Um acht Uhr morgens mache ich mich auf den Weg zu meiner ersten Amtshandlung als Vertreter der freien Presse im Senegal: eine Akkreditierung beim örtlichen Kommunikationsministerium muss her. An der Haltestelle unweit meines Hauses sitzen und stehen schon diverse andere Fahrgäste und warten schweigend auf den Bus. Schließlich rollt das blaue Gefährt heran, sowohl außen als auch innen praktisch identisch mit deutschen Linienbussen.

Das Fahrzeug gehört zum stadteigenen Verkehrsunternehmen Dem Dikk, das mehr als ein Dutzend Buslinien im Großraum Dakar betreibt. Alternativen gibt es viele, alle ein Kompromiss zwischen Preis, Geschwindigkeit und Komfort. Am schnellsten und bequemsten kommt man mit einem der vielen gelben Taxis voran, eine lange Fahrt kostet hier 3.000 CFA Franc, also etwa fünf Euro. Ähnlich schnell, aber deutlich enger und um einiges billiger geht es im car rapide vorwärts. Die sowohl wegen ihrer kreativen Bemalung, als auch aufgrund ihres Alters museumsreifen Minibusse bieten harte Holzbänke und minimale Bewegungsfreiheit, kommen aber schnell ans Ziel. Außerdem gibt es noch die Tatas, benannt nach dem indischen Produzenten der weißen Kleinbusse und schließlich die blauen Linienbusse, in denen ein Ticket nur noch 150 Franc kostet, ein zwanzigstel von dem was man für ein Taxi bezahlt und damit für praktisch alle Senegalesen erschwinglich.

Ich ergattere einen Fensterplatz, durch das geöffnete Fenster strömt während der Fahrt kühler Wind. Bald bin ich überaus dankbar dafür, denn ab dem dritten Stopp wird es voll und kurz darauf übervoll. Mein Sitznachbar reagiert auf diesen Mangel an persönlichen Raum routiniert und auf international anerkannte Weise: Mittels Kopfhörern und Sonnenbrille schafft er sich Privatsphäre, wo eigentlich keine ist.

Nach etwa einer Stunde und vielen Stopps habe ich es ins Zentrum von Dakar geschafft und beginne mir zu überlegen, ob eine häufigere Taxinutzung nicht im Reisebudget drin ist. Ich gehe die letzten Meter zum Ministerium, dass sich von außen als wenig inspirierter Betonklotz entpuppt, der noch dazu geschlossen scheint. Auch im unbeleuchteten und schmutzigen Eingangsbereich zeugt nichts von der Anwesenheit eines Regierungsorgans. Eine ebenfalls das Gebäude betretende Frau weist mir aber freundlich den Weg zur zuständigen Abteilung, ich muss in die fünfte Etage.

Der Aufzug, in dem jemand die Herstellerangabe zur maximalen Personenzahl handschriftlich auf vier halbiert hat fährt mit einem schaurigen ächzen an und ich beschließe spontan auf dem Rückweg die Treppe zu nehmen. Im fünften Stock erwartet mich ein durch flackerndes Neonlicht erhellter fensterloser Gang. Die Tür zum Sekretariat ist verschlossen. Die daneben auch. Hinter der dritten Tür verbirgt sich ein Abstellraum, die nächste Tür ist wieder abgesperrt. Nach einigen weitern Versuchen finde ich schließlich eine offene Tür und werde nach vorsichtigem klopfen hereingebeten.

Der Besitzer des großzügigen, aber heruntergekommen aussehenden Büros ist zufälligerweise der Direktor der Abteilung Information und Presse und scheinbar der einzige, der im ganzen Stockwerk schon zur Arbeit erschienen ist. Die zuständige Beamtin sei noch nicht im Hause, teilt er mir freundlich mit, nachdem ich ihm mein anliegen geschildert habe, aber ich könne gerne bei ihm warten.

Während der nächsten halben Stunde versucht er telefonisch den Aufenthaltsort und die Ankunftszeit seiner Mitarbeiterin zu bestimmen, hat damit aber scheinbar wenig Erfolg. Schließlich sagt er mir, er würde dafür sorgen das ich das gewünschte Dokument ausgestellt bekomme und mich dann anrufen. Ich habe leise Zweifel, ob ich jemals wieder was von ihm hören werde, beschließe aber damit meine Schuldigkeit den örtlichen Pressegesetzen gegenüber getan zu haben und bedanke mich. Auf dem Weg nach unten nehme ich die Treppe, merke aber schnell, dass das wegen der schlechten Beleuchtung, den bröckelnden Stufen und dem Bergen unbestimmbaren Mülls nicht unbedingt die sicherere Wahl ist.

