Stipendiaten der Heinz-Kühn-Stiftung bloggen ihre Recherchen und Erlebnisse.

Abschied von Kirindy, Morondava, Menabe: Wir brechen wieder auf nach Tana. Unsere Rucksäcke werden auf dem Dach des weißen Kleinbusses verschnürt, jeder bekommt einen Tee mit süßer Milch in die Hand und um 6:30 schaukeln wir durch den Morgennebel Richtung Hochland. Einzelne Baobabs ragen aus den Reisfeldern auf, die Luft ist noch frisch und alle Fenster weit offen. Ringsum erwacht das Leben am Straßenrand. Ein Mann kommt uns freihändig auf einem Fahrrad entgegen, an jeder Hand baumeln kopfüber zwei lebendige Hühner. Wenig später blockiert ein kleiner Renault die Fahrbahn, vollgestopft mit Baguettes, auch auf dem Dach Säcke voller Brot. Der Bäcker winkt entschuldigend und parkt um.

Bald wird es heißer und bergig. Eine Fahrstunde hinter Miandrivazo stehen LKW, Busse und Menschentrauben am Straßenrand. Wir halten an. Hundert Meter unterhalb der Fahrbahn liegt ein Lastwagen am Abhang, die Räder in der Luft, die Fracht über das grau-braune Gras verstreut. „Iray maty, chauffeur maty“ ruft uns ein Mann entgegen: Der Fahrer ist bei dem Unfall ums Leben gekommen. Irritierender Weise löst das unter den Umstehenden keine Bestürzung aus, einige lachen sogar, oder ich deute die Reaktion falsch. Wir fahren weiter, etwas langsamer und vorsichtiger. So kommt es mir zumindest vor.

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Blick durch die gesprungene Frontscheibe unseres Buses auf das Straßenleben zwischen Miandrivazo und Antsirabe (Foto: Ernst Golde).

Bei der Mittagspause in einem Hotely komme ich mit einem unsrer Mitfahrer ins Gespräch. Er hat früher in der madagassischen Botschaft in Paris gearbeitet, eine deutsche Ex-Frau und eine Tochter in Brunsbüttel. Ob sich unter dem neuen Präsidenten schon etwas verändert habe? Nein, immer noch Korruption und Unsicherheit und zu viel ausländischer Einfluss im Land, sagt er, besonders aus China.

Ähnlich antwortet Irène, mit der ich mich unterhalte, als wir in Tana angekommen sind und auf unsere Rucksäcke warten. Sie arbeitet in einem Restaurant am Strand von Morondava und spricht fließend Deutsch. Das Land sei unter Hery Rajaonarimampianina genau so korrupt und unsicher wie unter Rajoelina. Deshalb würde sie auch weiterhin nur tagsüber mit dem Bus fahren. Dann erzählt sie eine bedrückende Geschichte: Im Dezember 2012 ist sie mit einem Taxi Brousse, so heißen die madagassischen Überland-Kleinbusse, von Morondava nach Tana gereist, nachts. Bei Ambatolahy, auf halber Strecke zwischen Malaimbandy und Miandrivazo, lagen plötzlich Felsbrocken auf der Straße, zehn bis zwölf junge Männer mit schwarzen Masken und Kalaschnikows stoppten den Bus. Der Fahrer und ein weiterer Passagier wurden sofort erschossen. Die Banditen vergewaltigten drei junge Mädchen, versuchten auch Irène zu vergewaltigen und schlugen sie mit ihren Sturmgewehren, bevor sie mit Geld und Wertsachen in der Dunkelheit verschwanden. Sie sei traumatisiert, sagt Irène, und was könne ein neuer Präsident daran ändern?

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