Stipendiaten der Heinz-Kühn-Stiftung bloggen ihre Recherchen und Erlebnisse.

Jetzt bin ich doch tatsächlich zu früh am vereinbarten Treffpunkt. Nach den ersten Gesprächen mit Aktivisten in Yangon, zu denen ich grundsätzlich zu spät kam, habe ich dieses Mal extra viel Zeit für den in der Stadt unvermeidlichen Stau eingeplant – und nun stehe ich hier, vor einem wenig einladenden Gebäude, das das Büro der Jugendorganisation Generation Wave beherbergen soll. Im Erdgeschoss scheint eine Art Autowerkstatt zu sein. Der Taxifahrer nickt, zeigt auf den Zettel mit der Adresse und sagt: „Okay!“

Ich steige aus und schaue mich um. Die Jungs vor der Autowerkstatt schauen zurück. Einer deutet aufs schmale Treppenhaus, dann nach oben. Vielleicht also doch die richtige Adresse…?

Aber ich bin ja ohnehin über eine halbe Stunde zu früh. Immerhin kann ich inzwischen wieder per Mobiltelefon kommunizieren (Roaming funktioniert hier noch nicht). Zwar habe ich keine SIM-Karte vom guten Handyanbieter MPT erwischt, der eine stabile und umfassende Netzabdeckung verspricht; die Schwarzmarktpreise waren einfach zu hoch. Inzwischen weiß ich, dass es mit meinem relativ neuen Anbieter eher Glückssache ist, wann ich erreichbar bin. Über Stunden kann ich keine SMS senden oder empfangen – und heute wurden zum Beispiel gar keine Telefongespräche zu mir durchgestellt. Der Service wird außerhalb Yangons sicher nicht besser werden. Aber ich schweife ab.

Ich bin mit Moe Thway verabredet, der die Organisation Generation Wave 2007 gemeinsam mit ein paar Freunden gründete und der Gruppe heute als Präsident vorsteht. Jedenfalls erreiche ich Thway tatsächlich per SMS – und laufe ihm dann per Zufall auf der Suche nach einem Getränkestand in einer Seitenstraße über den Weg.

Moe Thway

Moe Thway (Foto: Sarah Steffen)

Im Generation-Wave-Büro im vierten Stock sitzen ein paar Mitglieder und lesen. Bestehenden Gesetzen zufolge sei die Organisation – und das, was sie macht – immer noch illegal, sagt Thway. Der 34-jährige zuckt mit den Schultern. In den nächsten Stunden wird er erzählen von den Anfängen nach der sogenannten Safran-Revolution 2007, von seiner Flucht nach Thailand im März 2008, um nicht als politischer Gefangener im Gefängnis zu landen und von Myanmar, wie es heute ist.

Thway sagt, es war einfach nur Zufall, dass er nicht zuhause war, als er 2008 verhaftet werden sollte. 27 Generation-Wave-Mitglieder wurden damals ins Gefängnis gesteckt, so Thway. Einige wurden 2011 wieder freigelassen, die anderen ein Jahr später. Die Generation-Wave-Mitglieder in Thailand kehrten 2011 zurück nach Myanmar.

Wandel nach 2010?

„Andere mögen sagen, dass Präsident Thein Sein politische Gefangene freigelassen hat. Aber er lässt immer noch verhaften. Ich selbst wurde zweimal verhaftet – einmal 2012 und dann 2013 nochmal“, erzählt Thway. Die Regierung nutze die politischen Gefangenen als Spielball, um hochrangigen internationalen Besuch zufrieden zu stellen. „Ich bin sicher, wenn [US-Präsident Barack] Obama nächsten Monat kommt, werden sie einige politische Gefangene freilassen.“

Auch die Wahlen im nächsten Jahr könnten nicht als frei und fair gelten, wenn die Verfassung nicht geändert werde: Der Verfassung von 2008 zufolge werden 25 Prozent der Sitze im Parlament automatisch an Militärs vergeben; außerdem darf Aung San Suu Kyi nicht als Präsidentschaftskandidatin antreten, weil sie mit einem Briten verheiratet war und ihre Kinder die britische Staatsbürgerschaft haben.

Das Bild der Lady hängt auch im Generation-Wave-Büro (Foto: Sarah Steffen)

Das Bild der Lady hängt auch im Generation-Wave-Büro (Foto: Sarah Steffen)

„Die Bürger haben nicht das Recht, alle Parlamentarier zu wählen. Und sie haben nicht das Recht, für eine Präsidentin zu stimmen, die sie wollen“, so Thway.

„Wie könnten wir da sagen, dass die Wahlen frei und fair werden?“

Thway sagt, er werde kämpfen, sollte die Regierung es wagen, Wahlen abzuhalten, ohne die Verfassung zu ändern.

„Dafür gehe ich auch wieder ins Gefängnis.“

Die meisten Aktivisten, mit denen ich bisher gesprochen habe, formulieren das ähnlich. Sie sind sich bewusst, dass sie jederzeit verhaftet werden könnten – aber sie sind bereit, dieses Risiko einzugehen.

Das Interview war gut, informativ und ausführlich – was Thway im anschließenden Hintergrundgespräch beim späten Abendessen erzählt, ist allerdings nochmal um einiges interessanter. Aber off-the-record.

Nach einer knappen Woche in Yangon, dem politischen und wirtschaftlichen Zentrum des Landes, reise ich nun weiter nach Nay Pyi Taw – Myanmars offizielle Hauptstadt.

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