Stipendiaten der Heinz-Kühn-Stiftung bloggen ihre Recherchen und Erlebnisse.

Salvador da Bahia. Tropische Traumstadt voller Trommeln, Zentrum von Afrobrasilien, Drei-Millionen-Metropole voller Palmen in den Hügeln der Allerheiligen-Bucht. Als ich die ersten Reais in der Hand halte, kaufe mir erstmal einen Regenschirm. Die Traumstadt tropft.

Salvador, sagt die Wettervorhersage, begrüßt mich mit einer Woche Regen und Gewittern im fröhlichen Wechsel. Mein Regenschirm und ich machen einen Ausflug zum nächsten Zeitungskiosk. Ich will die Sonderbeilage zum „Monat des Schwarzen Bewusstseins“ kaufen, die die Tageszeitung „A Tarde“ zum Monat November herausgibt. Zumindest hat mir das eine Politikredakteurin der Zeitung vor meiner Anreise am Telefon so gesagt. Der November ist im nordostbrasilianischen Bundesstaat Bahia „Mês da Consciência Negra“ – ausgehend vom 20. November, dem „Dia da Consciência Negra“. Dieser Tag, Todestag des einzigen schwarzen Nationalheldes von Brasilien, ist in mehreren Städten und Gemeinden des Landes Feiertag. Morgen also kulminieren unzählige öffentliche und private Veranstaltungen und Feiern, die jedes Jahr an die Geschichte der afrikanischen Sklaven und Brasilien erinnern und außerdem aktuelle Diskussionen rund um Rassismus und Rassengleichheit vorantreiben sollen.

Não sei, minha nêga“, sagt die Verkäuferin am ersten Zeitungskiosk, und schüttelt den Kopf. „Ich weiß  nicht, meine nêga“. Na sowas. Nêga kommt von „negra“ und ist eine freundliche Anredeform – in etwa so, als wenn man in Deutschland „meine Liebe“ sagen würde. Aber nêga ist auch ein Wort aus der Zeit der Sklaverei. Die (umstrittene) brasilianische Redewendung „Eu não sou suas nêgas“, auf Deutsch etwa „Ich bin nicht deine Schwarzen“, zeigt, dass der Ausdruck einst aus dem Mund der Sklavenbesitzer kam. Und sie zeigt auch, welches Machtverhältnis in dem Wort steckt: Afrikanische Sklavinnen in Brasilien gehörten ihren Besitzern nicht nur in Bezug auf ihre Arbeitskraft, auch sexuelle Ausbeutung war die Regel.

À propos: Erst vor wenigen Monaten gab es in Brasilien eine heftige Debatte über eine Fernsehserie des Mega-Medienkonzerns Globo. „Sexo e as Nêgas“ heißt die Serie, der Titel soll an den US-Serienerfolg „Sex and the City“ erinnern. Die Protagonistinnen sind vier Frauen aus einem Vorort von Rio de Janeiro, bescheidenen Einkommens, aber umso unbescheideneren Sexlebens. Schon vor dem Start der Serie gingen bei der nationalen Gleichstellungsbehörde Beschwerden über den Titel der Serie ein, und in den sozialen Netzwerken gab es tagelang nur dieses Thema: Der Titel sei purer Rassismus, die Serie reproduziere machistische und rassistische Stereotypen, hieß es von Seiten der Kritiker.

Und jetzt werde ich, mit meiner papierweißen Haut, auf der Straße in Salvador da Bahia, der schwarzen Hauptstadt Brasiliens, nêga genannt? Jau, das Thema ist komplex.

Ein Zeitungskiosk an einer regennassen Straße

Bei Regen geht hier keiner gern auf die Straße.

Der Verkäufer am zweiten Zeitungskiosk hat auch noch nichts von der Sonderbeilage gehört. Er meint, ich könnte ja zum Sitz des Verlags der Tageszeitung fahren, um das Heft zu kaufen. Ich schüttle den Kopf und bedanke mich, da schaut er mich plötzlich mit durchdringendem Blick an und beginnt das Gespräch quasi nochmal von vorn: „Du willst also die Beilage zum Monat des Schwarzen Bewusstseins kaufen?“ Ich weiß nicht, was ich antworten soll und mache mich aus dem Staub. Mir wird klar, dass ich wahrscheinlich der Mensch mit der weißesten Hautfarbe bin, die der Zeitungsverkäufer seit langem gesehen hat. Und dass er dunkelhäutig ist. Und dass das Thema Consciência Negra in Brasilien eigentlich nicht ein Thema der Weißen ist.

Schon bevor ich hergekommen bin, habe ich mich gefragt, mit welchem Recht ich eigentlich dieses Thema zu „meinem“ Thema wähle. Ist es nicht Teil des Kampfes für Rassengleichheit (wie bei allen Gleichstellungsbewegungen), den benachteiligten Gruppen das Wort zu überlassen? Werde ich wieder nur eine reiche Weiße mehr sein, die die Geschichte durch ihre eigene Brille erzählt? Aber als Journalistin ist das doch irgendwie mein Job. Ich werde mir Mühe geben, den Menschen hier das Wort zu überlassen.

Übrigens lag die Sonderbeilage einen Tag später der Tageszeitung bei – sie kam nicht etwa am Monatsanfang heraus, sondern am 20. November, dem Tag des Schwarzen Bewusstseins. Hätte ich ja mal drauf kommen können.

 

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