Stipendiaten der Heinz-Kühn-Stiftung bloggen ihre Recherchen und Erlebnisse.

Samstagmittag in einer Apotheke gegenüber vom Plaza Altamira. Zu Beginn des Jahres war hier auf dem Platz einer der Mittelpunkte der Proteste. An diesem Wochenende beginnt hier die Buchmesse von Chacao. Eine der größten in Venezuela. Traditionell findet die Messe im April statt. Aber aufgrund der Proteste wurde der Termin verschoben. Ich möchte noch schnell eine Flasche Wasser kaufen. Apotheken sind hier eine Mischung aus Drogeriemarkt und Medikamentenausgabe. Als ich das letzten Mal an der Apotheke vorbei gegangen bin stand vor der Tür eine lange Schlange. Den Einkaufstüten nach zu urteilen ging es um Maismehl, harina P.A.N.. Eines der Grundnahrungsmittel in Venezuela und schon seit Wochen nur noch schwer zu bekommen. Ein Mann ist mir besonders im Gedächtnis geblieben. Auf dem Weg zu seinem Auto hat er eines seiner Pakete einer älteren Dame gegeben, die am Straßenrand saß. Vielleicht hatte er ihr das vorher versprochen. Vielleicht hat er sich spontan dafür entschieden. Solche Gesten der Fürsorge zeichnen die Venezolaner aus. Manchmal sieht man in den Schlangen vor den Geschäften ein einzelnes Paar Flip Flops. Ein Platzhalter für eine andere Person die nicht so lange anstehen kann. 15 Bs soll die 1,5 Liter Flasche in der Apotheke kosten. Gerade wurde der Mindestlohn zum nächsten Monat von 4.251,78 Bs auf 4.889,54 Bs erhöht. Eine Flasche Wasser am Tag sollte dann wohl drin sein, denke ich. Mit einem Kaffee wird es schon schwieriger. Denn ein großer Milchkaffee kostet im Durchschnitt 30 Bs. Dann lieber viermal am Tag tanken, überlege ich weiter. Für eine Tankfüllung bezahlt man hier gerade einmal 5 Bs. 10 Bs wenn man das Trinkgeld für den Tankwart mitrechnet. Das ist selbst bei einem offiziellen Wechselkurs von etwa 11 Bs pro Euro ein lächerlicher Betrag. Nimmt man den aktuellen Schwarzmarktwechselkurs von 122 Bs pro Euro braucht man im Prinzip gar nichts mehr zu bezahlen. Ob ich hier anstehe. Eine ältere Dame reißt mich aus meinen Berechnungen. Ich nicke. Dann stehe sie jetzt hinter mir. Ob ich ihr den Platz freihalten könne, sie wäre gleich wieder da. Vale. In der Schlange vor mir steht ein Pärchen mit Kinderwagen. Der Mann bestellt zwei Packungen Trockenmilch. Erst jetzt bemerke ich den großen Karton hinter der Kasse. Das Bezahlen dauert länger, denn die Kassiererin muss erst seinen Namen und seine Ausweisnummer eingeben, wie fast überall. Dann ist seine Frau dran. Sie bestellt ebenfalls zwei Packungen Trockenmilch. „Wie viel kostet eine Packung?“ Die Dame hinter mir ist wieder da. Ich zucke mit den Schultern. „120 Bs.“, erklärt die Frau vor mir. Die Dame in der Schlange hinter mir zählt ihr Geld nach. Ob ich auch Milch kaufen möchte, fragt sie mich. Ich schüttele den Kopf und deute auf meine Flasche Wasser. Vielleicht könne ich dann eine Packung für sie kaufen? Claro. Sie drückt mir 150 Bs in die Hand. Dann noch einmal 20 Bs. Das Wasser werde sie natürlich bezahlen. „Eine Packung Milch bitte.“ Endlich bin ich an der Reihe „Nur eine?“, fragt die Kassiererin erstaunt. Jeder Kunde dürfe aber zwei Packungen kaufen. Eine sei genug, entgegne ich und zahle. Draußen vor der Apotheke warte ich mit dem Wechselgeld auf die Dame. Das sei natürlich für mich, erklärt sie. Wo ich denn hin wolle. „Nur da vorne zum Plaza Altamira.“, sage ich und deute auf die andere Straßenseite. Aber dann könne sie mich doch mitnehmen. Ihr Auto stehe gleich da vorne. Lachend lehne ich ab. Ich fühle mich sehr deutsch. Soviel Dankbarkeit für eine Packung Trockenmilch ist mir unangenehm. Gleichzeitig fühle ich mich aber auch ein bisschen venezolanisch. Die Dame drückt ich zum Abschied. Möge Gott mit dir sein.

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