Stipendiaten der Heinz-Kühn-Stiftung bloggen ihre Recherchen und Erlebnisse.

Am 08. Oktober brechen wir auf nach Marojejy: Mit dem Auto eine gute Stunde auf der Straße nach Andapa zum Nationalparkhaus beim Dorf Mandena, dann einige Kilometer zu Fuß weiter zum Parkeingang, durch das Dorf Manantenina (hier betreibt SAVA Conservation eine weitere Baumschule). Den schmalen Sandpfad säumen grüne Reisfelder. In den Büschen am Wegrand sitzen Pantherchamäleons (Furcifer pardalis). Uns begleiten etwa zehn Träger aus Mandena und Manantenina, die Reis, Bohnen, Holzkohle und Ausrüstung in den Wald bringen. Darunter Primot Jugot, unser Koch für die nächsten Tage, ein kleiner, energiegeladener Mann ohne Schneidezähne, dafür mit viel Humor. Primot war bereits 1996 in Marojejy, mit einer Forschergruppe um Steve Goodman, die für drei Monate die Arten des Parks inventarisiert hat.

seidensifakababyCredit: Lennart Pyritz

Ein Seidensifaka-Weibchen mit Nachwuchs in Marojejy.

Neben Erik begleiten uns auch die Guides Désiré Rabary aus Matsobe und Jackson aus Manantenina. Rabary ist seit mehr als zehn Jahren in Marojejy unterwegs. Unter anderem war er einmal mit Peter Tyson hier, US-amerikanischer Autor des Buchs „The eighth continent. Life, death and discovery in the lost world of Madagascar“. Jackson hat wie Rabary kleine Landparzellen gekauft und ein eigenes Reservat gegründet. Auch dort gibt es Chamäleons und eine Gruppe Bambuslemuren. Seit ein paar Tagen warten außerdem schon Nestor und Janvier im Wald auf uns: Tracker, die darauf spezialisiert sind die Seidensifakas (Propithecus candidus) zu finden, eine der seltensten Lemurenarten, Wahrzeichen des Nationalparks, über die Erik seine Doktorarbeit geschrieben hat.

rabary fruchtCredit: Lennart Pyritz

Désiré Rabary mit der Frucht, die andere zum Schweigen bringt.

Die erste Etappe führt gut vier Kilometer hinauf durch den dichten Bergwald zum Camp 1. Auf dem Weg halten wir alle zehn Minuten an, begutachten Tiere und Pflanzen. Jackson weist auf einen dünnen Baumstamm mit etwa zehn Zentimeter Durchmesser, ein einsamer Rest Rosenholz. „Der dürfte so 30 Jahre alt sein“, sagt er, der selbst einmal Holzfäller im Park überrascht und vertrieben hat. Ein paar Kilometer weiter treten wir versehentlich beinahe auf ein Chamäleon der Gattung Brookesia. Erdchamäleons, endemisch in Madagaskar, winzige, braune Tiere, die in der Laubschicht am Boden leben. Später zeigt Rabary eine große Frucht von Sloanea rhodantha, „vanana“ auf Madagassisch. Sie ist an einer Seite geöffnet. Rabary erzählt: Befindet man sich im Streit mit jemandem, könne man so eine aufgesprungene Frucht in die Tasche stecken. Der Widersacher könne dann zwar den Mund öffnen, aber nichts sagen.

calumma gastrotaeniaCredit: Lennart Pyritz

Calumma gastrotaenia: Arten dieser Gattung gibt es nur in Madagaskar.

gecko nachtsCredit: Lennart Pyritz

Auch Geckos der Gattung Paroedura leben nur in Madagaskar und auf den Komoren.

Am Abend erreichen wir das Camp 1. Holzhütten mit grünen Kunststoffplanen, eine überdachte Küchenplattform mit Öfen, Wasser kommt aus dem nächsten Bach. Ursprünglich standen hier Bambushütten, 2003 baute der WWF die Camps in Marojejy aus. Am Morgen wandern wir weiter ins Camp 2, dort ist es bereits deutlich kühler. In den nächsten Tagen streifen wir mit Nestor, Janvier, Rabary und Jackson durch den Wald, beobachten eine Gruppe Seidensifakas und hören weitere Geschichten über den Rosenholzhandel, Wilderer und Goldsucher. Abends sitzen Geckos und grüne Chamäleons in den Büschen ums Camp.

camp2Credit: Lennart Pyritz

Rabary vor der Küchenplattform in Camp 2.

marojejy panoramaCredit: Lennart Pyritz

Bergpanorama in Camp 2.

camp3 marojejyCredit: Lennart Pyritz

Blick auf den Marojejy Nationalpark in den Wolken von Camp 3.
Am letzten Tag im Wald steige ich mit Jackson zum Camp 3 auf 1250 Meter auf. Von dort hat man einen weiten Blick über die Gipfel Marojejys bis hinunter zu den Reisfeldern der Dörfer. Zum Gipfel schaffen wir es nicht. Trotz Trockenzeit setzt strömender Regen ein. Wir rutschen und stolpern den steilen Weg über nasse Wurzeln, Schlamm und Felsen zurück. Im Camp empfängt uns Rabary lachend: Das sei ja noch gar nichts. Wir sollten mal die Regenzeit abwarten. Am nächsten Morgen laufen wir die knapp zehn Kilometer zurück nach Manantenina und besuchen noch Jacksons kleines Privatreservat. Durch Reisfelder geht es zu einem Hügel, im Schatten am Waldrand wächst Vanille, weiter oben springen Bambuslemuren durch die Baumkronen. Ob schon Touristen hier waren, frage ich ihn. Der erste stehe vor ihm, antwortet er lachend.

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