Stipendiaten der Heinz-Kühn-Stiftung bloggen ihre Recherchen und Erlebnisse.
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Einleitung in den Riachuelo

„Hier können wir sehen, wie die Unternehmen die Abfälle in den Fluss werfen. Und wie der Fluss verschmutzt wird. Das muss sich ändern“, sagt der etwa elfjährige Lautaro schüchtern und Lehrerin Claudia Leguizamón hat auch etwas mitgeholfen. Lautaro sagt den Satz in mein Radioaufnahmegerät, ein merkwürdiges Gerät, fast so merkwürdig wie die blonde große Frau aus Deutschland, einem Land, von dem Naila, Malene und Daira noch nie etwas gehört haben. Nur Ezequiel, der seine Fußballschuhe sogar in der Schule trägt weiß: Die haben die WM gegen uns gewonnen. Wir stehen am Ufer des Riachuelo und blicken auf das braune Wasser, das sich an dieser Stelle milchig-grün-bräunlich verfärbt. Offensichtlicher könnte die Einleitung von industriellen Abwässern nicht sein. Wir sind in der Villa Jardin, einem Armenviertel in Lanús, gut zwei Stunden von Buenos Aires entfernt. In Lanús gibt es seit jeher viel Lederindustrie und bei dessen Verarbeitung wird unter anderem Chrom eingesetzt. Ob die milchige Brühe, die wir gerade sehen, von einer Gerberei stammt, lässt sich nicht sagen.

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Aber die fünf Schüler sollen sehen und verstehen, dass das nicht normal ist. Denn für die Bewohner in der Villa Jardin, einer Siedlungdirekt am Riachuelo, ist grasgrün oder ölig blau verfärbtes Wasser nichts besonderes. Es fließt ständig in allen Farben durch die Abwasserrinnen, die die unbefestigten Wege entlang fließen. Nur eine Straße trennt die Häuser hier vom Flussufer, aber auch das ist noch zu nah, hat das Oberste Gericht in seinem Urteil von 2008 beschlossen. Deshalb werden die Bewohner der ersten Häuserzeile in neue Häuser in der Umgebung umgesiedelt.

DSC09163Ezequiel, Naila, Malene, Daira und Lautaro sind heute Forscher. Sie nehmen Wasserproben aus den Abwasserrinnen neben der Schule und aus dem Riachuelo. Lehrerin Claudia hat eine Zusatzausbildung zur Umweltpädagogin gemacht und widmet sich mit bewundernswerten Einsatz und ganzem Herzen dieser Aufgabe. Sie verteilt Einmalhandschule an die Schüler und jedes Mal, wenn einer mit der Pipette etwas Wasser in ein Reagenzglas gefüllt hat und den Handschuh auszieht, dann verteilt sie Handdesinfektion für alle.

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Abwasserrinne mit ständig wechselnder Farbe

Claudia ist in der ganzen Villa bekannt, ständig werden wir auf unserem Weg durch das Viertel aufgehalten, Menschen begrüßen Claudia wie eine Freundin. Und auch sie spricht die Leute an. Zwei Cartoneros sind auf dem Weg in die Innenstadt, ziehen ihren großen Handkarren gerade umständlich über eine der über die Straße verlaufenden Abwasserrinnen. Claudia fragt, ob sie noch Altpapier brauchen können und schickt sie erstmal zur Schule. Dort sollten sie die Papiertonne leeren, das könnten sie im übrigen auch gleich jeden Donnerstag oder Freitag machen, es sei viel Altpapier da und in der Schule würde der Müll sogar getrennt. Immer wieder sagt sie mir: Das ist die Wirklichkeit, so leben die Menschen hier. Auch wenn dir die Behörden erzählen, wie groß der Fortschritt ist.

DSC09165Für die zehn- und elfjährigen Schüler ist heute kein normaler Schultag, sondern ein Projekttag. Deshalb sind nur wenige da. Wir, die Forschergruppe, gehen zurück in die Schule und werten unsere Proben aus – natürlich muss jeder Schüler erst einmal gründlich Hände waschen. Unter dem Mikroskop sieht man das Ergebnis: Im Wasser des Riachuelo und in einem der beiden Abwasserrinnen bewegt sich nichts mehr. Kein Mikroorganismus lebt in dem Wasser. Nur in einer der drei Proben tummeln sich winzige Pünktchen. Hier ist noch Leben drin. Die Schüler machen große Augen.

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Unermüdlicher Einsatz: Lehrerin Claudia mit der Direktorin der Schule in Villa Jardin

In der Frühstückspause gibts ein Käsebrötchen und zuckersüßen Mate-Tee aus dem Beutel. Ich erfahre von Malene, dass sie elf Geschwister hat. Auch die anderen haben viele, drei, sechs, sieben. Die ganze Familie wohnt in der Villa und nur einmal sind sie verreist, als die Schule einen Ausflug nach Cordoba gemacht hat. Diese Kinder haben nicht die gleichen Chancen wie welche, die in Palermo oder Recoleta, den besseren Vierteln aufwachsen. Oft gehen die Jungs und Mädchen mit den Vätern abends noch in der Stadt Papier sammeln, die Eltern haben keine festen Jobs und ab dem siebten Geschwisterkind zahlt der Stadt mehr Kindergeld. Aber die kleine Naila kommt immer wieder zu mir und will mich drücken und der erst so schüchterne Lautaro fragt immer wieder, ob ich schon gehen müsste. Ist es die lateinamerikanische Offenheit, die auf eine deutsche Kühle trifft oder sehnen sich die Kinder tatsächlich nach Zuwendung? Diese fünf hier sind liebenswert, andere sind frech und aggressiv. Ein etwa 12-Jähriger wirft mir ständig: Fuck you motherfucker! an den Kopf und hat den Tonfall eines Mini-Gangster-Rappers drauf. Weder er noch die anderen wissen, was das heißt. Wieder andere Schüler haben einen leeren Blick und wirken abwesend. Viele Dinge, die für uns selbstverständlich sind, sind hier Luxus. Gerade Zähne zum Beispiel. Ordentliche Schuhe. Viele Kinder, erzählt eine Sozialarbeiterin mir, haben Konzentrationsprobleme, Haut- und Atemwegserkrankungen.

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