Stipendiaten der Heinz-Kühn-Stiftung bloggen ihre Recherchen und Erlebnisse.

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Josefina Quispe schaut in die Ferne. Am Horizont glitzern die schneebedeckten Gipfel des Illimani. Der Ausblick aus den Gondeln ist atemberaubend, auch für alt eingesessene Pacenos, die Einwohner der Stadt La Paz. Beim Anblick des roten Häusermeers, über das Josefina Quispe gerade hinweg schwebt, gerät sie ins Schwärmen. „Wir sind oft in Eile. Als Mütter der Familien haben wir nur wenig Zeit, da nehmen wir jetzt gern die Seilbahn“, erzählt die 58-jährige. „Außerdem werden wir hier nicht diskriminiert“. Quispe trägt die traditionellen Gewänder einer indigenen chola, weite bunte Röcke und einen Hut. Die erste Fahrt mit der Seilbahn machte ihr noch Angst. Aber mit jedem Mal werde es besser. Auch Jabán Guaculla erinnert sich noch genau: „Es war wie in einem Traum, als würde man fliegen. Das muss man erlebt haben“, sagt er. „Die Seilbahn ist ein großer Fortschritt für alle hier in La Paz und El Alto.“

Die Bolivianer lernen fliegen

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Im Oktober eröffnet Boliviens Präsident Evo Morales in La Paz die letzte von vorerst drei Seilbahnlinien. Fünf weitere sollen in den nächsten Jahren folgen und es zum größten urbanen Seilbahnnetz weltweit wachsen lassen. Der Transport mit Gondelbahnen schien die einzige Lösung zu sein, um das tägliche Verkehrschaos zwischen La Paz und El Alto zu verringern. Aufgrund der Hanglage sind die wenigen Verbindungsstraßen sehr schmal. Zudem müssen zwischen El Alto, das auf 4.100 Metern liegt, und dem Zentrum von La Paz mindestens 500 Höhenmeter überwunden werden. In dem Ballungsraum mit 1,8 Millionen Einwohnern pendeln Tausende täglich zur Arbeit, das kostet den Einzelnen oft mehr als eine Stunde. Mit der Seilbahn sind es nur noch zehn Minuten.

In den Tagen nach der Eröffnung der ersten Seilbahnlinie im Mai diesen Jahres bildeten sich vor den Eingängen kilometerlange Menschenschlangen. Viele von ihnen sind noch nie Seilbahn gefahren, geschweige denn mit einem Flugzeug geflogen. Für sie bietet sich einen ganz neue Perspektive auf ihre Stadt. Sie staunen über ihre neue fliegende U-Bahn – eine europäische Technologie in einem Land, das sonst wenig modernes zu bieten hat. Realisiert wurde das Projekt von dem österreichischen Unternehmen Doppelmayr. Alles ist sauber und gepflegt, das Personal gut geschult und in den Gondeln gibt es kostenfreies Internet. Die Seilbahn könnte genau so auch in einer der großen europäischen Metropolen stehen.

Bilderbücher helfen bei der Wahl

Luiz Yurja ist Taxifahrer. Neben den Minibussen und den Linientaxen, den Trufis, sind Taxen die Hauptverkehrsmittel in La Paz und El Alto. Die neue Seilbahn ist für sie eine große Konkurrenz. „Ich merke schon, dass weniger Leute das Taxi nehmen“, erzählt Yurja. Seit drei Jahren transportiert der 22-jährige mit dem Auto seines Vaters Fahrgäste. „Aber dass mein Land so etwas wie die Seilbahn hervorbringt, erfüllt mich mit Stolz.“ Dies sei allein dem Präsidenten zu verdanken. Seine Politik komme direkt bei dem Volk an. Bei den Anwohnern unterhalb der Seilbahn ist die Meinung noch gespalten. Während die einen noch darüber schimpfen, dass nun im Minutentakt Hunderte Menschen in ihre Häuser schauen, haben ihre Nachbarn schon längst ein neues Geschäftsmodell entdeckt und verkaufen ihre Wellblechdächer als Werbefläche.