Nach diesem ersten Eindruck des senegalesischen Regierungsapparats bin ich auf die lokalen Nichtregierungsorganisationen gespannt. Mein nächster Stopp ist das Forum Civil, die örtliche Dependance von Transparency International. Hier geht es mir vor allem um verschiedene Berichte und Untersuchungen, die die Organisation in den letzten Jahren zum Ressourcensektor veröffentlicht hat und die im Internet nicht auffindbar waren. Außerdem würde ich gerne mit den Experten des Forum Civil Interviews führen und sie nach weiteren Kontakten fragen.
Im Büro angekommen nimmt sich ein Mitarbeiter namens Thialy Faye mir an und übersieht dabei dankenswerter Weise, dass ich keinen Termin habe und ihn darum vermutlich von seiner eigentlichen Arbeit abhalte. Ja, sagt er, er könne mir mit allen meinen Anliegen helfen, nur leider nicht heute. Auch hier fehlt nämlich die Sekretärin, die sich noch bis morgen auf einer Fortbildung befinde. Die Dame hat offensichtlich die Herrschaft über das organisationseigene Archiv und Adressbuch, weshalb er mir im Detail erst nächste Woche weiterhelfen könne. Trotzdem hat er einige interessante Informationen und Namen für mich und so ziehe ich bald wieder meiner Wege, mit dem versprechen, in der nächsten Woche noch mal vorbeizuschauen.

Ich weiß es noch nicht, aber diese Art der vielversprechenden, aber vorerst ergebnislosen Treffen werden den Tag bestimmen. Als nächstes steht ein Telefonat mit dem Chef eines amerikanisch-senegalesischen Erdgasförderunternehmens an. Der Texaner ist seit 23 Jahren im Erdgassektor Senegals aktiv und damit für mich eine durchaus interessante Quelle. Spontan erklärt er sich zu einem Treffen bereit, ich könne zu ihm ins Büro kommen, damit man sich „besser kennen lernen kann“. Am besten in etwa 45 Minuten. Dann teilt er mir noch mit, dass sein Büro am Flughafen liegt, von mir aus am anderen Ende der nicht gerade kleinen Hauptstadt. Den Bus zu nehmen ist damit keine Option, ich stelle mich an die Straße und winke ein Taxi heran. Die Verhandlung mit dem Taxifahrer ist erfreulich kurz und bald fliege ich über die Stadtautobahn.

Das Unternehmen liegt in einem ruhigen Viertel, nahe mehrere Botschaften. Der Compound ist sauber und aufgeräumt, die Dame am Empfang freundlich und aufmerksam. Der Chef holt mich ab und wir gehen in sein Büro, wo wir uns 90 Minuten über so ziemlich alles, nur nicht die Rohstoffwirtschaft des Senegals unterhalten. Rogers, so der Vorname meines Gesprächspartners, will mich offensichtlich erst mal auf meine Ansichten abklopfen. Er selbst, das wird schnell klar, ist auf eine etwas verschrobene Art dem Senegal verfallen. „Senegal ist einzigartig, weil seine Menschen einzigartig sind,“ gibt er mir mit auf den Weg. „Sie sind in Kontrolle ihres egenen Schicksals und sie machen einen verdammt guten Job.“ Die senegalesische Gesellschaft, so seine These, habe die besten Elemente der französischen Demokratie übernommen und besonders die gegenwärtige Regierung sei sehr auf die Integration aller Bevölkerungsteile bedacht. Das bringe zwar Probleme mit sich, denn viele Minister und Amtsträger seien als Repräsentanten ihrer jeweiligen Gruppierungen ausgewählt worden und nicht wegen ihrer Fachkenntnis, aber das würde die Vorteile eines solchen Systems nicht schmälern.

Ich versichere ihm das ich keinesfalls hier sei um auf Teufel komm raus Skandale im Ressourcensektor aufzudecken, sondern an einer vielseitigen Betrachtung des Sektors interessiert bin. Ob ich ihn überzeugen kann weiß ich nicht, denn unser Treffen neigt sich dem Ende entgegen und auf die Bitte um ein weiteres Interview antwortet er ausweichend. Er wolle „meine Sicht nicht zu sehr beeinflussen,“ ich solle mich eher mit Senegalesen unterhalten. Er sei sowieso erstmal für zwei Wochen außer Landes, dann könne man ja noch mal über ein Interview reden.

Für mich geht es wieder zurück in ein Taxi, denn mein nächster Termin ist wieder im Stadtzentrum und wieder habe ich nur eine Dreiviertelstunde Zeit. 35 Minuten später stehe ich vor einem Bürohaus, auf dem das Logo von Greenpeace Afrika prangt. Dakar ist neben Johannesburg und Kinshasa eine der drei Städte mit Greenpeace-Büros und von hier aus setzt sich die Organisation vor allem für den Schutz der Meere ein. Wieder habe ich nur ein Vorgespräch, diesmal mit Bakary Coulibaly, dem Sprecher von Greenpeace Senegal. Wir setzen uns in den angenehm hellen und sauberen Konferenzraum im sechsten Stock, von dem man über die Dächer der Innenstadt auf das Meer blickt. Auch Bakary kann mir selbst wenig über Ressourcenpolitik im Senegal verraten, aber er verspricht für nächste Woche ein Interview mit der Greenpeace Expertin zum Thema Fischerei und eine Email mit den Adressen weiterer möglicher Gesprächspartner. Dann gibt es noch eine kleine Führung durch das Büro und eine halbe Stunde später stehe ich wieder auf der staubigen Straße vor meiner Wohnung. Es ist vier Uhr nachmittags und kaum bin ich durch die Tür, ruft mich der Direktor aus dem Informationsministerium an. Wenn ich morgen ein Passfoto und eine Kopie meines Reisepasses bringe, dann können sie mir die Akkreditierung ausstellen. Ich solle aber nicht so früh kommen. „So zwischen zehn und halb elf wäre besser.“

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