Stipendiaten der Heinz-Kühn-Stiftung bloggen ihre Recherchen und Erlebnisse.

Donnerstagmorgen in der Metro zwischen Palo Verde und Propatria. In Chacaíto steigt ein junges Pärchen ein. Die beiden scheinen in einer Bäckerei gewesen zu sein. Sie balanciert in der einen Hand einen kleinen Karton wie sie hier zum Verpacken von Gebäck und Torten verwendet werden. Mit der anderen Hand ergreift sie einen der Haltegriffe. Pinker Nagellack, auch auf den Fußnägeln. Dazu abgestimmter Lidschatten der fast ihre Augenbrauen berührt. Er lehnt sich an die geschlossene Tür. Das Gespräch läuft schon:
– Weißt Du noch, letztes Jahr haben wir auch eine Geburtstagstorte gekauft. 120 Bolívares hat die gekostet. Mit 20 Leuten haben wir davon gegessen. Erinnerst du dich?
– …
– Es kann doch nicht sein, dass die gleiche Torte in diesem Jahr 600 Bolívares kostet.
– …
Mit fester Stimme spricht sie weiter.
– Dann muss ich mir anhören, ich wäre fanatisch, aber das kann doch nicht sein.
Er gibt ihr einen Kuss, wie um sie zu beruhigen. Neben den beiden wird ein Sitzplatz frei. Schnell setze ich mich und klappe mein Notizbuch auf. Das Gespräch nimmt eine neue Wendung:
– Die Gewalt wird auch immer schlimmer. In den ganzen letzten Jahren ist uns nicht einmal was passiert. In diesem Jahr direkt mehrmals. Erinnerst du dich an das eine Mal als du aus der Uni nach hause gegangen bist?
– …
– Das sind keine fünf Minuten bis zum Parkplatz. Trotzdem musst du Angst haben, dass du überfallen wirst. Nicht einmal in der Uni ist man sicher. Erinnerst du dich?
– …
Er nickt stumm. Als würden die beiden das Gespräch nicht zum ersten Mal führen.
– Man kann nicht mal mehr in Ruhe einen Kaffee trinken. Immer muss man Angst haben, dass man eine Kugel abbekommt. Ich will echt nicht übertreiben, aber in was für einem Land leben wir denn?
– …
– Das ist doch kein Frieden Ich meine, wenn wir jetzt in Israel wären. Aber dass man hier Angst haben muss, dass man irgendwie eine verirrte Kugel abbekommt. Das ist echt kein Frieden für mich.
– …
In seinen Augen die stumme Frage: Aber was soll man denn machen?
– Dann muss ich mir wieder anhören, ich wäre fanatisch.
– …
Die Metro fährt in Bellas Artes ein. Er macht sich zum Aussteigen bereit.
– Ich steige aus. Wir sehen uns heute Abend.
– Pass auf dich auf.
– Du auch.

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