Evofliegt_01Das Marketing, das für die neue Seilbahn betrieben wird, ist beeindruckend: Auf Facebook und Twitter gibt es täglich neue Bilder und Aktionen, ein eigens komponiertes Lied dröhnt in Endlosschleife aus den Lautsprechern vor den Stationen. Das Ministerium für Kommunikation verteilte an Kinder ein aufwändig gestaltetes Bilderbuch, in dem der Werdegang des Präsidenten erzählt wird: Von dem kleinen Jungen, der in Armut aufwächst und den großen Traum hat, eines Tages fliegen zu können – zum stolzen Präsidenten, der mit der Seilbahn schließlich ein ganzes Volk zum Fliegen bringt. Kindgerechte Wahlpropaganda.

Ein Land gewinnt an Selbstbewusstsein

Dass das Prestigeprojekt Seilbahn gerade in diesen Monaten vollendet wird, scheint kein Zufall zu sein. Die positiven Emotionen könnten Evo Morales am 12. Oktober helfen, wenn das Volk ein neues Parlament und einen Präsidenten wählt. Der populäre Präsident mit indigenen Wurzeln hofft mit seiner Partei „Bewegung zum Sozialismus“ (MAS) nach einer Verfassungsreform auf eine dritte Amtszeit. Seit dem Einzug in den Regierungspalast in La Paz im Januar 2006 setzte Morales auf ein Wirtschaftswachstum durch Rohstoff-, Gas- und Agrarexporte. Die Gewinne investierte der 55-jährige in Bildung und Gesundheit, verteilte Land an landlose Bauern. Mit sozialen Programmen verringerte er die extreme Armut, in der noch immer fast die Hälfte der Bevölkerung lebt. Auch das Wahlprogramm für die kommende Amtszeit sieht vor allem die Industrialisierung der natürlichen Rohstoffe und den Kampf gegen die Armut vor.

Dass Morales in seinem Programm auf sozialen Wandel setzt, kommt beim Volk gut an. Es hat an neuem Selbstbewusstsein gewonnen. Zudem präsentiert sich die Opposition gespalten, ohne ernsthaften Gegenentwurf zur Politik der MAS und ohne überzeugendes Personal. Die Bischöfe Boliviens, die sich schon vor Jahren von dem Präsidenten abwendeten, hatten schon im August den Verdacht geäußert, die Regierungspartei bediene sich für den Wahlkampf an staatlichen Geldern. Diese „ungleichen Voraussetzungen“ würden der Glaubwürdigkeit und Demokratie über die Wahlen hinaus schaden.

Evo ist überall

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„Wir zahlen alles aus eigener Tasche“, schimpft Julio Alvarado, Kandidat der neugegründeten „Christdemokratischen Partei“ (PDC). „Unsere einzige Wahlwerbung besteht aus diesen kleinen Zetteln – mit der billigsten Farbe auf dem billigsten Papier gedruckt.“ Der 59-jährige ist Anwalt und Hochschulprofessor für Politik und Ökonomie, war einst Diplomat und baute die bolivianische Botschaft in der DDR und den Niederlanden auf. Er kennt Morales persönlich, war bis kurz vor dessen Ernennung zum Präsidenten an seiner Seite. Doch inzwischen findet er keine guten Worte mehr: „Der Personenkult um „Evo“ hat für mich inzwischen faschistische Züge, das hat nichts mehr mit einer Demokratie zu tun. Alles ist EVO“, sagt Alvarado. Den großen cambio, den Wechsel, hätte es nie gegeben. Es sei vielmehr ein Prozess der schon über viele Jahrzehnte andauere. Man könne die Schuld aber nicht nur bei Morales suchen. „Die Politik der Vergangenheit hat unser Parteiensystem zerstört. Es gab keine Demokratie mehr.“ Das sei auch der Grund, warum er seit zwei Monaten wieder politisch aktiv ist. Es müssten dringend neue Parteistrukturen im Land aufgebaut werden.

