Stipendiaten der Heinz-Kühn-Stiftung bloggen ihre Recherchen und Erlebnisse.

Fußballspielen auf vierspurigen Straßen, Fahrradfahren, durchatmen (ohne den Duft veralteter Dieselmotoren abzubekommen): Das alles war am Sonntag plötzlich möglich, während der Wahlen in Bolivien. Das Alkoholverbot wurde allerdings gegen Abend etwas lockerer gesehen, wegen des großen Erfolgs eines gewissen Herrn Morales.

Weil ich ja sowieso gerade in Bolivien bin, dachte ich mir, dass ich während der Präsidentschafts- und Parlamentswahlen doch einfach mal nach La Paz fahren könnte. Habe ich dann auch getan und mich natürlich an sämtliche Regeln gehalten.

Die Straßen gehören uns!
Idylle in La PazVerboten war es zum Beispiel, ab dem frühen Freitag Alkohol zu trinken oder am Sonntag Auto, Bus oder Taxi zu fahren. Oder Schusswaffen bei sich zu tragen. Ist ja auch irgendwie logisch: Wenn ich total besoffen und schwer bewaffnet durch die Stadt gefahren wäre, hätten sich die Bolivianer ja gar nicht mehr richtig auf ihre Wahl konzentrieren können.

Schönes, verkehrsberuhigtes La Paz
Stattdessen lief ich zu Fuß durch die Stadt und stellte fest, dass die meisten Bolivianer schon morgens gewählt hatten. Viele Straßen waren menschenleer, ansonsten waren die Leute endlich mal mit Fahrrädern unterwegs oder verwandelten die sonst völlig überfüllten Straßen in Fußballfelder.

Fahrrad fahren in La Paz

Vier Stunden, nachdem die Wahllokale geschlossen hatten, gab es dann endlich die ersten Prognosen. Vorher durften keine Prozentzahlen veröffentlicht werden. Vermutlich, damit sich die Bolivianer auch nach der Wahl noch ausgiebig und in aller Ruhe mit den Folgen ihres eigenen Votums beschäftigen konnten.

Entspannung am Wahltag

Ich war unterwegs rund um den Plaza Murillo, den Sitz der bolivianischen Regierung.

Entspannung am Wahltag

Der Platz füllte sich nach und nach mit Evo-Fans, die Fahnen schwenkten und topaktuelle Evo-Devotionalien in den bolivianischen Nachthimmel reckten. Dann setzten irgendwann die ersten Evo-Hymnen ein, bis der amtierende Präsident schließlich auf den Balkon trat.

Im Vergleich zu den Evo-Songs war die Ansprache von Morales nicht wesentlich inhaltsreicher. Klar: Die bösen Imperialisten-Amis sind ganz schlimm, Evo hat inzwischen selbst das Tiefland lieb – und sowieso ist alles viel sozialer, besser und schöner.

Gleich werden die Böller gezündetWobei schon stimmt, dass die Armutsquote in den letzten Jahren stark gesunken und die Wirtschaft ordentlich gewachsen ist. Das liegt aber vor allem an hohen Rohstoffpreisen auf dem Weltmarkt, von denen Bolivien profitiert.

Was außen vor bleibt
Ich habe in den letzten Wochen mit so vielen unzufriedenen Bolivianern gesprochen, dass mich die enorme Zustimmung für Morales ziemlich ratlos zurücklässt. Andererseits reichen eigentlich schon zwei Wörter, um das Ausmaß seines Erfolgs zu erklären: purer Populismus.

Überall nur EvoEvo ist einfach überall: „Evo hält sein Versprechen“ steht auf einer Käsepackung, die ich im Supermarkt gesehen habe. Evos Gesicht klebt auf den Gondeln der neuen Seilbahn zwischen El Alto und La Paz. „Bolivien verändert sich“ heißt der Slogan, der zusammen mit Evos Namen für seine Sozialkampagnen benutzt wird.

Ganz großer Käse

Evo, Evo, Evo. Ein bolivianischer Journalist hat ausgerechnet, dass Morales’ Regierung im letzten Jahr 100 Millionen US-Dollar für Werbung ausgegeben hat. Für Regierungspropaganda. Kein Wunder, dass Evo so erfolgreich ist.

Schwache Opposition
Freude auf dem Plaza MurilloDas ist aber natürlich nicht der einzige Grund. Die Opposition ist auch Schuld daran, dass es neben Morales kaum wählbare Alternativen gab.Was darf’s denn sein? Ein Zement-Millionär, dem eine gewisse Nähe zu kühlem Kapitalismus nachgesagt wird?

Ein ehemaliger Kurzzeit-Präsident, der für USA-zentrierte Oberschichtenpolitik steht? Oder doch lieber ein linker beziehungsweise grüner Politiker, von denen die genauen Wahlprogrammen jeweils eher schemenhaft blieben?

In jedem Fall konnten sich die Oppositionsparteien (die hier traditionell zu jeder Wahl ihren Namen wechseln oder sich gleich komplett neu gründen und dann nach der Wahl wieder verschwinden) nicht auf einen gemeinsamen Kandidaten einigen und haben Evo so ordentlich geholfen.

Zu viel Feierei für einen Gringo wie mich
Feuerwerk für den neuen alten PräsidentenZurück zur Wahlfeier auf dem Plaza Murillo in La Paz: Nachdem das Alkoholverbot in Eigenregie aufgehoben wurde und die Regierungstruppe den Balkon wieder verlassen hatte, machte ich mich (da ich nun mal vom Erscheinungsbild her der größte Gringo von allen bin) auf den Heimweg und machte für DRadio Wissen noch eine kleine Wahlnachlese.

Wer braucht schon richtige Ergebnisse?
Fahnen schwenken für den Präsidenten

Über 20 Stunden nach der Wahl berufen sich selbst die bolivianischen Medien übrigens immer noch auf die Prognosen der Umfrageinstitute. Die bolivianische Wahlbehörde wollten eigentlich acht Stunden nach der Wahl 70 Prozent aller Stimmen ausgezählt haben.

Bis jetzt haben die Bolivianer aber stattdessen laut ihrer Internetseite stolze 2,89 Prozent ausgezählt. Wie gesagt: seit über 20 Stunden. Die Behörde will inzwischen keine Prognosen mehr abgeben, wann mit einem Ergebnis zu rechnen sein kann.

Zurück zum Lithium
In den nächsten Tagen werde ich mich wieder mit meinem Hauptthema, der geplanten bolivianischen Lithium-Industrie beschäftigen. Dafür habe ich heute schon mit dem Mitarbeiter einer NGO gesprochen, der sich vor allem mit den möglichen Umweltschäden des Projekts befasst. Dazu an dieser Stelle demnächst mehr.

Außerdem fahre ich noch ein weiteres Mal auf den Salzsee, um mich mit den dort wohnenden Campesinos zu unterhalten. Und als großen Höhepunkt habe ich noch ein Interview mit dem Chef der staatlichen Lithium-Behörde. Ich bin gespannt, wie viele Minuten ich ihm kritische Fragen stellen kann, bevor er das Gespräch abbricht.

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