Stipendiaten der Heinz-Kühn-Stiftung bloggen ihre Recherchen und Erlebnisse.

Ich sitze auf dem Sozius eines Motorrads und spüre trotz Fahrtwind, wie die Sonne auf meine Haut brennt. Die Landschaft, die ich von der hervorragend geteerten Straße sehen kann, ist reizvoll: Hüfthohes Gras zwischen dicht stehenden, saftig grün belaubten Bäumen.

Immer wieder fahren wir an Schildern vorbei, die auf Explorationsstätten links und rechts der Straße verweisen. Hier suchen Unternehmen aus den USA, Kanada, Europa und Südafrika nach Gold. Im industriellen Maßstab abgebaut wird es in erst einer Mine in Sabodala, etwa 100 Kilometer von meiner derzeitigen Basis in Kédougou entfernt.

Ich denke über das Interview mit dem Mitarbeiter der Minendirektion nach, das ich gestern geführt habe. Man sei auf gutem Wege, so erzählte er mir, die artisanalen Goldschürfer zu formalisieren. Bisher gab es für die Goldsuche kaum Regeln und die die es gab wurden nicht umgesetzt. Jeder konnte sich eine Hacke oder Schaufel nehmen und – nach Absprache mit den lokalen Autoritäten – den Boden auf der Suche nach Gold umgraben. Und weil der Goldpreis seit Jahren auf Rekordniveau ist, gibt es jede Menge Leute genau das wollen. Junge Senegalesen, aber auch Gastarbeiter aus Mali, Guinea, Ghana und Burkina Faso sind in den Goldgürtel eingewandert, in manchen Orten auch eingefallen. Es gibt Dörfer, so hat mir eine Mitarbeiterin der Konrad-Adenauer-Stiftung in Dakar erzählt, die innerhalb weniger Wochen von einigen Dutzend auf mehrere tausend Einwohner angewachsen sind, weil in der Nähe Gold gefunden wurde. Mit den Goldschürfern kommen in der Regel die Schattenseiten des schnellen Geldes: Drogen, Prostitution, Gewalt.

Weil der Bergbau außerdem gefährlich ist und die Umwelt belastet, will die Regierung jetzt alle Goldschürfer registrieren, biometrische Pässe ausstellen und Schürflizenzen per Computer erfassen und zuteilen. Seit einigen Monaten ist außerdem der Kleinbergbau per Dekret komplett verboten, bis die Formalisierung abgeschlossen ist. Dieses Verbot, so versicherte mir mein Gesprächspartner, werde auch weitgehend eingehalten.

Jetzt bin ich auf dem Weg zu einem Vertreter der artisanalen Goldgräber, um mich selbst davon zu überzeugen. Den richtigen Namen meines Interviewpartners möchte ich hier nicht preisgeben, nennen wir ihn also Mamadou. Der schon etwas ältere Herr empfängt mich in seinem Haus und wir unterhalten uns über den Formalisierungsprozess. Er sei ein großer Unterstützer der Formalisierung, erklärt mir Mamadou, denn nur so könnten die Probleme des Kleinbergbaus bekämpft werden. Eine Reform des artisanalen Goldschürfens sei dringend nötig, denn darauf verzichten könne die Region nicht. Die lokale Wirtschaft, so die Einschätzung von Mamadou, ist praktisch komplett vom Gold abhängig, nur wegen dem Bergbau hätten die Menschen in seinem Dorf richtige Häuser statt Hütten bauen können.

Aber gerade dann sei doch ein kompletter Abbaustopp, wie ihn der Minister verhängt hat, fast unverantwortlich, wende ich ein. Für die lokale Wirtschaft sei das auch nicht einfach, so Mamadou, der Markt in Kédougou habe stark unter den geringeren Umsätzen gelitten. Aber ganz gestoppt hätte der Bergbau keinesfalls, vielmehr würden die Leute jetzt halt „stehlen“, also ohne Erlaubnis graben.

