Stipendiaten der Heinz-Kühn-Stiftung bloggen ihre Recherchen und Erlebnisse.

Bolivien ist ein wunderbares Land, mit sehr netten Menschen, tollen Landschaften, günstigen Preisen und einer großen Vielfalt an Dingen, die man so machen kann. Das schon mal vorab. Aber Bolivien ist eben auch nach wie vor Bolivien. Ist gar nicht schlimm, ist nur manchmal etwas anstrengend.

Ein Beispiel: Damit ich die staatlichen Lithium-Anlagen besichtigen darf, habe ich vor genau zwei Wochen eine Mail mit ausführlicher Begründung meines Anliegens und mit einem Arbeitszeugnis (mit dickem Stempel – sehr, sehr wichtig!) abgeschickt. Auf diese und eine weitere Mail bekam ich keine Antwort, obwohl ich vorher explizit um eine solche Mail gebeten wurde. Macht nichts, so eine Mail geht schon mal unter. Dachte ich zumindest zuerst.

Marathon in bolivianischer Bürokratie
La Paz, Traumstadt Aber heute habe ich festgestellt, dass der Fehler ganz woanders liegt. Mein Gastgeber hier in La Paz meinte, ich sollte nicht länger auf eine Antwort-Mail warten, sondern unbedingt persönlich vorstellig werden – und zwar vor der offiziellen Bürozeit. Und tatsächlich: Nur weil ich den Behördenleiter vor allen anderen abfangen konnte, habe ich die Erlaubnis bekommen – selbstverständlich am eigentlichen Pressesprecher vorbei. Der ist für Besuche von Journalisten aber anscheinend sowieso nicht zuständig. Das macht sein Kollege. Das steht nur nirgendwo – und deshalb scheinen die Besichtigungsanfragen einfach in irgendeinem Postfach zu versanden.

Ist halt so
Noch ein Beispiel: Wenn ich „zehn Minuten“ auf jemanden warten soll, habe ich locker eine halbe Stunde Zeit, am Treffpunkt Zeitung zu lesen. Oder Rentner bekommen hier zwar Rabatt, aber nur ohne Quittung. Sonst geht das nicht. Oder das Internet hier in der Wohnung funktioniert nicht, weil irgendwo eine Leitung kaputt ist und die nur repariert werden kann, wenn Millionen Verbindungen unterbrochen werden. Und das dauert dann natürlich ein paar Tage. Oder es gibt nicht überall rund um den Salar de Uyuni Trinkwasser oder Gas oder Strom, weil all das lieber ins Nachbarland exportiert wird.

Busfahren in Bolivien Oder ich denke an die Sitze in den Bussen, die es mir ermöglichen, bisher unbekannte Schmerzen an bisher unbekannten Körperstellen zu spüren. Oder an die Busse selbst, die vor zwanzig Jahren in Brasilien garantiert mal gute Dienste geleistet haben. Oder an die Busfahrer, die sich ein Kilo Koka in die Backen schieben und dann acht Stunden lang bolivianische Schlager spielen, in denen regelmäßig jemand vor Liebe sterben will, gerade stirbt (und das hört man sehr deutlich!) oder schon gestorben ist (auch das laesst sich gut raushören). So viel Auswahl darfs dann immerhin schon sein.

Pare por favor
Und trotzdem ist Bolivien auch im positiven Sinne der Wahnsinn. Einfach irgendwo einen Minibus ranwinken und irgendwoanders wieder rausspringen. Zur Not für einen Euro ein Taxi nehmen. Das ist gerade für Menschen wie mich, die ohne Orientierungssinn durch die Stadt irren, sehr hilfreich.

Schoenes BolivienExtra zwanzig Minuten zu spät kommen und immer noch mindestens zehn Minuten zu früh sein: Das kann auch entspannen, ganz klar. Pläne einfach mal Pläne sein lassen – und am Ende klappt ja doch immer alles irgendwie. Frisch gemixten Saft aus riesigen Humpen trinken. Maracujas essen. Und eben diese unfassbar schönen Landschaften erleben, fast egal wo ich unterwegs bin.

Nochmal nach Uyuni
Genau die werde ich morgen wieder sehen, unter anderem auf einer Zugfahrt nach Uyuni. Dann besichtige ich die staatlichen Lithium-Pilotanlagen im Salar de Uyuni und fahre nach Potosí. Dort gibt’s dann die nächste Besichtigung und die nächsten Interviews. Und passend zur bolivianischen Präsidentschaftswahl bin ich dann am Wochenende wieder in La Paz, in dieser wunderbaren Stadt.

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