Stipendiaten der Heinz-Kühn-Stiftung bloggen ihre Recherchen und Erlebnisse.

„Als Gott Venezuela erschaffen hat, da hat er mit der Küste angefangen: Strände mit feinstem Sand und kristallblauem Wasser. Davor hat er einige paradiesische Inseln gesetzt, die zu den schönsten dieser Erde gehören. Dann kam er zum Landesinneren. Zunächst hat er die Gran Sabana mit ihrer atemberaubenden Artenvielfalt erschaffen. Mitten in die Savanne hat er mit dem Salto Ángel den größten Wasserfall der Erde gesetzt. Quer durch das Land hat er danach einen der längsten Flüsse gelegt. Schließlich hat er im ganzen Land wertvolle Rohstoffvorkommen verteilt. Irgendwann wurde es einem der Engel zu viel: Wie kannst du einem Land allein so viele Reichtümer geben? Daraufhin hat Gott erwidert: Warte ab, bis du die Menschen siehst.“ Julian lacht als er mit dem Witz fertig ist. Die Pointe wiederholt er gleich mehrfach: „Warte ab, bis du die Menschen siehst.“ Wie die meisten Venezolaner redet der 37-Jährige gerne. Am liebsten über die Venezolaner und ihr Land. Dabei untermalt er seine Aussagen immer wieder mit einem Witz: „Das sind wir Venezolaner. Wenn es ein Problem gibt, machen wir Witze darüber und warten, dass es vorbei geht.“ In Choroní funktioniert diese Taktik sehr gut. Das Dorf ist ein Paradies. Morgens laden die Fischer in dem kleinen Hafen ihren Fang aus. Mittags fahren sie Touristen mit ihren Booten zu den Sandstränden in der Umgebung, Die meisten davon sind nur über das Meer zu erreichen. Die Bewohner aus Caracas und Maracay kommen nach Choroní um sich zu entspannen und um zu vergessen. Das Dorf liegt nur etwa 180 Kilometer von Caracas entfernt, aber von Maracay aus ist Choroní nur über eine enge Bergstraße zu erreichen. Das macht die Anreise zum Abenteuer. Denn das Hauptverkehrsmittel sind ehemalige School Busses deren gelbe Farbe mit grellen Graffiti übermalt wurde. Einen Gepäckraum gibt es nicht, dafür verfügt jeder Bus über ein Soundsystem, das die Scheiben vibrieren lässt. Mit offenen Fenstern und Cumbia-Musik ruckeln die Busse die engen Serpentinen hoch bis auf 1500 Meter. Vor jeder Kurve wird gehupt, denn an vielen Stellen ist die Straße nur einspurig befahrbar. Wer einmal in Choroní ist, möchte hier nicht mehr weg. Julian lebt seit fünf Jahren hier. Seine Eltern stammen aus dem kleinen Dorf. Aber aufgewachsen ist er auf der Isla Margarita. Dort hat er seine Liebe zum Surfen entdeckt: „Wenn ich lernen musste, dann habe ich immer zuerst geschaut wie die Wellen sind. Wenn die Wellen schlecht waren, dann habe ich mich geärgert, weil dann war lernen angesagt.“ Dementsprechend lang hat sein Studium der Meeresbiologie gedauert. „Eigentlich habe ich das nur studiert, damit ich eine Ausrede habe, um surfen gehen zu können.“ Danach hat er eine Weile in Caracas gelebt. „Ich wollte das Leben kennenlernen.“ Aber nach einigen Monaten hatte er davon genug. Jetzt betreibt er in Choroní eine Surfschule mitten an der Playa Grande. Im Dorf nennen ihn alle nur den Professor. „Hier hat jeder seinen Spitznamen. Erst habe ich mich dagegen gewehrt, aber mittlerweile habe ich mich daran gewöhnt. Dann bin ich eben der Professor. Es gibt schlimmere Spitznamen.“ Aber mit dem Namen ist auch eine gewisse Verantwortung verbunden. Wenn zwei diskutieren, dann wird er hinzugezogen: Lass mal den Professor fragen, der hat studiert. Doch in gewisser Weise genießt Julian die Verantwortung. Außerdem ist er daran gewöhnt aufzufallen. Mit seinen von der Sonne ausgeblichenen Haaren, dem verwaschenen Quicksilver T-Shirt und den Flip Flops wirkt er vom Aussehen wie ein Tourist, wie ein Gringo. „Die Menschen sprechen mich immer an: Pero tú no eres de aquí. (Aber du, du bist nicht von hier.)“ Dabei hat er den Lebensstil längst verinnerlicht. Aus Choroní möchte er nicht mehr weg. Ein Grund dafür ist auch die Politik. Julian bezeichnet sich selber als Chavista. Aber mit der aktuellen Politik der Regierung kann er sich nicht identifizieren. In Choroní lebt er, weil er keine Lust mehr hatte, sich jeden Tag zu ärgern. „Ich habe viele Freunde in Caracas. Die schimpfen immer über das Leben. Hier schaue ich mir das Meer an, und alles ist gut.“ In das etwa 50 Kilometer entfernte Maracy fährt er nur wenn es unbedingt sein muss. Als er das letzte Mal dort war, hat ihn in der Bank eine Frau angesprochen: „Sie sind doch Surfer. Mein Sohn auch, aber jetzt lebt er in Italien. Ich habe ihm gesagt, davon kann man nicht leben.“ Dann fing sie an über die generelle Wirtschaftslage zu sprechen. Da hat Julian gesagt, dass er aus Choroní kommt. Daraufhin hat sie genickt und das Gespräch beendet. Es gibt ein Lied, das Julian in solchen Momenten zitiert: „No soy de derecha. No soy de izquierda. Me van a encontrar muerto in Choroní.“ („Ich bin nicht rechts. Ich bin nicht links. Ihr werdet mich tot in Choroní finden.“) Aber ganz hat er die Politik nicht aufgegeben. In kleinem Stil verwirklicht er in seiner Surfschule seine Form von Sozialismus „Ich habe immer drei Surfbretter im Wasser. Eins davon vermiete ich, die beiden anderen sind für die Kinder aus dem Ort. Ich weiß, dass die kein Geld haben, um dafür zu bezahlen.“ Touristen, die am Wochenende kommen, fragen manchmal, ob sie ihn in Dollar bezahlen sollen. Er sagt dann immer, lieber in Bólivares, denn das gibt er auf dem Heimweg aus. Doch von der Politik im großen Stil möchte er nichts mehr wissen. Aus seiner Sicht wird sich in Venezuela nichts ändern. Egal, wer regiert. „Die Menschen denken nur noch an die Regierungszeit von Chávez. Aber davor gab es auch Probleme.“ Die haben seiner Meinung nach alle mit Erdöl zu tun: „Du könntest hier hinkommen und eine Bäckerei aufmachen und damit eine Menge Geld verdienen. Das Problem ist nur: Sobald du jemandem hier von der Idee erzählst, sagen alle: Aber was willst Du denn mit Brot?“ Julian schüttelt den Kopf. Dann zuckt er mit den Achseln, zündet sich eine Zigarette an und grinst: „Der Mensch hat ein Gen für Korruption. Venezolaner haben zwei.“

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