Stipendiaten der Heinz-Kühn-Stiftung bloggen ihre Recherchen und Erlebnisse.

Dale, plärrt Pitbull aus den überdimensionierten Lautsprechern, ein paar Schritte weiter am nächsten Stand tönt Jennifer Lopez aus den Boxen. Vereinzelt tanzen Jugendliche. Riesenräder und anderes Fahrgeschäft blinken vor sich hin. Willkommen auf der Shan-Kirmes.

Eigentlich bin ich wegen des Ballon-Festivals hier, dass in der Provinzhauptstadt Taunggyi jeweils für eine Woche im Jahr stattfindet.

Ein Ausschnit der Kirmesattraktionen (Foto: Sarah Steffen)

Ein Ausschnit der Kirmesattraktionen (Foto: Sarah Steffen)

Von nah und fern sollten die Besucher aus dem Shan-Staat und darüber hinaus zu dem Festival strömen – eine gute Idee, um Jugendliche aus Regionen zu treffen, die ich nicht bereisen darf oder die ich aus Zeitgründen nicht besuchen kann.

Leider wird das nicht ganz so klappen, wie ich mir das vorgestellt hatte. Auf Anfragen erhalte ich keine Antwort. Vielleicht sind alle in Feierlaune? Andere sind selbst im Moment zu Gesprächen in Yangon und sind untröstlich, dass sie das Festival verpassen. Sie könnten mich in ein paar Tagen in Taunggyi sprechen – aber dann bin ich ja schon am nächsten Ort. Schade.

Vom lauten Musiklärm der Stände gegenüber geben sich die zwei zumindest äußerlich unbeeindruckt. Und ja, die Mütze ist nicht nur als modisches Accessoire zu verstehen (Foto: Sarah Steffen)

Vom lauten Musiklärm der Stände gegenüber geben sich die zwei zumindest äußerlich unbeeindruckt. Und ja, die Mütze ist nicht nur als modisches Accessoire zu verstehen (Foto: Sarah Steffen)

Aber das Ballon-Festival selbst ist natürlich ein Event – und für mich interessant, zu sehen, wie die lokale Bevölkerung eigentlich feiert.

Die aufsteigenden Ballons, die mal Feuerwerkskörper zu Boden schicken und mal nicht, sind wunderschön.

Es ist allerdings auch kein ungefährlicher Spaß, wie mir die Schwester des Hotelmanagers erklärt (später werde ich lernen, dass sie nicht die Schwester ist, sondern die Ehefrau… lost in translation).

„Schön, aber gefährlich“

Sie zeigt mir ein Video, in dem der Ballon nicht richtig aufsteigt und dann die Feuerwerkskörper nach unten aufs Publikum schießt. „Wenn das passiert, dann rennst du“, sagt sie.

Wann das Video denn aufgenommen worden sei, frage ich. „Gestern. Ich war da.“ Sie hat das Video also selbst auf ihrem Smartphone aufgenommen.

Nicht alle der Ballons haben Feuerwerkskörper an Bord (Foto: Sarah Steffen)

Nicht alle der Ballons haben Feuerwerkskörper an Bord (Foto: Sarah Steffen)

Nein, heute fahre sie nicht mehr hin. Dann deutet sie auf meinen Longyi (Wickelrock) und fragt, ob ich darunter eine lange Hose trage.

„Es wird kalt werden“, sagt sie. „Und Männer trinken.“ Ob ich die Hose nun wegen der Kälte oder der betrunkenen Männer brauche, erläutert sie nicht.

„Es ist schön, aber auch gefährlich.“

Ich nicke und lasse mal lieber unerwähnt, dass ich gestern schon auf eigene Faust mit dem lokalen Pick-up Bus die anderthalb Stunden Fahrt zurückgelegt habe. Regen und Gewitter machten dann zumindest am Nachmittag Ballonaufstiege unmöglich (ich habe extrem gefroren und deshalb heute tatsächlich zusätzlich eine Leggins unter dem Longyi an). Allerdings fährt der letzte Pick-up Bus aus Taunggyi um 17:30 Uhr ab und wer den verpasst, muss sich ein (teures) Taxi organisieren. Mit dem von meiner Unterkunft gechartertem Kleinbus fahren wir um diese Zeit erst in Nyaungshwe los uns und werden um ein Uhr nachts aus Taunggyi aufbrechen (natürlich wird es später werden).

Die Heißluftballons sind umringt von Zuschauern (Foto: Sarah Steffen)

Die Heißluftballons sind umringt von Zuschauern (Foto: Sarah Steffen)

Die Ballons werden auf einem freien Feld aufgebaut, um das sich Massen an Zuschauern scharen. Mehrere kleine Pick-up-Trucks fahren auf das Feld, von dem Männer abspringen. Sie schlagen auf eine Art Trommel oder Gong ein und beginnen zu tanzen (das Video kann ich hier leider nicht hochladen; Fotos sind teilweise schon schwierig genug). Nach einer Weile bauen sie dann den Ballon zusammen – Zeit für mich, wieder nach hinten zu verschwinden.

