Stipendiaten der Heinz-Kühn-Stiftung bloggen ihre Recherchen und Erlebnisse.

Ich stehe mitten im Nirgendwo vor einem großen Loch. Obwohl es mehrere hundert Meter breit und dutzende Meter tief ist, existiert das Loch erst seit etwa 2009. Seitdem wird hier, nahe des kleinen Ortes Sabodala und etwa 100 Kilometer von Kédougou entfernt, industriell Gold abgebaut.

Schilder auf der Zufahrtsstraße warnen vor Sprengungen um 16:15 Uhr. Im Minutentakt fahren riesige gelbe Laster das ausgesprengte Granitgestein aus der Mine heraus, entweder auf die schon jetzt gigantischen Abraumberge, oder zur Zerkleinerung und chemischen Behandlung.

Für 2013 gibt die Betreiberfirma, das kanadische Unternehmen Teranga Gold Corporation, eine Förderung von 207.204 Feinunzen Gold an. Das entspricht einem Gegenwert von etwa 240 Millionen Euro zu damaligen Weltmarktpreisen und ist fast genau so viel wie die senegalesische Regierung pro Jahr für das nationale Gesundheitssystem ausgibt. Zieht man die laufenden Kosten ab, blieb den Anteilseignern von Teranga Gold immer noch ein Gewinn von gut 38 Millionen Euro im letzten Jahr allein.

Von dem hier produziertem Reichtum merkt man allerdings nicht besonders viel. Sabodala, wie auch alle anderen Dörfer auf dem Weg hierher, sieht aus wie jedes beliebige senegalesische Dorf im Hinterland. Mit etwas gutem Willen kann man unterstellen, dass für eine solch abgelegenen Gegend die Sandpiste in einem sehr guten Zustand ist und einige mehr Steinhäuser zu sehen sind, als man erwarten würde.

Eigentlich jeder mit dem ich über die Mine rede ist unzufrieden. Egal ob in Kédougou oder in Sabodala selbst: die einhellige Meinung ist, dass die Region von der Goldmine rein gar nichts habe. Es gebe nicht genug Jobs und die Firma würde nicht genug in die lokale Entwicklung investieren. Der Dorfchef von Sabodala erzählt mir die Firma mache ihm „Angst,“ denn sie wolle jetzt auch direkt unter dem Dorf nach Gold suchen und bei entsprechenden Vorkommen das gesamte Dorf umsiedeln.

Entsprechende Pläne gäbe es, bestätigt mir der für soziale Verantwortung zuständige Mitarbeiter von Teranga Gold, der nicht namentlich zitiert werden möchte. Allerdings würde Teranga damit nur ein Abkommen mit der Regierung erfüllen. Und das Teranga nichts für die lokale Entwicklung tun würde, das stimme nicht. Von knapp 1.000 Angestellten, so ist auch dem Nachhaltigkeitsbericht der Mine zu entnehmen, sind nur 10 Prozent Ausländer. 28 Prozent kommen aus der direkten Umgebung der Mine, weitere zwölf Prozent aus der Region Kédougou, der Rest aus ganz Senegal. Teranga Gold würde senegalesische Angestellte gezielt weiterbilden und, wo möglich, befördern. Er selbst lerne derzeit einen senegalesischen Kollegen an, der ihn in den kommenden Jahren ersetzen soll, so der Minenmanager.

Auch für die Dorfgemeinschaft habe man einiges getan. So hat das Dorf heute fließend Wasser in den meisten Häusern, es wurden ein Kindergarten und mehrere Schulgebäude gebaut. Einem Gemeinderadio fehle nur noch die Technik, das Haus stehe aber schon. Teranga betreibt außerdem eine Baumschule, die einmal die Setzlinge für die Renaturierung der Abraumberge liefern soll. Im Moment noch von der Firma betrieben, soll diese Baumschule irgendwann von der Dorfgemeinschaft übernommen und profitabel werden. Auf mehreren hundert Hektar betreibt Teranga außerdem ein Demonstrationsfeld zur Ausbildung von Bauern. Eine Gruppe Frauen, deren Familien wegen der Mine umgesiedelt werden musste, habe neben vollen Reparationen auch Gemüsefelder mit entsprechender Infrastruktur und Ausbildung erhalten.

