Stipendiaten der Heinz-Kühn-Stiftung bloggen ihre Recherchen und Erlebnisse.

Shanti Pakhrin war 23, als maoistische Rebellen ihren Mann entführten, eine Woche folterten und ihn schließlich geschunden und ermordet am Straßenrand in der Nähe ihres Dorfes abwarfen. Heute kämpft sie für eine Verfassung, die der Diskriminierung von Witwen ein Ende setzt.

Ein gerahmtes und geschmücktes Foto erinnert in dem kleinen Zimmer im Osten Kathmandus an ihren ermordeten Mann. Wir sitzen bei Stromausfall und Kerzenschein auf dem Boden und lauschen Shantis Geschichte.

Vor sieben Jahren, mitten im Bürgerkrieg zwischen Maoisten und royalistischer Armee, waren die Maoisten in das Dorf gekommen, um Geld für ihren Untergrundkampf zu erpressen. Shantis Mann hatte nicht zahlen können.

Nach dem Überfall der Maoisten floh die heute 30-Jährige mit ihren drei Töchtern aus ihrem Heimatdorf, arbeitet weiter als Lehrerin und erfuhr, was es im hinduistisch geprägten Nepal bedeutet, eine Witwe zu sein.

„Man eater“ nennt man sie herabwürdigend. Stirbt ein Mann, ist es die Schuld der Frau, da sie der Vorstellung nach die Pflicht hat, für sein Wohlergehen zu sorgen. „Sogar der Leiter meiner Schule hat mich anders behandelt, als die anderen Lehrerinnen“, erinnert sich Shanti.

In ihrem Dorf und ihrer Familie war die Witwe noch keinen Diskriminierungen ausgesetzt, dort waren alle Buddhisten. Und die hätten keine speziellen Verhaltensregeln für Witwen, sie dürfte sogar wieder heiraten. Ob sie jemanden finden würde, der sie nimmt, ist eine andere Frage. „Wir sind sehr gut befreundet – aber heiraten würde ich eine Witwe nicht, nein“, sagt der einzige Hindu im Raum. In seiner Kultur sei die Vorstellung einfach, dass Witwen Unglück bedeuteten.

In sehr konservativen Hindu-Familien dürfen Witwen nie wieder rote Farben oder Schmuck tragen, was angesichts der Symbolkraft von Farben und Kleidung in Nepal eine weithin sichtbare Stigmatisierung der Frauen bedeutet. Außerdem ist ihnen der Weg zurück zur eigenen Familie versperrt – im ersten Jahr nach dem Tod des Mannes dürfen sie sie noch nicht einmal sehen. Und auch in weniger konservativen Familien ist die Witwe, der „Unglücksbringer“, auf Festen nicht erwünscht und wird in der Regel in einem Zimmer eingesperrt.

Das sind die harmlosen Beispiele. Die „Single Women Group“ dokumentiert auch Fälle, in denen junge Witwen wie Leibeigene in den Familien der verstorbenen Männer gehalten, gequält, missbraucht und sogar getötet werden. Die Organisation hat es sich zum Ziel gesetzt, mit allen kulturellen Praktiken zu brechen, die Witwen zu Sündenböcken und Freiwild machen. Das Wort „Witwe“ benutzt sie nicht, zu negativ seien die damit verbundenen Konnotationen.

Lily Thapa, Gründerin und Repräsentantin der „Single Woman Group“, ist selbst früh Witwe geworden. Sie stammt aus einer wohlhabenden Familie, gehört einer der oberen Kasten an. Ihre Geschichte zeigt, dass die Diskriminierung nicht unbedingt mit Bildung zu tun hat.

Thapas Schwiegereltern behandelten sie nach dem Tod ihres Mannes mit Misstrauen: „Sie haben mir mein Erbe verweigert, weil sie dachten, ich würde sofort einen neuen Mann heiraten“. Auch sie durfte zunächst kein Rot mehr tragen. Vierzehn Jahre dauerte es, bis die Familie ihr zu Dasain, dem wichtigsten Fest des Jahres, wieder ein rotes Segenszeichen auf die Stirn malte.

Für Lily Thapa ist Shanti Phakrin ein gutes Vorbild für andere Witwen. Und sie ist eine Art Sprachrohr der Organisation geworden: Seit einem guten Jahr sitzt Shanti als Abgeordnete in der verfassungsgebenden Versammlung, einer Art nepalesischen Parlament.

Dort bringe sie die Lage der Witwen im Land immer wieder zur Sprache. „Doch es passiert häufig, dass selbst die anderen Frauen mich deshalb auslachen“, erzählt Shanti.

30 Prozent der Sitze wurden an Frauen vergeben, nach Quote. Wie groß ihr Einfluss tatsächlich ist, ist fraglich. „Die Männer weigern sich, mit uns Frauen zusammen zu arbeiten“, sagt Shanti. Und sie sind nicht nur ihn der Mehrzahl, sondern den meisten Abgeordneten Frauen auch an Erfahrung und Ausbildung überlegen.

Shanti ist trotzdem glücklich, den Frauen eine Stimme in der Versammlung geben zu können – egal, wie leise diese ist. „Das ist wichtig. Für eine bessere Zukunft unseres Landes.“

 

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