In der Nähe des Feldes stehen ein Feuerwehrwagen und ein Rettungsteam bereit. Ob das im Fall der Fälle ausreichend ist, wage ich zu bezweifeln.

Die Ballons selbst – mal mit langen Spruchbändern, mal mit Feuerwerk – sind tatsächlich sehr schön anzusehen. Aber das Feuerwerk explodiert meinem Empfinden nach immer ein bisschen zu früh. Gegen 23:30 wird das Spektakel abgebrochen, da der Ballon bereits zweimal nicht vom Boden gekommen ist. Zu windig, sagen die Passanten neben mir. Ein Glück, denn man kann sich leicht ausmalen, was passiert wäre, wenn das Feuerwerk dann auf Kopfhöhe der Besucher losgefeuert hätte.

„Unser Land hat viele Probleme“

Ich habe noch anderthalb Stunden und wandere also auf dem großen Gelände umher. „Oh, ein Ausländer!“ höre ich jemanden neben mir zu einem Freund sagen. Ich sage freundlich Hallo. Wir plaudern ein wenig. Sie kommen aus der Mandalay-Division und sind heute am frühen Morgen extra für das Festival angereist. Nach einer Weile erwähne ich, dass ich Journalistin bin. „Unser Land hat viele Probleme“, sagt da der eine. Dann ist das Gespräch allerdings auch schon beendet. Andere Jugendliche sind mehr daran interessiert, Fotos mit mir zu machen.

Eine der Kirmesschaukeln in Taunggyi (Foto: Sarah Steffen)

Eine der Kirmesschaukeln in Taunggyi (Foto: Sarah Steffen)

Zurück zur Kirmes. Die Musik dröhnt. Die Fahrgeschäfte werden hier aus einer Kombination von Muskelkraft und einem Dieselmotor angetrieben. Hinter den Kulissen erkenne ich auch, warum die Musik so laut ist: Um das Kreischen und Quietschen der Anlage zu übertönen.

Die Riesenräder sehen mir zu wackelig aus, also entscheide ich mich für einen kleinen Ritt auf einer Art Schaukel, die hoch nach oben schwingt.

Gegen kurz nach drei bin ich wieder im Hotel. Eigentlich wollte ich mir morgen einen Bus nach Hsipaw und dann weiter nach Lashio organisieren (nordöstlicher Shan-Staat), aber da ich dort nicht ohne vorher abgesprochene Interviewtermine hinfahren möchte (und ggf. wieder mit leeren Händen dastehe), entscheide ich mich, zunächst nach Mandalay zu reisen. Dort habe ich immerhin schon Kontakte.

Nachtrag – Attacke der Shan-Rebellen?

Kurz vor meiner Abreise nach Mandalay am Abend treffe ich Lisa aus Deutschland, die heute früh erst aus Hsipaw angereist ist. Sie ist sichtlich erschüttert: Ihr Bus wurde von Shan-Rebellen angegriffen, erzählt sie. Das hätten ihr zumindest die anderen (einheimischen) Mitreisenden gesagt, als sie sich gemeinsam hinter den Sitzen versteckten. Sie sagt, dass es nach rund drei Stunden Fahrtzeit auf offener Strecke einen dumpfen Schlag im Bus gab. Daraufhin hätte der Busfahrer gestoppt.

„Dann waren da auf einmal hundert Männer, die versucht haben, den Bus umzukippen. Sie haben den Bus mit Holzlatten und Steinen angegriffen“, berichtet Lisa. „Die haben die Scheiben mit großen Steinen eingeschmissen. Ich hab mich gefragt, wo sie die her hatten. Mehrere Menschen hatten Schnittwunden.“ Die Menschen, die vorne im Bus saßen, hätten die Türen zugehalten, damit die Männer nicht in den Bus eindringen konnten, während der Busfahrer das Gaspedal durchdrückte. „Auf der Polizeistation wurden die Verletzten mit Mullbinden versorgt und wir haben bestimmt drei Stunden auf einen Ersatzbus gewartet. Unser Bus war ja total zerstört.“

Was sie aber am meisten zu erschüttern scheint, war der Kommentar im Hotel am Morgen, als sie von dem Geschehen erzählte. „Sie sagten mir lediglich: ‚Ja, das passiert.'“

Lisa kann nur spekulieren, warum die Männer den Bus angegriffen haben. „Vielleicht ist das eine neu gebaute Straße, die sie nicht in ihrem Gebiet haben wollen. Oder das Busunternehmen war staatlich.“ Den Angriff auf den Bus kann ich von hier aus nicht verifizieren; ich kann mich lediglich auf das stützen, was mir Lisa erzählt.

Fakt ist, dass es immer noch Kämpfe zwischen dem Militär und den Rebellen gibt – nicht nur im Shan-Staat. Vielleicht nehme ich für die Strecke nach Hsipaw lieber den Zug.

http://www.irrawaddy.org/burma/fighting-escalates-govt-rebel-alliance-shan-state.html

 

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