Teranga erfülle alle gesetzlichen Auflagen, auch im Umweltbereich, und zahle alle vorgeschriebenen Steuern und Sozialabgaben. Als erste industrielle Mine im Senegal habe man den Anspruch, im sozialen Bereich Standards zu setzen.

Überhaupt, so ein senegalesische Kollege des Teranga-Repräsentanten, müsse stärker auf die Versäumnisse der Regierung hingewiesen werden. Immerhin sei es eigentlich Aufgabe der Regierung, nicht die eines Privatunternehmens, die wirtschaftliche Entwicklung der Bevölkerung voranzutreiben. Dafür stünden jedoch keine Mittel bereit. Die Region Kédougou, die als Verwaltungseinheit seit 2009 besteht, habe etwa nur einen einzigen Kontrolleur für die Einhaltung der Bestimmungen im Bereich artisanaler Bergbau. In der Region gebe es aber mehrere zehntausend Kleinschürfer. Bis heute hätten die staatlichen Verwaltungen in Sabodala keine Präsenz aufgebaut.

Die Bevölkerung mache darum oft keinen Unterschied zwischen Minenunternehmen und Staat. Auch daher würde die überzogene Erwartungshaltung kommen, dass mit einer Mine automatisch Entwicklung und Wohlstand für alle Einzug erhält. Alle Anwohner hätten sich am Anfang Hoffnung auf Arbeit in der Mine gemacht, die dann enttäuscht wurden. Die Regierung tue wenig, um diese Widersprüche aufzulösen.

Den Beitrag zur senegalesischen Wirtschaft beziffert das Unternehmen für 2013 auf etwa 120 Millionen Euro.. Gut 18 Millionen Euro wurden in Form verschiedener Steuern und Abgaben direkt an die senegalesische Regierung gezahlt. Das sich die Firma vor ihren sozialen und finanziellen Verpflichtungen drücken will, dafür habe ich vor Ort tatsächlich keinen Hinweis finden können.

Aber reichen diese Verpflichtungen aus? Je mehr ich über den Minensektor im Senegal höre, desto stärker wird mein Eindruck das die Regierung diesen Wirtschaftsbereich um jeden Preis entwickeln will. Im Land selbst gibt es dafür nicht das nötige Know How und vielleicht auch nicht genug Kapital. Um nicht den schwierigen und konfliktreichen Weg gehen zu müssen, den der Aufbau eines staatlichen Minenkonzerns bedeuten würde, lockt man ausländische Firmen mit extrem vorteilhaften Bedingungen ins Land.

Diese Bedingungen, Gesetze und Vorschriften werden weitgehend ohne Beteiligung der betroffenen Bevölkerung entwickelt, die nur ihre oft negativen Auswirkungen zu sehen bekommt. Gleichzeitig kommt von den generierten Einnahmen nur wenig in den betroffenen Regionen wieder an.

Aber vielleicht noch schlimmer als diese Unzulänglichkeiten bei der politischen Gestaltung des Prozesses wiegt, dass die gesamte Strategie der Regierung für den Goldsektor auf Sand gebaut scheint. Die Mine in Sabodala soll zwar noch 15 bis 20 Jahre bestehen und um mehrere Projekte erweitert werden – aber nur wenn der Betrieb profitabel bleibt. Und spätestens hier treffen senegalesische Vorstellungen auf die harte Realität des globalen Kapitalismus.

Seit seinem historischen Höchststand von über 1.800 Dollar pro Feinunze im Jahr 2011 hat Gold massiv an Wert verloren und wird heute bei nur noch gut 1.150 Dollar gehandelt. Und selbst das ist eine historische Anomalie, denn vor der Weltwirtschaftskrise galten Preise von über 800 Dollar als hoch.

Er wisse nicht was passieren würde, wenn der Goldpreis weiter so stark falle, hat mir der Angestellte von Teranga Golg gesagt. Dabei dürfte das ziemlich klar sein: in dem Moment, wo die Mine nicht mehr rentabel ist, wird sie stillgelegt. Rechtlich ist das problemlos möglich, alle Angestellten haben befristete Verträge. Für die Region Kédougou, wie auch den Staat Senegal, wäre das aber der Super-GAU. Denn auch, wenn sich alle über die Mine beklagen: bei einer Schließung könnte selbst der große Tagebau von Sabodala die entstehenden Konflikte und zerstörten Hoffnungen wohl nicht mehr fassen.

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