Tatsächlich bewegte sich der Wahlkampf sich in den vergangenen Wochen auf einem niedrigen Niveau. Die Kandidaten der einzelnen Parteien beleidigten sich gegenseitig. Schon im August hatte das Oberste Wahlgericht den Medien die Ausstrahlung von Wahlwerbespots verboten, die Gesicht und Stimmen der Kandidaten zeigen. Das sei ein klare Bevorteilung des Präsidenten, kritisierte wiederum die Opposition: Morales missbrauche Fernsehauftritte in seiner Rolle als Präsident für den Wahlkampf. Doch auch wenn Morales regelmäßig in den Medien seine Macht zelebriert, verweigert er die Debatte mit seinen politischen Gegnern. „Worüber soll ich denn mit den Repräsentanten des Imperialismus sprechen?“, fragte Morales bei einer Rede in der Stadt Cochabamba. „Es reicht, wenn die Kandidaten untereinander diskutieren, schließlich teilen sie dieselben kapitalistischen Prinzipien.“

Schweigen ist Gold – oder: Demokratie auf bolivianisch

ValeriaValeria Silva sieht darin kein Problem. Sie ist Repräsentantin der „Generacion Evo“, einer Jugendbewegung, die Evo Morales bedingungslos unterstützt. „Es gibt neben Evo noch vier andere Kandidaten, die können gern debattieren. Er muss das nicht, er spricht lieber mit dem Volk“, sagt Silva. „Auf die Opposition können wir verzichten. Sie hat keine Vision für Bolivien“. Die 24-jährige studiert in La Paz Politik und Geschichte und beschreibt sich selbst als Soldatin für die „Bewegung zum Sozialismus“. Seit ihrem 14. Lebensjahr fühlt sie sich der Politik ihres Landes verpflichtet. „Wir begleiten unseren Kommandanten Evo auf dem Weg zu einem antikapitalistischen Bolivien“, sagt Silva.

Trotz seines rauen Führungsstils ist der Populismus um Evo, wie seine Anhänger ihn kumpelhaft nennen, fast ungebrochen. Minenarbeiter, Kokabauern, Landwirte – sie alle stehen noch immer hinter ihm. Doch den ungeteilten Zuspruch einer großen Gruppe hat er in den letzten Jahren verloren: die indigenen Völker, für die er einst angetreten war. Als Evo Morales, indigener Bauernsohn aus dem bolivianischen Hochland, 2006 Präsident wird, verkündet er das Ende von 500 Jahren Unterdrückung durch die spanischen Kolonialherren. 2009 setzt Morales eine neue Verfassung durch, die die Mitbestimmungsrechte der Indigenen stärkt. Doch wie schwer deren Umsetzung ist, zeigte der gewaltsame Konflikt um das umstrittene Straßenbauprojekt durch den TIPNIS-Nationalpark, der auch international in die Schlagzeilen geriet.

Nicht alle sind Evo

CarlosFür Carlos Mamani, Hochschulprofessor und indigener Aktivist aus La Paz, war das nur der Höhepunkt: „Am Anfang war ich so euphorisch wie alle anderen. Unfassbar – ein indigener Präsident!“, erinnert sich Mamani. „Aber dann merkte ich: Evo ist schizophren. Er erzählt, dass er etwas für die Indigenen tut, handelt aber nicht danach. Es ist reine Symbolpolitik“. Carlos Mamani war zuletzt als Abgesandter bei der ersten UN-Versammlung für indigene Völker in New York. Dort sprach auch Morales, laut Mamani in einem leeren Saal. „Viele Indigene sind enttäuscht“, erzählt er. „Sie wählen jetzt Fernando Vargas von den Grünen“. Vargas organisierte 2011 und 2012 die Protestmärsche gegen den Bau der Straße durch den TIPNIS.

In den letzten Umfragen zeichnete sich ab, dass Evo Morales mit der MAS wohl nicht mehr die überragenden Ergebnisse von 2006 (54 Prozent) und 2009 (64 Prozent) erreichen kann. Dennoch sind die Siegeschancen für die Opposition gering. Die Anstrengungen, Parteistrukturen aufzubauen und somit dem Zerfall des Parteiensystems entgegenzuwirken, sind für Boliviens Demokratie aber ein Fortschritt. Unabhängig vom Wahlergebnis ist jetzt schon eines sicher: Die Wahlbeteiligung in Bolivien wird am 12. Oktober wieder beneidenswert hoch sein. Denn auch wenn viele Menschen lange und unbequeme Wege zu ihrer Wahlurne zurücklegen müssen – in Bolivien muss jeder seine Stimme abgeben.

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