Stipendiaten der Heinz-Kühn-Stiftung bloggen ihre Recherchen und Erlebnisse.

„Venezolaner sind gut darin, in der Schlange zu stehen.“, erklärt Daniel López. „Das war schon immer so.“ Als er noch ein Kind war hat seine Mutter Witze darüber gemacht: Woran erkennt man von welchem Gate der Flug nach Caracas startet? An der Schlange eine Stunde vor Abflug. Auch jetzt sieht man in der Stadt regelmäßig Menschenschlangen. Zum Beispiel in der Metro. In Caracas gibt es eine Hauptlinie, die Linie 1, die von einem Ende der Stadt (Palo Verde im Osten) zum anderen Ende (Propatria im Westen) fährt. An jeder Haltestelle ist eingezeichnet wo sich die Türen befinden. Regelmäßig bilden sich in diesen gelben Vierecken Menschenschlangen. Zur Rush Hour zwischen 17 und 19 Uhr sind die Schlangen besonders lang. Dann kann es schon mal passieren, dass man mehrere Züge abwarten muss, bis man sich in einen Wagen quetschen kann. Eine Alternative sind die Busse. Aber zu der Uhrzeit macht das keinen Unterschied: Die Autoschlangen auf den Straßen sind ähnlich lang. Weitere Schlangen gibt es am Ticketschalter, weil von sieben möglichen Verkaufsfenstern nur zwei besetzt sind, am Geldautomaten, in der Regel funktioniert von drei Automaten nur einer und vor den Supermärkten, denn seit einigen Monaten sind viele Produkte des täglichen Bedarfs nicht mehr regelmäßig verfügbar. Escasez. Knappheit. Zu Beginn des Jahres war Toilettenpapier ein großes Problem. Im Moment fehlen vor allem Öl und harina P.A:N., Maismehl, eine der Grundzutaten der venezolanischen Küche. Außerdem gibt es zahlreiche Medikamente und Hygieneprodukte nur unregelmäßig. Dazu gehören auch Pampers. Für Daniel ist das der absolute Horror. Regelmäßig bekommt er sich darüber mit seiner Frau Julia in die Haare. Während sie sich in die Schlange stellt, fährt er eine Runde um den Block: „Ich möchte nicht in einem Land leben, in dem ich für Pampers anstehen muss.“ Das ist einer der Gründe dafür, dass die Familie Venezuela im nächsten Jahr verlassen wird, um in Julias Heimat Deutschland zu leben. Ein anderer Grund ist die Sicherheit. Wie erklärt man einer Vierjährigen, dass man am Nachmittag nicht mehr in den Park gehen kann, weil es zu gefährlich ist? Abgesehen davon hält Daniel nur noch wenig in Venezuela. Die meisten seiner Freunde leben längst im Ausland. In Panama, in den USA, in Kanada, in Irland oder in Spanien. (Das ist eine der anderen zahlreichen Menschenschlangen: Die tägliche Schlange vor der spanischen Botschaft. Heute erzählt dort ein Señor von der Isla Margarita, dass die Schlangen in Caracas nichts seien, im Vergleich zu den Schlangen in dem ehemaligen Urlaubsparadies. Hier campieren die Menschen nachts vor den Supermärkten.) Nur einer von Daniels engen Freunde lebt noch in Venezuela. Der wiederum möchte nicht hier weg. Das sei doch ein wunderbares Land: Überall komme man sofort mit den Menschen ins Gespräch. Daniel sieht das ein bisschen anders: Das sei doch kein Wunder, schließlich müsse man in keinem anderen Land derart häufig in der Schlange stehen.

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