Dann gehen wir in die nahe gelegene Mine und tatsächlich arbeiten dort mehrere Dutzend Männer, Frauen und Kinder in einer heißen Mondlandschaft. Auf der einen Seite des Tagebaus sind Einheimische aktiv. Sie graben „Goldbrunnen“, vertikale Löcher, die einen Durchmesser von etwa 1,2 Meter haben und bis zu fünf Meter tief sind. Andernorts erreichen Goldbrunnen auch Tiefen von bis zu 30 Meter.

Unten, auf Höhe der goldführenden Schicht, arbeiten meist ein bis zwei Kinder, die den lockeren Sand aus der Wand kratzen. An einem nahe gelegenen See wird dann der Goldstaub ausgewaschen, indem man Zyansalze hinzugibt und das entstehende Amalgam ausschmilzt. Ein hoch giftiges Verfahren ist, das sowohl die Schürfer, als auch die Umwelt extrem belastet.

Ob die Gendarmarie sich nicht für den offensichtlichen Bruch des Dekrets interessieren würde, frage ich Mamadou. Nein, sagt er, die kämen nicht oft. Mamadou selbst scheint hier großen Einfluss zu haben, er gibt Anweisungen, stellt Leute vor und hat auch kein Problem damit, dass ich den offensichtlichen Gesetzesbruch mit Kamera und Mikrofon festhalte. Immer wieder klingelt sein Handy und er verhandelt in aufgebrachtem Wolof und Französisch mit seinem Gesprächspartner. Es geht um eine italienische Explorationsfirma, die vor kurzem in der Nähe ihre Arbeit aufgenommen hat. „Die müssen zuerst die Leute aus der Umgebung einstellen,“ brüllt Mamadou ins Telefon. „Es kann doch nicht angehen das die für Arbeit, die jeder machen kann, jemanden aus Dakar mitbringen. Wenn die sich nicht daran halten, dann werden wir ihre Arbeit hier halt stoppen. Es geht doch nicht, dass diejenigen, die das Essen kochen, am Ende nichts davon abbekommen!“

Am anderen Ende des Tagebaus geht es deutlich professioneller zu. Hier trägt eine Gruppe junger Männer mit ihren Schaufeln ganze Bodenschichten ab, die dann mit Lastern abtransportiert werden. Mamadou requiriert ein Motorrad und wir fahren den Lastern hinterher. Nach einem Kilometer kommen wir zu einer Lichtung am Rande eines großen Flusses. Hier stehen etwa fünfzehn dieselbetriebene Steinmühlen und verbreiten einen ohrenbetäubenden Lärm. Die Abwässer der Mühlen, schlierig mit Diesel und Öl, werden in den Fluß gespült.

„Der Gambia,“ sagt Mamadou und deutet auf den Strom, der hier mehr als 50 Meter breit ist. „Wunderschön, oder?“ Ich stimme zu, denn stromaufwärts, wo das ölig schimmernde Abwasser nicht zu sehen ist, bietet der Fluß tatsächlich einen majästätischen Anblick.

Dank der Steinmühlen, sagt Mamadou, müssten man hier kein Zyanid einsetzen. Von einem der jungen Männer, die alle aus Burkina Faso kommen, lässt er das Auswaschen des Goldes demonstrieren. Der Schürfer hat sichtlich Übung, schnell kommen in dem aufgeschlämmten Sand klitzernde Flecken zum Vorschein. „Das ist Goldstaub,“ sagt Mamadou und gibt noch eine Anweisung auf schnellem Wolof. Der Schürfer wäscht weiter und kurz darauf hält Mamadou zwei Nuggets in der Hand, jeweils ein bischen größer als eine Nadelspitze. „Reines Gold,“ sagt Mamadou und lacht.

Er hoffe, dass die Formalisierung schnell voran komme, sagt er mir während wir zum Dorf zurück gehen. Bis dahin würde hier der gesamte Betrieb auf Sparflamme laufen. „An einem normalen Tag würden sich die Menschen hier drängeln, es wäre eine ganze Meute.“ Zum Abschied drückt mir Mamadou die vorsichtig verpackten Nuggets in die Hand. „Ein Geschenk,“ sagt er. Ich versuche abzulehnen, aber er besteht darauf, dass ich das Gold annehme. „C’est rien – es ist nicht der Rede wert,“ wehrt er meine Proteste ab. „Es ist meine Mine, ich kann das verschenken.“

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