18.40.06Der zweite Grund: Sie wollen, dass sich ihre Kinder in einer globalisierten Welt zurechtfinden. Sie sollen die Welt sehen, ihren Horizont erweitern und an guten Universitäten studieren.

“Es gibt niemanden in diesem Land, der noch glaubt, dass dieses Schulsystem wirklich funktioniert.”

Als Inhaberin dieses Unternehmens freue ich mich, dass so viele Eltern ihre Kinder ins Ausland schicken wollen. Aber eigentlich finde ich es traurig. Es gibt niemand in diesem Land, der noch glaubt, dass dieses Schulsystem wirklich funktioniert. Manche denken zwar, dass es gute Elemente hat. Schließlich entwickelt man fundierte Fähigkeiten. Aber viele hassen es einfach nur.

Ich persönlich denke, dass Menschen eine Wahl haben sollten. Und die chinesische Mittelklasse sieht das mittlerweile ähnlich. Sie erörtern ihre Möglichkeiten und nutzen ihre Ressourcen, nehmen sich Freiheiten und treffen eigene Entscheidungen.

Wir machen sie hier auch nicht „unchinesisch“, wir bereiten sie nur auf eine andere Kultur vor. Was der bessere Weg ist? Das müssen sie selbst herausfinden? Sicher ist: Der Markt wächst. 1999 haben nur zehn chinesische Schüler China verlassen, um in den USA ein Highschool zu absolvieren. Nun sind es jedes Jahr zehntausend.

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